Die eine Bibel und die Vielfalt der Bibelübersetzungen

Empfehlungen des Rates zur Stellung und zum Gebrauch der Lutherübersetzung in der Evangelischen Kirche in Deutschland

Für alle christlichen Kirchen ist die Bibel, die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments, Grund und Quelle ihres Glaubens und ihrer Verkündigung. Sie ist der gemeinsame Bezugspunkt und das Kriterium der christlichen Lehre und darum auch gemeinsamer ökumenischer Besitz aller Kirchen. Unterschiede in der Bezeichnung und Anordnung einiger biblischer Bücher und in der Bewertung der Spätschriften des Alten Testaments (Apokryphen) können dies nicht in Frage stellen.

Seit den frühesten Zeiten sind die biblischen Texte aus ihren Ursprachen, Hebräisch (und Aramäisch) für das Alte Testament und Griechisch für das Neue Testament, übersetzt worden. Von Bibelübersetzungen ins Griechische (Septuaginta), ins Lateinische (Vulgata) und ins Altslawische sind kirchengeschichtlich prägende Wirkungen ausgegangen. Entsprechendes darf von der deutschen Bibelübersetzung Martin Luthers gesagt werden. Auch wenn es vor ihr Versuche der Bibelübersetzung ins Deutsche gegeben hat, ist Luthers Bibel doch - über den Raum der evangelischen Kirche hinaus - Vorbild, Maßstab oder jedenfalls Bezugspunkt geworden für alle ihm folgenden deutschen Bibelübersetzungen. Der sprachgeschichtliche Rang der Lutherübersetzung ist unvergleichlich. Die Genauigkeit ebenso wie die sprachschöpferische Freiheit der Übersetzung Luthers machen seine Bibel heute noch zum klassischen Bibeltext deutscher Sprache, der weit über die evangelische Kirche hinaus die Verwendung der Bibel in Literatur, Theater und Kultur prägt.

Die Lutherbibel (revidierter Text) von 1984 ist der maßgebliche Bibeltext der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihrer Gliedkirchen für Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge. Als solchen hat ihn der Rat der EKD den Gliedkirchen empfohlen, und so steht er bei ihnen in Gebrauch.

Der Rat der EKD bittet die Gliedkirchen, insbesondere die Pfarrerinnen und Pfarrer und die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, in ihrem Dienst darauf zu achten, dass die Lutherbibel als Grundtext der evangelischen Kirche, zugleich in ihrer Bedeutung als einigendes Band der evangelischen Kirchen und Freikirchen, deutlich erkennbar bleibt.

In Deutschland werden gegenwärtig nicht weniger als 34 verschiedene Bibelübersetzungen oder Übersetzungen von Bibelteilen angeboten. Sie unterscheiden sich in der Sprachebene (gehobene Sprache, Umgangssprache, poetisch oder rhetorisch geformte Sprache), in den Grundsätzen, denen die Übersetzungsweise folgt (philologische Übersetzung, "kommunikative" Übersetzung, paraphrasierende Übertragung), und natürlich in den Zielgruppen, an die sie sich vornehmlich richten. Die Vielfalt der vorhandenen Bibelübersetzungen stellt einen großen Reichtum dar. Er ergänzt die Lutherbibel und erschließt dem Wort der Heiligen Schrift den Weg zu einer Hörer- und Leserschaft, die durch nur eine einzige Bibelübersetzung nicht in dieser Weise erreichbar wäre.

In erster Linie ist die Einheitsübersetzung zu nennen, die in besonderer Weise für den Gebrauch bei ökumenischen Anlässen in Betracht kommt. Sie ist der "authentische" einheitliche Bibeltext der deutschsprachigen Diözesen der römisch-katholischen Kirche (von daher rührt ihr Name). An der Übersetzung des Neuen Testaments und der Psalmen haben auch evangelische Fachleute mitgewirkt. Das Neue Testament und die Psalmen der Einheitsübersetzung sind von der katholischen und der evangelischen Kirche als "ökumenischer Text" angenommen und bestimmt worden. Damit ist gemeint: Dieser Text ist in beiden Kirchen anerkannt und zum Gebrauch empfohlen. Nach dem Abschluss der Arbeit an der Einheitsübersetzung hat der seinerzeitige Vorsitzende des Rates der EKD, Landesbischof D. Helmut Claß, in einem Brief an Kardinal Höffner 1978 im Blick auf das Neue Testament festgestellt: "Zweifellos wird dieser Text nicht nur in ökumenischen Gottesdiensten verwendet werden, sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten, bei denen evangelische Christen allein, mit anderen evangelischen Christen oder gemeinsam mit Katholiken das Neue Testament lesen." So ist es in den vergangenen 20 Jahren praktiziert worden, und so soll auch in Zukunft verfahren werden.

Weitergehende Vorstellungen, wonach die Einheitsübersetzung der einzige und verbindliche Bibeltext für ökumenische Anlässe sein sollte, werden dem Rang der Lutherbibel für die evangelische Seite nicht gerecht. Es wäre ein Verlust für beide Seiten, wenn Luthers Übersetzung, deren sprachliche Kraft und kulturelle Bedeutung unstrittig sind, in der öffentlichen Sprache der Kirchen nicht zum Tragen käme. Der prinzipielle Verzicht auf das Neue Testament und die Psalmen im Wortlaut der Lutherbibel ist keine dem ökumenischen Miteinander angemessene Forderung oder Erwartung. Seit Jahren werden bei der Auswahl der jeweiligen Textfassung der Jahreslosung die Einheitsübersetzung und die Lutherbibel gleichberechtigt verwendet. Wer mit der Bibel vertraut werden soll, ist darauf angewiesen, derjenigen Übersetzung zu begegnen, die er - an vielen Stellen auch auswendig - kennt. Insbesondere bei evangelisch-katholischen ökumenischen Gottesdiensten entspricht es den berechtigten Erwartungen der katholischen wie der evangelischen Teilnehmer, dass sie die Bibel in dem ihnen vertrauten und für sie maßgeblichen Wortlaut hören. Darum ist es angemessen, bei solchen Gelegenheiten im allgemeinen die eine wie die andere Bibelübersetzung laut werden zu lassen. Wo sich die Wahl zwischen Einheitsübersetzung und Lutherbibel nicht aus sachlichen Gründen (treffendere Wiedergabe, Qualität der Sprache u.ä.) ergibt, empfehlen sich pragmatische Lösungen. So kann das Neue Testament in der Einheitsübersetzung, das Alte in der Lutherbibel verwendet werden. In ökumenischen Gottesdiensten kann auch so verfahren werden, dass evangelische Christen die Lutherübersetzung, katholische Christen die Einheitsübersetzung lesen - oder gerade umgekehrt.

Die übrigen deutschen Bibelübersetzungen haben nicht den offiziellen Status, den die Lutherbibel in der evangelischen Kirche und die Einheitsübersetzung in der katholischen Kirche haben. Dennoch sind sie in vielen Situationen geeignet, einen guten Dienst zu tun. Dies gilt in erster Linie für die Gute-Nachricht-Bibel, nun in der revidierten Fassung von 1997. Die Gute-Nachricht-Bibel ist von der (evangelischen) Deutschen Bibelgesellschaft gemeinsam erarbeitet worden mit dem Katholischen Bibelwerk und den entsprechenden Bibelgesellschaften und Bibelwerken in Österreich und in der Schweiz. Sie ist also von Haus aus ein durchgehend ökumenisches Werk. Ihr besonderes Merkmal ist eine Übersetzungsmethode, bei der im Unterschied zur philologischen, exakten Bibelübersetzung angestrebt wird, beim Leser und Hörer heute die gleiche informative und emotionale Wirkung zu erzielen, wie es der Text damals bei seinem Hörer tat. Dies hat zur Folge, dass ganze Formulierungen ausgetauscht und Erläuterungen in den Text eingebracht werden, die dem Leser damals geläufig waren, dem Leser heute aber vermutlich nicht. Der Text der Guten-Nachricht-Bibel ist für viele Leser heute leichter eingängig, während er an Prägnanz (Eignung zum Auswendiglernen!) hinter der Lutherbibel und an philologischer Exaktheit hinter der Einheitsübersetzung zurückbleibt.

30. Juni 2001