Johannes der Täufer
Gottes tolle Typen
Seine Speise würden wir nicht gerade als Delikatesse bezeichnen: Heuschrecken und wilder Honig, mit so spärlicher Kost kämen wir wohl nicht weit. Seine Kleidung hingegen, ein Gewand aus Kamelhaaren, könnte noch heute als modisch durchgehen. Johannes kommt sechs Monate vor Jesus zur Welt, der sein Vetter ist. Er zieht als Prophet durch Judäa, ruft unermüdlich zum Umdenken und zur Umkehr auf und mahnt eine Gesinnung an, die das gestörte Verhältnis zu Gott in Ordnung bringt und die Gemeinschaft mit anderen wiederherstellt.
Die Bibel nennt das Buße. Als deren Zeichen tauft Johannes die Menschen mit dem Wasser des Jordans. Und gebraucht markige Worte: "Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gesagt, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? Zeigt durch eure Taten, dass ihr euch ändern wollt! Die Axt ist schon angelegt. Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.³
Einige Zeit lebt Johannes in der Wüste, wo die Worte klare Umrisse gewinnen, wo wenig Ablenkung ist und wo aus Mangel an Zerstreuung das unverarbeitete Leben in einem aufsteigt. Sie wird zu einem Ort des Neubeginns.
Zur Zeit des Propheten, dessen Wirken in der Öffentlichkeit etwa auf das Jahr 28 datiert, ziehen viele Prediger mit den abstrusesten Lehren durchs Land. Johannes aber spricht mit besonderer Dringlichkeit. Die Kraft seiner Botschaft und seines Taufaktes ist so groß, dass "ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zu ihm hinausziehen und ihre Sünden bekennen³. Er sagt deren Vergebung durch die Taufe statt durch Opfer im Tempel zu. Dabei baut er auf die eher großzügigen Grundsätze des jüdischen Gesetzes als auf die strenge Gesetzlichkeit der Schriftgelehrten. Somit macht er sich freilich zu einem Außenseiter. Solche sind im allgemeinen nicht sehr beliebt. Und der Vorwurf der religiösen Unterwanderung des Gängigen greift schnell.
Johannes versteht sich als Vorläufer. Es werde einer nach ihm kommen, der stärker sei als er. Der werde zu Ende bringen, was er selbst begonnen hat. Ein Hinweis auf Jesus, der sich eines Tages auch von Johannes taufen lässt. Einige Zeit verbringen sie miteinander in der gleichen Erneuerungsbewegung, in der Jesus seinen ersten Jüngern begegnet. Aber dann ist Johannes wohl enttäuscht, weil Jesus mehr an der Vergebung liegt als an dem von ihm vorhergesagten Gericht. Und so lässt er Jesus eines Tages fragen, ob er denn auch wirklich der erwartete Heilsbringer sei.
Als Johannes später in Galiläa lehrt, wird er von dem Vasallen Herodes Antipas verhaftet. Der hat sich in seine Schwägerin Herodias verliebt und heiratet sie. Ein Verstoß, den der Prophet öffentlich anklagt. Was den Hass der Gattin schürt. Als Herodes bei einem Festmahl in Weinlaune ein leichtfertiges Versprechen gibt, benutzt Herodias ihre Tochter Salome, um den Täufer enthaupten und seinen Kopf auf einer Schale bringen zu lassen. Sich mit den Mächtigen anzulegen, kann tödlich sein.
Hans-Albrecht Pflästerer
