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Reformierte Kirchenräume

Wer eine reformierte Kirche betritt, bemerkt schnell: Reformierte Kirchräume sind Versammlungs- und Gemeinschaftsräume. "Versammlung" ist für die Reformierten ein wichtiges, ein theologisches Stichwort. In einem ihrer Bekenntnistexte, im Heidelberger Katechismus, heißt es, dass Jesus Christus seine weltweite Gemeinde von Anbeginn der Welt bis heute "versammelt, schützt und erhält" (siehe im Katechismus die Frage 54).

Reformierte Kirchräume müssen also immer auch Räume sein, die diesen Gemeinschaftsaspekt ausdrücken, die ihn lebbar, erlebbar machen. Sie sind so gestaltet, dass sie Menschen Raum bieten, um zusammenzukommen. Hier feiern sie Gottesdienst. Hier treffen sie sich zu Gemeindeversammlungen. Aber hier finden auch andere Veranstaltungen statt: Gemeindegruppen, Konzerte, Lesungen.

Die "versammelte Gemeinde" kommt in reformierten Kirchräumen zusammen, um im Gottesdienst die Predigt zu hören und miteinander das Abendmahl zu feiern. Die Stühle sind deshalb in der Regel um Kanzel und Abendmahlstisch herumgestellt und auf sie ausgerichtet. Gemeinschaft, Versammlung wird dadurch erlebbar, dass sich die Gemeinde wahrnimmt und - zentriert um Kanzel und Tisch - wiederfindet. Die Gemeinde macht sich so geradezu räumlich bewusst: Sie lebt vom Hören auf das in der Predigt verkündigte Wort Gottes und von der erinnerten und spirituell erlebten Gemeinschaft mit Jesus Christus in der Feier des Abendmahls. Weil die Gemeinde im Abendmahl kein Opfer vollzieht, ist der Abendmahlstisch kein Altar, sondern ein Tisch für das Brot und den Wein.

In vielen reformierten Gemeinden versammelt sich die Gemeinde zum Abendmahl in einem Kreis um Brot und Wein und steht um den Tisch. In anderen feiert sie es nach dem Brauch des Reformators Johannes a Lasco. Der hatte in Emden das Tischabendmahl eingeführt: In der Mitte des Kirchraums wird ein Tisch aufgestellt, an den sich die setzen, die das Abendmahl halten.

Im Kircheninneren finden sich oft Texte an den Wänden oder auf Tafeln. In der Herforder Kirche ist es ein Wort aus dem Hebräerbrief 13,8: "Jesus Christus gestern und heute . . ." Bei den ersten reformierten Kirchbauten waren das in der Regel zwei Tafeln mit den Zehn Geboten in biblischer Zählung. In einigen von Hugenotten-Flüchtlingen gegründeten Gemeinden finden sich diese Tafeln bis heute mit den Geboten in französischer Sprache.

Der Dekalog und andere biblische Texte benennen die Gemeinschaftsordnung, die für die versammelte Gemeinde gilt. Die Texte zeigen augenfällig: Wovon lebt die Gemeinde? Was gilt hier? Worum geht es bei den Grundrechten und -pflichten der Gemeinde? So wurde in vielen reformierten Gemeinden zu Beginn des Gottesdienstes der Dekalog auch verlesen.

Die versammelte Gemeinde hört die Auslegung biblischer Texte. Sie antwortet in Gebet und Gesang, wesentlich im Psalmengesang. Das biblische Wort soll im Gottesdienst dominieren. Diese Bestimmung findet ebenso ihren Ausdruck in der Wertschätzung des Alten Testaments. Nicht zufällig unterschied Calvin in Genf die eine weltweite Kirche, die "Eglise", vom Kirchbau, den er in Anspielung an das alttestamentliche Jerusalemer Heiligtum "Temple" nannte. Die Bezeichnung hat sich in manchen Hugenottengemeinden bis heute gehalten.

In der reformierten Tradition schaffte man den liturgischen Wechselgesang ab. Die Orgel verlor ihre Funktion. Psalmen sang man choraliter, ohne Begleitung. Vielerorts verschwand die Orgel ganz. Später wurde sie zur Begleitung der Psalmen sowie für Vor- und Nachspiel im Gottesdienst wieder genutzt. Mit der versammelten Gemeinde kommen die Ebenbilder Gottes zusammen. Anderer gemalter Bilder oder gestalteter Skulpturen bedarf es nicht. In der Regel fehlt auch ein Kreuz.

Dieser Ausschluss der gemalten, festliegenden Bilder entspricht der Vielfalt der biblischen Sprachbilder. Und er ermöglicht eine mindestens ebenso große Vielfalt der Bilder in Auslegung und Hören der biblischen Texte.

Ein besonderer Akzent reformierter Theologie wird so deutlich: In der Vielfalt der versammelten Gemeinde, der Ebenbilder Gottes, spiegelt sich die Vielfalt Gottes. Der Ausschluss aller festliegenden und festlegenden Bilder gibt der Lebendigkeit und Vielfalt sowohl der Menschen als auch Gottes Raum.

Jörg Schmidt


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Publikationsdatum dieser Seite: 14.10.2014 11:26