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Sehne am Leib der Gemeinde

Kirchenzucht bei Calvin

"Kirchenzucht" ist in Europa selbst in kirchlichen Kreisen ein ungeliebtes Wort. Was früher als Kennzeichen reformierter Kirchen galt, steht heute für freudlose Strenge im Calvinismus. Mehr noch: Wenn Kirchenzucht perfekte Christen und eine vollkommene Gemeinde schaffen will, widerspricht sie dann nicht der gnädigen Annahme des Sünders? Nicht mehr das Sündenbewusstsein und der Glaube an die Rechtfertigung durch Gott, sondern die Reinheit der Gemeinde stünden dann im Vordergrund. Würde eine so verstandene Kirchenzucht zur Voraussetzung der Abendmahlsteilnahme, was hieße das anderes, als dass ausgerechnet der Sünder von der Sündenvergebung ausgeschlossen und das gesamte Evangelium verkehrt würde?

Der Kirchenzucht wird aber noch mehr angelastet: Sie soll daran Schuld sein, dass Reformierte angeblich weniger Sinnesfreude erleben als Lutheranern und Katholiken. Sie wird verantwortlich gemacht für die angebliche Abendmahlsscheu, die in manchen reformierten Gemeinden herrschen soll.

Nun ist nicht zu leugnen, dass eine falsch verstandene Kirchenzucht zu Missständen in den Gemeinden geführt hat und dass manche Spätfolgen davon heute noch zu spüren sind. Die Frage ist aber, ob diese Missstände direkt auf Calvin zurückgehen oder nicht.

Johannes Calvin ist nicht der Erfinder der Kirchenzucht, auch nicht der Erfinder ihrer spezifisch protestantischen oder reformierten Form. Wohl aber ist er der wirkmächtigste Theologe der entstehenden reformierten Kirchen. Wie also begründet er die Kirchenzucht und wie sollte sie ursprünglich durchgeführt werden?

Heilige und Heuchler

Die Kirche, so Calvin, ist der Leib Christi, und weil Christus einer ist, kann es auch nur eine, die allgemeine Kirche geben. Christus konstituiert die Kirche und hält die Menschen in ihr zusammen. Nun sind aber die Menschen fehlbar, und es gibt Reine und Unreine in der Kirche, Heilige und Heuchler. Die Kirche, wie sie in der Welt besteht, ist immer ein corpus permixtum; in ihr sind wahrhaft Gläubige und Simulanten, zerknirschte, gerechtfertigte Sünder und Halsstarrige miteinander vermengt.

Eines von Calvins Hauptanliegen ist es zu zeigen, dass Menschen daran nichts ändern können. Allein Gott wisse Gläubige und Ungläubige, Auserwählte und Nichterwählte zu scheiden. Niemand soll aus der Kirche austreten, weil es dort auch "Ungläubige" gibt. Und niemand dürfe andere aus der Kirche ausschließen, weil er meint, sie seien nicht gläubig genug. Diese deutliche Ablehnung des menschlichen Urteils über andere ist für Calvin von größter Bedeutung.

Am allermeisten aber ist Calvin an der Einheit und dem Frieden in der Kirche gelegen. Dazu brauche die Kirche wie jede menschliche Gemeinschaft eine Ordnung. Diese besteht aus zwei Typen von Vorschriften: aus denen, die sich auf Bräuche und Zeremonien beziehen, und aus solchen, die der "Zucht", dem rechten Leben, und dem Frieden dienen.

Calvins Interesse am Frieden hat sicher mit seinen Erfahrungen von Auseinandersetzungen und Zerreißproben in Genf zu tun, es ist aber auch theologisch begründet: Wenn die Kirche eine Einheit - der Leib Christi - ist, dann muss sie diese Einheit auch zum Ausdruck bringen. Dazu soll die Kirchenzucht helfen. Sie soll den Leib zusammenhalten: "Wie also die Heil bringende Lehre Christi die Seele der Kirche ist, so steht die Zucht in der Kirche an der Stelle der Sehnen: Sie bewirkt, dass die Glieder des Leibes, jedes an seinem Platz, miteinander verbunden leben." (Institutio IV,12,1). Die Kirchenzucht ist demnach für Calvin ein Hilfsmittel zum Erhalt des Leibes Christi; aber sie ist kein unabdingbares Kennzeichen der Kirche.

Die Kirchenzucht könne denjenigen zügeln, der Gott nicht anerkennen will, Antriebslose anspornen und "väterliche Rute" für die sein, die Fehler begangen haben. Mit Kirchenzucht sollen sie auf den rechten Weg zurückgeführt werden. Kurz: Die Kirchenzucht ist ein Heilmittel für die Gemeinde. Calvin betont mehrfach, sie dürfe aber nicht so hart angewandt werden, dass der Sünder in "Traurigkeit versinke" (2. Korinther 2,7).

Kirchenzucht in Genf

Was bedeutet das nun konkret? Bei leichten Vergehen und solchen, die nicht öffentlich bekannt sind, sollen die Gemeindeglieder einander ermahnen und sich so gegenseitig auf den rechten Weg zurückführen. Nur wenn einer renitent ist, wird sein Fall vor dem Kirchenrat verhandelt. Auch öffentliche oder schwere Sünden sollen im Kirchenrat verhandelt werden, denn hier stehen Einheit und Frieden der Gemeinde auf dem Spiel. Wer sich als unbelehrbar erweist, soll schließlich aus der Gemeinde ausgeschlossen werden. Calvin orientiert sich hier wie alle Reformatoren an Matthäus 18,15-18. Die öffentliche Kirchenzucht wird hauptsächlich bei sozial zerstörerischem Verhalten angewendet. Wenn also ein Wucherer andere in den Ruin treibt - ein wichtiges Thema im Genf Calvins - und ein Dritter davon erfährt, so kann er den Wucherer zurechtweisen. Wenn der das Geschäft rückgängig macht, bleibt die Sache privat. Beharrt der Wucherer jedoch auf seinem Geschäft, kommt der Fall vor den Kirchenrat. In der Regel muss der Schuldige öffentlich Buße tun.

Die Kirchenzucht erfüllt für Calvin einen dreifachen Zweck: Sie soll Schande vom Leib Christi abwenden und üble Nachreden über die Gemeinde verhindern, denn mit der Erniedrigung der Gemeinde würde Christus selbst Schaden zugefügt. Gleichzeitig sollen die ernsthaften Gemeindeglieder nicht durch das schlechte Vorbild der Sünder vom rechten Weg abgebracht werden. Und zuletzt soll die Kirchenzucht den Sünder selbst zu Reue und Umkehr motivieren, so dass er am Ende das ewige Leben erlangt. Darauf zielen die verschiedenen Maßnahmen der Kirchenzucht, auch der zeitweilige Abendmahlsausschluss.

Calvin betont allerdings, dass der Ausschluss aus der Kirche nicht den Ausschluss aus der Zahl der Erwählten bedeute. Darüber könne allein Gott entscheiden. Auch wenn die Kirche Menschen aus der Gemeinschaft der Kirche ausschließe, so sage das doch nichts über die Erwählung aus. Die letzte Entscheidung bleibe Gott vorbehalten; eine Wiederaufnahme in die Gemeinde und damit in das Reich Gottes sei jederzeit möglich. Und was hat da alles mit dem Abendmahl zu tun? Sichtbares Zeichen der Einheit mit Christus ist für Calvin das Abendmahl. In ihm würden die Gemeindeglieder mit Christus und dadurch auch miteinander vereinigt. Das Abendmahl als "Band der Liebe" halte sie als einen Leib zusammen.

Wie das Abendmahl den Gläubigen Nahrung für die Seele sei, so könne es den Ungläubigen und Unwürdigen zum Gift werden. Daher fordert Calvin wie Paulus die Menschen zur Selbstprüfung auf, bevor sie am Abendmahl teilnehmen. Drei Dinge waren dabei zu beachten: das rechte Vertrauen, das wahre Bekenntnis und die Bereitschaft zur Nachfolge.

Weil das Abendmahl indes nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Kirche als Ganze betrifft, steht für Calvin auch der Kirchenrat in der Verantwortung. Hier kommt nun die Kirchenzucht ins Spiel. Calvin setzt sie nicht unmittelbar zum Abendmahl in Beziehung, sondern bringt sie erst vermittelt über die Vorstellung vom Leib Christi und die Aufforderung zur Selbstprüfung ins Spiel. In Genf wird die Abendmahlsfeier eine Woche vorher angekündigt, damit die Gemeindeglieder Uneinigkeiten beilegen und Fehlverhalten sühnen können. Gleichzeitig verdoppelt der Kirchenrat seine Anstrengungen, Streitigkeiten zu schlichten und öffentlich bekannte Probleme zu lösen. Alles zielt darauf, gemeinsam in Einheit und Frieden das Mahl des Herrn zu feiern.

Zumindest teilweise scheinen die Genfer dieses System gut angenommen zu haben. Es sind viele Fälle bekannt, in denen zerstrittene Personen zum Kirchenrat kommen und um Hilfe bitten. Als die Vielzahl vorgetragener Ehestreitigkeiten die Arbeit des Kirchenrats lahmzulegen drohte, wird die Arbeit an Schlichter delegiert.

Doch gibt es in Genf auch harte Auseinandersetzungen um die Kirchenzucht. Calvin kann seine Vorstellungen nur gegen massiven Widerstand von Teilen der Genfer Bourgeoisie und nach jahrelangen Kämpfen durchsetzen. Zudem sind spätere Probleme und Missverständnisse hier schon angelegt: In Genf wird die Kirchenzucht nämlich nicht unabhängig von der obrigkeitlichen Sittenzucht durchgeführt. Im Kirchenrat sitzen Abgeordnete des Stadtrats, und der Kirchenrat weist überführte Täter zur Bestrafung häufig an die Obrigkeit weiter. Deren Strafen reichen bis zur Ausweisung aus der Stadt und - in wenigen, besonders skandalösen Fällen - bis zur öffentlichen Hinrichtung.

Ein weiterer Grund für die spätere Verschärfung und Verselbstständigung der Kirchenzucht gegenüber der Betonung von Einheit und Frieden in der Gemeinde mag darin liegen, dass der Abendmahlsausschluss als Strafe genutzt wird und eine positive Beziehung zwischen Abendmahl und Kirchenzucht kaum sichtbar wird. Auch das zeitliche Zusammenfallen von Abendmahlsfeier und Intensivierung der Kirchenzucht kann zu dieser negativen Sicht auf die Zucht beigetragen haben. Calvin selbst sucht die Kirchenzucht mit allen Mitteln durchzusetzen. Dies läuft dem ursprünglichen Sinn der Kirchenzucht als Mittel zur Erhaltung von Einheit und Frieden in der Gemeinde oft zuwider.

Kirchenzucht heute?

Kirchenzucht soll nicht Freudlosigkeit in die Gemeinden tragen und alles Schöne im Leben sanktionieren, sondern zu Einheit, Gemeinschaft und gutem Zusammenleben beitragen. Ihre Aufgabe ist es, den Leib der Gemeinde gleichsam als Sehne zusammenzuhalten. Eine Gemeinde, welche die Kirchenzucht prinzipiell und mit ihr die sie konstituierenden Angebote zu Vermittlung und Schlichtung abschafft, muss sich fragen lassen, wie sie damit umgeht, wenn offen zerstrittene und versöhnungsunwillige Gemeindeglieder am Gemeinschaftsmahl des Herrn teilnehmen wollen. Der Abendmahlsausschluss, der heute oft mit der Kirchenzucht gleichgesetzt wird, ist eigentlich nur ein Mittel der Zucht, nicht aber ihr Inhalt und schon gar nicht ihr Ziel. Ob er als Mittel geeignet ist, oder ob nicht durch ihn der Blick auf die Sündenvergebung verstellt wird, bleibt fraglich.

Für Calvin stellte sich diese Frage nicht, denn seiner Meinung nach sollten nur reulose Menschen und bekannte schwere Straftäter vom Abendmahl ausgeschlossen werden. Calvin ging es einzig darum, auf allen Wegen Einheit und Frieden in der Gemeinde Christi zu bewahren.

Vielleicht können hier heutige Überlegungen anknüpfen: Wie kann es Gemeinden in unserer pluralisierten Zeit gelingen, das Abendmahl als Gemeinschaftsmahl zu feiern, das Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Lebensentwürfen zu einer Einheit verbindet? Welche Beiträge zur Einheit und zum Frieden in der Gemeinde sind dafür vonnöten, und auf welches Minimum an verbindlichen Lebensregeln kann, worauf muss man sich einigen? An welchen Stellen muss eine Gemeinde nach innen wie nach außen eindeutig Stellung beziehen? Ist es möglich, vielleicht sogar geboten, Christen, die eine menschenverachtende Politik betreiben, vom Abendmahl auszuschließen? Dies sind keine leichten Fragen und sie können nicht generell beantwortet werden. Kirchenzucht kann immer nur im Einzelfall beschlossen werden. Zu einer guten Entscheidung kann dabei das Wissen um das Ziel der Zucht helfen: der in Christus selbst gegründeten Einheit und dem Frieden des Leibes Christi durch menschliches Handeln zu entsprechen.

Judith Becker


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Publikationsdatum dieser Seite: 03.12.2014 11:40