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Calvinismus und Kapitalismus

Positiver Antrieb zur Askese

Gerüchte können hartnäckig sein. Etwa jenes, Max Weber habe in Calvin einen Wegbereiter des Kapitalismus gesehen. Mitunter steckt in Gerüchten aber ein wahrer Kern. Was ist dran an Webers These? Und was behauptet er tatsächlich?

Blicken wir in Webers Essay "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" von 1904/1920. Am Anfang steht die Annahme, dass der Kapitalismus den neuzeitlichen Menschen eine Lebensführung aufzwinge, die sich nicht aus der ökonomischen Entwicklung und dem Streben nach einem guten Leben erklären lasse. Entlang einer verbreiteten Meinung versucht Weber, die angenommene Nähe von Protestantismus und modernem Kapitalismus plausibel zu machen.

In einer sehr komplexen Argumentation führt Weber aus, dass zwischen Wirtschaftshandeln und religiöser Ethik "Wahlverwandtschaften" bestehen können, die "zwischen gewissen Formen des religiösen Glaubens und der Berufsethik erkennbar sind" (Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 91988, S. 83). In der Berufsidee sieht Weber zunächst das, was "der Lebensführung des Unternehmers ,neuen Stils' den ethischen Unterbau und Halt gewährte" (S. 60). Und so geht es ihm darum, herauszufinden, aus welcher Geisteshaltung "jener ,Berufs'-Gedanke und jenes (...) Sichhingeben an die Berufsarbeit erwachsen ist, welches einer der charakteristischsten Bestandteile unserer kapitalistischen Kultur war und noch immer ist".

Für Weber sind nun besonders zwei religiöse Größen für die Ausbildung dieser Berufsethik relevant: Erstens eine von Katholizismus und Luthertum abweichende weltzugewandte Ethik, die das innerweltliche Leben als Aufgabe religiöser Gestaltung und Bewährung begreift und ein spezifisches Berufsethos ausbildet; und zweitens eine Askese, die Weber in den Äußerungen eines Benjamin Franklin findet, der für ihn den "Idealtyp" des kapitalistischen Unternehmers verkörpert. Beide Traditionen findet er im reformierten Protestantismus vertreten, besonders im englischen Puritanismus des 17. Jahrhunderts. Innerhalb des Calvinismus glaubt Weber in der Prädestinationslehre und ihren Wirkungen auf die Lebensführung der Gläubigen einen zentralen Impuls gefunden zu haben.

Den "positiven Antrieb zur Askese" für die religiösen Massen sah Weber in dem "Gedanken der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben". Die religiöse Belohnung der puritanischen Berufsaskese schaffe so das "Fachmenschentum" und den "Geschäftsmenschen". Übermäßiger Konsum und unbefangener Genuss hingegen werden als "irrationale Verwendung des Besitzes" verworfen. Die Produktion dagegen werde extrem angeregt durch die religiöse Wertung der rastlosen, stetigen Berufsarbeit als sicherste und sichtbarste Bewährung des wiedergebornen Menschen und seiner Glaubensechtheit. Das Ergebnis sei rechenhafter Umgang mit dem Erworbenen und Investition statt Verbrauch: Es entstehe "Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang".

Der dadurch bestimmte kapitalistische Lebensstil sei freilich nicht erst im asketischen Protestantismus aufgetreten, "aber erst in der Ethik des asketischen Protestantismus fand er seine konsequente ethische Unterlage" (S. 190). Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist würden sich also als wahlverwandt erweisen, sodass der kapitalistische Geist mit der puritanischen Ethik eine Liaison eingehen konnte, die ihm den entscheidenden Durchbruch verschaffte und zugleich eine neue Form des Kapitalismus hervorgebracht habe.

Was ist dran an Webers These?

Die kurze Darstellung von Webers Argumentation macht deutlich, dass die Wechselwirkung zweier unabhängiger geistiger Traditionen und der ihnen entsprechenden Handlungsweisen im Zentrum der Untersuchung Webers steht. In der Illustration von Affinitäten, nichtintendierten sowie indirekten Wirkungszusammenhängen zwischen der Ethik des asketischen Protestantismus und der modernen Entwicklung des Kapitalismus liegen der Reiz und das innovative Erklärungspotenzial der sog. "Max-Weber- These". Das häufige Missverständnis, Weber habe eine direkte Abhängigkeit des kapitalistischen Geistes von der Ethik des asketischen Protestantismus behauptet oder gar Calvin als geistigen Urheber des modernen Kapitalismus bezeichnet, geht dagegen an Weber vorbei.

Wenn man fragt, was an Webers These dran ist, kann man das in zweierlei Hinsicht tun. Einerseits ist zu fragen, ob Weber mit seiner historischen Zuschreibung recht hat. Hat die Prädestinationsvorstellung im Calvinismus tatsächlich die Lebensführung bis hinein in das Wirtschaftshandeln so beeinflusst, wie Weber das meint? Hier haben neuere Untersuchungen erhebliche Zweifel angemeldet. Obwohl Weber richtigerweise auf Zeugnisse aus der Seelsorgeliteratur statt auf theologische Lehräußerungen geschaut hat, liegt er wohl mit seiner Einschätzung nicht richtig. Die Prädestinationslehre war keineswegs so bestimmend und hatte eher geringe Wirkung auf die nach Heilsgewissheit strebenden Gläubigen. Doch der Baseler Historiker Kaspar von Greyerz hat beim Studium von Seelsorgeliteratur und autobiografischen Schriften von Puritanern des 17. Jahrhunderts - also Webers Gewährsleuten - eine interessante Entdeckung gemacht. Er stieß auf die immense Bedeutung der Vorsehungslehre für die Gläubigen. Gott wurde nicht nur als alltäglicher Helfer angesehen. Faktisch wurden auch Unfälle, Krankheiten, Epidemien, Erdbeben, Flutkatastrophen und ähnliche Ereignisse als Gottes direkte Strafe für Sünden Einzelner oder einer Gemeinschaft betrachtet. Die Folge dieses speziellen Vorsehungsgedankens, so Greyerz, sei rigorose Selbstkontrolle gewesen, die der ähnle, die Weber für den Prädestinationsgedanken angenommen hatte.

An Webers These zu Calvinismus und Kapitalismus ist andererseits die Frage zu stellen, ob hier der Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaft nicht zu einseitig beschrieben wird. Tatsächlich war sich Weber dieser Einseitigkeit bewusst und ergänzte sie in seinen späteren wirtschaftsethischen Studien, indem er auch den Einfluss von sozioökonomischen und geografischen Bedingtheiten auf die Religion erörterte. Zugleich erweiterte er sein begriffliches Spektrum. So erfasste er die wirtschaftlich relevanten religiösen Faktoren, zum Beispiel die Relevanz religiöser Rollen, die Wirkung der Organisationsform auf das religiöse Leben und einen Komplex ideeller Ursachen. Dieser das Ethos leitende Ursachenkomplex aus Gottesvorstellung, Heilsvorstellungen, Erlösungsweg, Weltverhältnis und ethischer Lehre mündet in den Heilsprämien, die letztlich das Handeln prägen. Gerade diese Fokussierung auf die Wirkungen der Religion im Alltagsleben macht Weber auch heute noch lesenswert.

Martin Eberle


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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-07-22