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Predigt im Dialog mit Calvin

Wenn das die armen Leute wüssten ...

5. Mose 15,11-15
11 Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande. 12 Wenn sich dein Bruder, ein Hebräer oder eine Hebräerin, dir verkauft, so soll er dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr sollst du ihn frei losgeben. 13 Und wenn du ihn frei losgibst, sollst du ihn nicht leer von dir gehen lassen, 14 sondern sollst ihm auflegen von deinen Schafen, von deiner Tenne, von deiner Kelter, dass du gebest von dem, das dir der HERR, dein Gott, gesegnet hat. 15 Und gedenke, dass du auch Knecht warst in Ägyptenland und der HERR, dein Gott, dich erlöst hat; darum gebiete ich dir solches heute.

Sehr verehrter Monsieur Calvin!

Schon der biblische Predigttext beginnt mit einem Hammer: "Es werden allzeit Arme sein im Land!" Schon das klingt, als sei das eine unabänderliche Tatsache, gegen die wir nichts tun können. Aber was Sie in Ihrer Predigt daraus machen, treibt den scheinbaren Zynismus der biblischen Feststellung, finde ich, auf die Spitze. Denn Sie versteigen sich nicht nur zu behaupten: "Das Vorhandensein von arm und reich ist Gottes Anordnung. So will es seine Vorsehung." Sie deuten diese angeblich göttliche Anordnung auch noch damit, Gott wolle uns damit prüfen. Ich zitiere Sie noch einmal: "Sicher ist, dass Gott die Güter dieser Welt ungleich verteilt, um zu prüfen wie es um das Herz der Menschen steht." Wenn ein reicher Mensch "freigiebig ist und versucht, Gutes zu tun denen, die seine Hilfe nötig haben, wenn er sich nicht in Hochmut und Pomp groß macht, so hat er die Prüfung bestanden. Wenn dagegen ein anderer, ein Armer, in Geduld erträgt, was Gott ihm zu schicken beliebt, und nicht zu Raub und Betrug Zuflucht nimmt, so sehr er auch leidet und Hartes ertragen muss, ist das wiederum eine wohl bestandene Prüfung."

Ich stelle mir vor, das würden arme Leute hören, sei es in Ihrer Zeit im 16. Jahrhundert oder heutzutage. Müssten die sich nicht doppelt gekränkt und missbraucht fühlen, nicht nur von den Menschen, die ihre Misere verursachen und schamlos ausnutzen, sondern nun auch noch von Gott, der ihre Benachteiligung für Experimente mit den Menschen angeordnet haben soll?

So kann man vielleicht reden, wenn man Armut nur von Weitem kennt und romantisiert. Aber das ist bei Ihnen doch nicht der Fall! Sie wissen doch sehr genau, was Armut bedeutet. Sie hatten doch regelmäßig Flüchtlinge im Haus, die alles zurücklassen mussten, die nicht wussten, wie es weitergehen sollte und damit fertig werden mussten, dass sie in der Fremde plötzlich auf Almosen angewiesen waren! Und Ihre Frau hat doch sicher auch zu Hause erzählt, was sie bei ihren Besuchen bei armen Familien erlebt hat, wie abstoßend und ekelhaft die Not sein kann, und wie oft sie Menschen in jeder Hinsicht kaputt macht: in ihrer Gesundheit, in ihrer Moral und vielleicht sogar in ihrem Glauben.

Wir haben in unseren Gemeinden kaum noch so einen direkten Kontakt mit Armen. Höchstens mit den alten Frauen, die sich zu uns halten und meist von sehr geringen Renten leben müssen. Aber die reden nicht von ihrer Armut, sondern sind stolz, mit wenig Geld auszukommen und sogar anderen noch etwas abgeben zu können. Die Jüngeren, die keine Arbeit haben, keine Perspektive und keinen Halt, tauchen bei uns kaum auf und wir wissen auch nur wenig darüber, wie bitter es ist, für weniger als sechs Euro die Stunde arbeiten zu müssen und sich trotz aller Schufterei nichts leisten zu können an Vergnügen und erst recht nicht an Kultur oder Bildung. Aber wenn ich solchen Menschen bei Hausbesuchen begegne, soll ich denen da sagen: "Ihr ganzer Stress ist Gottes Wille und seine ,Anordnung'"?

Das könnte ich nicht, Monsieur Calvin! Nicht nur aus seelsorgerlichen Gründen! Auch theologisch kann ich Ihre Position nicht nachvollziehen und ich frage mich, warum Sie es nicht bei dem Eingeständnis belassen können, das Sie zwischendurch machen: "Wahr ist's: Wir sehen nicht gleich, warum Gott den einen reich macht und den anderen in seiner Armut sitzen lässt. Wir können davon nicht sichere Einsicht haben."

Viel wichtiger als jeder Versuch, die soziale Kluft zwischen Arm und Reich theologisch zu erklären, ist doch, sie tatkräftig zu verringern und möglichst zu überwinden! Darum geht es Ihnen doch auch! Deshalb legen Sie in Ihrer Predigt schließlich das größte Gewicht darauf, das soziale Engagement nicht in menschliches Belieben zu stellen, sondern es als unverzichtbaren Ausdruck des christlichen Glaubens herauszustellen. Sie erinnern im Sinne von Matthäus 25 daran, "dass unser Herr die Almosen für die Armen als Opfergaben für sich selbst ansieht" und dass wir durch die Unterstützung der Armen nur den "schuldigen Dank für das Gute, das Gott uns erwiesen hat" erstatten. Wir sollen "Gott die Ehre geben durch die Güter, die er uns reichlich schenkte", und die Armen sozusagen als "seine Einzieher" betrachten. Mit solchen Argumenten haben Sie mit dazu beigetragen, dass wir gelernt haben, diakonische Arbeit als Gottesdienst im Alltag zu betrachten und sie nicht aus der gemeindlichen Verantwortung zu lösen. Folgerichtig müssen wir den Armen in unserer Gemeinde also eigentlich nachgehen und dürfen uns nicht zurücklehnen und warten, bis sie den Weg zu uns finden.

Es darf keine Trennung der Welten geben zwischen Arm und Reich, betonen Sie in der Auslegung der biblischen Formulierung, die ganz bewusst nicht von den Armen im Allgemeinen spricht, sondern sie "deine Armen" nennt, sie also an die Reichen bindet. Daraus leiten Sie die göttliche Forderung ab, dass "Arm und Reich gemischt wird, dass sie also einander begegnen und miteinander kommunizieren".

Ich glaube, Sie wären selbst überrascht, wie aktuell diese Forderung in unserer Zeit geblieben ist. Denn bei uns gibt es eine zunehmende Tendenz unter Reichen, ihre Welt immer mehr gegen Arme abzuschotten: Mit hohen Mauern und Wachdiensten schützen Millionäre ihre Anwesen. Und das reiche Europa und die Superwirtschaftsmacht USA bauen Sperrzäune aus Stacheldraht und scharfen Gesetzen zur Abwehr von Armutsflüchtlingen aus dem Süden. Selbst im normalen Leben gibt es, wie ich vorhin schon gesagt habe, nur wenige echte Berührungspunkte verschiedener sozialer Schichten.

Das heißt nicht, dass es gar keine Bereitschaft mehr gäbe, Armen zu helfen. Aber erst langsam haben wir sowohl im kirchlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich gelernt, dass wirksame Hilfe tatsächlich Begegnung und Kommunikation braucht, wie Sie sie in Ihrer Predigt fordern. Die Betroffenen müssen selbst mitreden und planen dürfen, wenn ihre Lage nachhaltig verbessert werden soll. Wir würden heute sogar noch weiter gehen und sagen: Sie müssen als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen werden und dürfen nicht zu Objekten von noch so gut gemeinter Bevormundung gemacht werden. Erst so ein Ansatz, der auf Begegnung und Kommunikation mit den Bedürftigen aufbaut, macht die Arbeit an sozialen Brennpunkten oder auch in der Entwicklungshilfe nachhaltig fruchtbar.

Allerdings müssen Arme auch gezielt dazu befähigt werden, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Diese Absicht höre ich zumindest tendenziell auch aus Ihrer scharfen Ablehnung des Bettelns heraus. Sie bezeichnen es nicht nur als "eine große Schande" für "ein Volk, das sich Gottes Volk nennt", wenn es noch Bettler in ihm gibt. Sie sind auch der Meinung, "wo gebettelt wird, werden Lügner unterhalten, (. . .) und wer so zum Betrüger geworden ist, wird zuletzt als Räuber enden. Mehr noch, es wird sich zeigen, dass, wer sich an den Bettel gewöhnt hat, keinen rechten Beruf mehr ausüben kann. Sie können sich nicht mehr daran gewöhnen, etwas Rechtes zu tun. Immer werden sie Profiteure und Genießer bleiben." Und Sie kommen zu dem Schluss: "Bettelei bringt nur Laster und Korruption."

Das klingt in unseren Ohren sehr pauschal. Bettelei, wie Sie sie im Blick haben, ist bei uns inzwischen auch höchstens noch in unseren Innenstädten ein Problem. Aber: Wir machen eine ähnliche Beobachtung wie Sie, nämlich dass eine fortwährende Abhängigkeit von öffentlicher oder privater Unterstützung Menschen lähmen kann, überhaupt noch selber Verantwortung für ihren Lebensunterhalt zu übernehmen. Auf der anderen Seite werden immer wieder Fälle bekannt, wie das Sozialamt durch zusätzliche Schwarzarbeit betrogen wird. Über solche Missstände entrüsten sich bei uns viele Leute und fordern strenge Strafen, bis hin zur Streichung aller Bezüge.

Dass aber die Verschärfung der Not kein geeignetes Mittel ist, Menschen Verantwortung zu lehren, würden auch Sie sicher einräumen, genauso wie Sie sehr klar aussprechen, dass man Bettelei nicht durch ein Verbot aus der Welt schaffen kann. Sie plädieren für eine gezielte Hilfe durch "Spitäler, Armenhäuser und Waisenhäuser", und ich verstehe Sie so, dass Sie damit Institutionen im Blick haben, die grundsätzlich etwas an der Lage der Armen ändern, sei es durch Verbesserung ihrer Gesundheit oder durch Erziehung und "Resozialisation", wie wir das heutzutage nennen würden. Wenn ich damit richtig liege, würden Sie wahrscheinlich auch das moderne Konzept diakonischer Arbeit sehr befürworten, das auf Hilfe zur Selbsthilfe zielt und Benachteiligte tatsächlich zur Übernahme von Verantwortung für ihr Leben befähigt.

Aber ich finde Ihre Predigt nicht nur im Blick auf den praktischen Umgang mit Armen interessant und überraschend aktuell. Beeindruckend ist in meinen Augen etwa auch, wie Sie die konkreten Bestimmungen zum Sabbatjahr in dem Predigttext auslegen und in Ihrer Zeit deuten.

Schon, dass Sie die Grundbedeutung des Sabbats so positiv würdigen, unterscheidet Sie wohltuend von vielen anderen Theologen, die uns bis heute mit der irrigen Auffassung geprägt haben, der Sabbat sei nur ein weiteres Indiz für die starre Gesetzlichkeit des Judentums. Sie dagegen betonen: "Das siebte Jahr wird hier natürlich zur Ehre des Sabbats erwähnt, des Ruhetags also, mit dem Gott die Juden je und je zur Menschlichkeit ziehen wollte, indem er sie zu sich führte." Der Sabbat als Schule der Menschlichkeit kommt dem jüdischen Selbstverständnis tatsächlich sehr nahe, nach dem wir erst seit kurzer Zeit zu fragen gelernt haben. Andere Äußerungen in Ihrer Predigt sind aus der Sicht des heutigen christlichjüdischen Dialogs nicht so vorbildlich, etwa wenn Sie von dem "üblen Spiel" reden, das die Juden mit Gott getrieben haben und für das sie zu Recht bestraft worden seien. Aber immerhin, im Verständnis des Sabbats sind Sie bis heute wegweisend.

So stellen Sie auch die große Humanität der Institution des Sabbatjahres als eines Erlassjahres heraus und machen deutlich, dass das Entscheidende dabei nicht allein in der Freilassung der Menschen besteht, die sich und ihre Arbeitskraft aus Überschuldung heraus verkaufen mussten. Sie erkennen vielmehr sehr klar, wie wichtig es ist, dass sie nicht mit leeren Händen entlassen werden dürfen. Sehr lebhaft stellen Sie dar, wie entgegen allen Geiz-Impulsen Viehstall, Keller und Speicher durchgesehen werden sollen, um den entlassenen Sklaven daraus eine adäquate Menge mitzugeben. Denn nur dann, heben Sie mit dem Bibeltext hervor, wenn sie genug bekommen, um sich damit eine neue Existenz aufbauen zu können, sind sie wirklich frei!

Wenn das doch beispielsweise die Sklavenhalter in den USA beherzigt hätten! Viele von ihnen haben sich doch gern auf Sie berufen, wenn es darum ging, ihren Reichtum als Vorsehung Gottes zu deuten. Aber ihre Sklaven haben sie in die absolute Armut entlassen, und bis heute ist es der schwarzen Bevölkerung der USA noch nicht umfassend gelungen, sich aus diesem Erbe zu befreien.

Ich bewundere in diesem Zusammenhang aber auch, mit welcher Klarheit und Eindeutigkeit Sie selber schon Konsequenzen aus dem Predigttext für Ihre Zeit benennen. So beklagen Sie offen, dass die Sklaverei, von der der biblische Text redet und deren Grausamkeit Sie ausführlich schildern, nicht längst auf der ganzen Welt abgeschafft worden ist. Sie behaupten, in Ihrem Umfeld sei das geschehen. Aber ich wundere mich, dass Sie auf die in Europa damals immer noch verbreitete Leibeigenschaft mit keinem Wort eingehen.

Dafür äußern Sie sich sehr kritisch zu dem Umgang mit Lohnabhängigen: Der Herr selbst mahne, "die, die in unserem Dienste stehen, menschlich zu behandeln". Was das konkret bedeutet, führen Sie in einer Weise aus, die in dem gegenwärtig immer gnadenloser werdenden "Raubtierkapitalismus" mindestens genauso aktuell ist wie in Ihrer Zeit: "Sie sollen nicht um ihren Lohn betrogen werden. Wir sollen auch nicht danach trachten, alles, was möglich ist, aus ihnen herauszupressen."

Das klingt, als würden Sie schon die sogenannten "sweatshops" kennen, in denen Menschen, vor allem im südlichen Teil der Erde bis aufs Blut ausgebeutet werden, und als wüssten Sie, wie viele Leute auch bei uns in den reichen Industrienationen als "Geringverdiener" von ihrer Schufterei nicht einmal richtig leben können.

Aber während Sie noch an das Gewissen der wohlhabenden Arbeitgeber appellieren und damit einer "einschränkenden Gesetzgebung", wie Sie sagen, zuvorkommen möchten, brauchen wir heute dringend solche Gesetze, die einen sozialen Ausgleich festlegen. Denn wir erleben bisweilen gerade bei den Superreichen im Umgang mit Abhängigen eine Gewissenlosigkeit, die alle Vorstellungen sprengt.

Trotz solcher, natürlich auch zeitbedingter Unterschiede, bin ich von dem Mut und der Klarheit sehr beeindruckt, mit der Sie in dieser Predigt soziale Missstände offen ansprechen und die Reichen auf ihre Verantwortung gegenüber den Armen behaften. Sie machen die Aktualität des biblischen Textes nicht nur für Ihre Zeit sehr deutlich, sondern sprechen mit Ihren Analysen und Forderungen auch Probleme unserer heutigen Gesellschaft an. Ich muss gestehen, das hat mich überrascht, und ich bin sehr motiviert, Sie und Ihre Theologie besser kennenzulernen.

Sylvia Bukowski

Calvin unterhält

Die Beschäftigung mit Calvin kann auch unterhaltsam sein!


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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20