Markus

Gottes tolle Typen

Der Löwe hat Flügel und Heiligenschein. Mit seinen Pranken hält er ein Buch. Die Stadt und frühere Republik Venedig hat ihn in ihr Wappen übernommen. Er ist das Tiersymbol des Evangelisten Markus, den die spätere Legende zum Märtyrerbischof von Alexandria machte, dessen Leiche nach Venedig gebracht worden sein soll. Dort ist das Enblem allgegenwärtig.

Markus ist nach altkirchlicher Tradition Autor des nach ihm benannten Evangeliums, des  kürzesten und ältesten der vier Evangelien, auch wenn es im Neuen Testament erst an zweiter Stelle steht. An ihm werden sich sowohl das Matthäusevangelium als auch die Chronik des Lukas später orientieren. In ihm wird zum ersten Mal der Weg des irdischen Jesus von der Taufe über sein Wirken in Galiläa bis zu Passion, Tod und Auferstehung in Jerusalem geschildert. Vom Ereignis des Todes und der Auferstehung her und auf diese Geschehnisse hin ist das Markusevangelium  ausgerichtet. Der Theologe Martin Kähler nennt es deshalb eine „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“. Sie ist für Nichtjuden und Christen nichtjüdischer Herkunft verfasst. Erst Kreuz und Auferstehung legen offen, wer Jesus ist und was er bringt.

Als sein Vetter Barnabas und Paulus zu ihrer ersten Missionsreise aufbrechen, ist Markus ihr Begleiter. Sie nehmen ihn als Gehilfen von Jerusalem nach Antiochia mit. Bei der Weiterreise auf dem Festland verlässt er die beiden und kehrt von der Südküste der heutigen Türkei nach Jerusalem zurück. Wohl nach einem Streit. Später bricht Markus gemeinsam mit  Barnabas nach Zypern auf. Dass Paulus ihn in Briefen als Mitarbeiter bezeichnet, der ihm „gute Dienste leistet“, lässt auf Aussöhnung schließen.

Markus berichtet als Einziger von einem mit einem weißen Tuch bekleideten jungen Mann, der bei der Gefangennahme Jesu anwesend war, angegriffen wurde und nackt flüchten musste. Es gibt Vermutungen, dass dieser junge Mann Markus selber ist. „Wenn das stimmt“, schreibt Peter Calvocoressi in seinem „Who’s who in der Bibel?“, „dann hat er sich auf bescheidene Art in seinem Werk selbst verewigt, so wie die Künstler oder Mäzene der italienischen Renaissance, die an unauffälliger Stelle auf ihren Bildern erscheinen, oder wie Alfred Hitchcock irgendwo in seinen Filmen auftaucht.“

Der Verfasser des Evangeliums nennt sich selbst nirgends mit Namen. Aber seit dem zweiten Jahrhundert schreibt man das Werk unter Berufung auf den griechischen Bischof Papias Markus zu, der in der Apostelgeschichte mehrfach erwähnt wird und in Briefen als Mitarbeiter von Paulus und Petrus erscheint. Es soll um 70 nach Christus in Rom  abgefasst sein. Dabei sind die Übersetzungen oft poetischer als das griechische Original. Sammlungen von Gleichnissen und anderen Jesusworten, eine kurze Passionsgeschichte und einige Wundererzählungen gibt es wohl schon früher. Eine italienische Elfenbeinschnizerei aus dem elften Jahrhundert zeigt Petrus, wie er Markus seine Erinnerungen diktiert, Grundlage des zweiten Evangeliums.

Nach der „Legenda aurea“, einer Sammlung von Heiligenlegenden, die der Dominikaner und Erzbischof von Genua, Jacobus da Voragine im 13. Jahrhundert zusammenstellte, hat Markus eine lange Nase und einen schönen, dichten Bart. Und wundervolle Augen.
Hans-Albrecht Pflästerer