Thomas

Gottes tolle Typen

Der Dichter Bertolt Brecht weiß es: “Von den sicheren Dingen das Sicherste ist der Zweifel.” Für den Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg darf Zweifel nichts weiter sein als Wachsamkeit: “Sonst wird er gefährlich.” Für Martin Luther gar ist Zweifel Sünde und ewiger Tod. Das sieht der Poet Erich Fried ganz anders: “Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst. Aber hab' Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.”

Es gibt ein Gedicht von Eugen Roth:
Ein Mensch, vertrauend auf sein klares
Gedächtnis, sagt getrost: “So war es!”
Er ist ja selbst dabei gewesen –
doch bald schon muss er's anders lesen.
Es wandeln sich, ihm unter Händen,
Wahrheiten langsam zu Legenden.
Des eignen Glaubens nicht mehr froh,
fragt er sich zweifelnd: War es so?”
Bis schließlich überzeugt er spricht:
“Ich war dabei – so war es nicht!”

Für Dorothee Sölle sind Herr Glaube und Frau Zweifel seit Jahrhunderten miteinander verheiratet. Der Zweifel ist der große Gegenspieler des Glaubens. Er mag die Achtsamkeit stärken und für die Wachsamkeit nützlich sein. Doch es kostet Kraft und Zuversicht, ihn zu überwinden.

Im Neuen Testament hat der Zweifel einen Namen: Thomas. Der gehört einer Kerngruppe von zwölf Jüngern an, die Jesus aus einer größeren Gefolgschaft auswählt. Sie sind fähig, zu heilen, Dämonen auszutreiben und Jesu Botschaft zu vermitteln. Als Jesus im Tempel predigt und seine Worte die Anwesenden erzürnen, weil sie darin eine Lästerung Gottes erkennen, gerät sein Leben in Gefahr. Er flieht, kehrt jedoch in die gefährliche Region zurück, um das Grab eines Freundes zu besuchen. Thomas nimmt Jesu Ernsthaftigkeit wahr, trotz Todesdrohungen nach Jerusalem zurückzukommen, und ist bereit, sogar mit ihm in den Tod zu gehen. Was von Anhänglichkeit und Treue zeugt.

Jesu Verhaftung und Hinrichtung lässt die Jünger zunächst ratlos zurück. Verschüchtert schließen sie sich ein. Eines Abends tritt Jesus, vom Tod auferstanden, in ihre Mitte, zeigt ihnen die Narben seiner Kreuzigung und entbietet ihnen den Friedensgruß. Thomas ist nicht bei ihnen, warum auch immer. Später erzählen ihm die anderen von ihrer Begegnung. Thomas kann dies alles nicht fassen. Nicht, bevor er die Wundmale betasten kann. Er wird in diesem Augenblick zur Chiffre für alle, die einen Sachverhalt oder ein Geschehen in Frage stellen. Auf ihn geht das Etikett vom ungläubigen Thomas zurück, mit dem man zukünftig die Zweifelnden bekleben wird. Nach Tagen der Ungewissheit begegnet Jesus auch Thomas. Der berührt die Narben – und glaubt. Mit dem schönsten und kürzesten Bekenntnis der Bibel: “Mein Herr und mein Gott.” Worauf Jesus mit jenem Satz antwortet, dem Flügel wachsen sollten: “Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.” 600 Jahre später wird Papst Gregor der Große die Bedeutung dieses Ereignisses würdigen: “Thomas' mangelnder Glaube hat für unseren Glauben mehr getan als der Glaube der Jünger.”

Viele Legenden umranken die Missionsarbeit des Thomas. Anschaulich und umfangreich schildern die Thomasakten, ein erzählendes Werk des frühen dritten Jahrhunderts, seine von zahlreichen Wundern begleitete Tätigkeit in Indien – und seinen Tod als Märtyrer.

“Wenn wir die Zweifel nicht hätten”, steht bei Johann Wolfgang von Goethe, “wo wäre dann frohe Gewissheit?”
Hans-Albrecht Pflästerer