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Über die Wucherzinsen

Johannes Calvin an einen seiner Freunde

Ich habe zwar noch keine eigenen Erfahrungen damit gemacht, habe aber durch die Beispiele Anderer gelernt, wie gefährlich es ist, Antwort zu geben auf die Frage, bei der Sie mich um einen Rat bitten: Denn wenn wir die Wucherzinsen völlig verbieten, binden wir die Gewissen mit einem festeren Band als Gott selbst. Wenn wir sie auch nur sehr gering zulassen, nehmen einige sofort unter diesem Vorwand eine unbeschränkte Genehmigung, und sie können es nicht ertragen, dass man ihnen durch irgendeinen Einwand gewisses Maß setzt.

Wenn ich allein an Sie schriebe, hätte ich überhaupt keine Furcht, denn ihre Überlegtheit und die Mäßigung Ihres Eifers sind mir wohl bekannt. Aber weil Sie für einen anderen einen Rat erbitten, fürchte ich, dass wenn ich das Wort ergreife, er sich etwas mehr Freiheit nimmt, als ich es wünsche. Im übrigen, weil ich daran keinen Zweifel habe, dass Sie gemäß der Natur des Menschen und der vorliegenden Sache gut darauf achten werden, was und inwiefern es zweckmäßig ist, werde ich Ihnen erklären, was mir gut scheint.

Erstens gibt es keinerlei Zeugnis in der Heiligen Schrift, durch das der Wucher völlig verboten wird. Denn der Ausspruch Christi, der üblicherweise dafür sehr augenscheinlich eingeschätzt wird, nämlich "leiht" (Lk 6,35) [1], ist fälschlicherweise in diesen Sinn verdreht worden. Denn so, wie er an anderer Stelle die verschwenderischen Gäste und die ehrgeizigen Gelage der Reichen tadelt und daraufhin befiehlt, eher die Blinden, die Lahmen und andere Arme der Straße einzuladen, die nicht das Gleiche zurückgeben können - so will er auch an dieser Stelle die sündhafte Gewohnheit der Welt korrigieren, Geld zu verleihen und er befiehlt uns, grundsätzlich an die zu verleihen, bei denen es keinerlei Hoffnung gibt, es wiederzubekommen.

Nun haben wir aber die Gewohnheit, zuerst darauf zu achten, wo das Geld sich mit Gewissheit festsetzen kann. Aber viel eher ist es nötig, den Armen zu helfen, bei denen das Geld in Gefahr ist. So sind die Worte Christi gültig, sozusagen als wenn er befehlen würde, eher die Armen zu unterstützen als die Reichen. Wir sehen also noch nicht, dass jeglicher Wucher verboten ist.

Das Gesetz des Mose (5. Mose 23, 19) [2] ist politisch, welches uns nicht darüber hinaus verpflichtet, als was Billigkeit und ein Sinn für Mitmenschlichkeit nach sich ziehen. Sicherlich wäre es wünschenswert, dass die Wucherzinsen von der ganzen Welt verjagt würden, dass selbst ihr Name unbekannt wäre. Aber weil das unmöglich ist, muss es dem gemeinsamen Nutzen dienen.

Wir haben Abschnitte bei den Propheten und in den Psalmen, in denen der Heilige Geist gegen die Wucherzinsen zürnt: Da gibt es einen Lobpreis einer bösen Stadt, dass man auf ihren Plätzen Wucher findet (Ps 55, 12) [3]. Aber das hebräische Wort tost [4], das im allgemeinen Betrug bedeutet, kann man auch anders auslegen. Aber nehmen wir den Fall, dass der Prophet dort im eigentlichen Sinn von Wucherzinsen spricht - es ist kein Wunder, wenn er es so hinstellt, dass unter derart schlechten Herrschaften der Wucher seinen Lauf nimmt. Der Grund ist, dass sehr häufig mit der ungesetzlichen Erlaubnis, Wucherzinsen zu erheben, Grausamkeit verbunden ist und viele üble Betrügereien. Was sage ich! Wucher hat quasi immer diese zwei untrennbaren Begleiter, nämlich tyrannische Grausamkeit und die Kunst zu betrügen. Daher kommt es, dass im übrigen der Heilige Geist zwischen den Lobreden auf den heiligen und gottesfürchtigen Menschen hinzusetzt, dass er sich des Wuchers enthält. Derart, dass es ein recht seltenes Beispiel, einen anständigen Menschen zu sehen, der zugleich Wucherer ist.

Der Prophet Ezechiel (22, 12) [5] geht noch darüber hinaus, denn bei den furchtbaren Vorfällen, durch die die herausgeforderte Rache Gottes gegen die Juden entfacht worden ist, gebraucht er diese zwei hebräischen Wörter Nesec und Tarbit. Was heißt Wucher, der im Hebräischen so benannt worden ist, weil er zerfrisst. Das zweite Wort bezeichnet Zugang oder Hinzufügen oder Vermehrung und nicht ohne Grund. Denn jeder, der nach sich und seinem besonderen Profit trachtet, nimmt oder eher raubt einen Gewinn aus dem Schaden des anderen. Wie es überhaupt keinen Zweifel gibt, dass die Propheten sehr streng über den Wucher gesprochen haben, da dieser bei den Juden ausdrücklich verboten war. Deshalb, als sie sie sich gegen die ausdrückliche Anordnung Gottes wendeten, verdienten sie damit, sehr hart getadelt zu werden.

Hier macht man einen Einwand, dass heute auch die Wucherzinsen für uns unerlaubt seien aus dem gleichen Grund, dass sie bei den Juden verboten waren: Weil es unter uns eine brüderliche Verbundenheit gibt. Darauf antworte ich: In der politischen Verbundenheit gibt es einen gewissen Unterschied, denn die Situation des Ortes, zu dem Gott die Juden zusammengerufen hatte und viele andere Umstände bewirkten, dass sie untereinander angenehm ohne Wucherzinsen verkehrten. Unsere Verbundenheit hat damit keinerlei Ähnlichkeit. Darum erkenne ich noch nicht, dass sie uns einfach verboten sind, solange sie nicht gegen Billigkeit und Liebe sind.

Der Grund des Heiligen Ambrosius, den auch Chrysostomus anführt, ist in meinem Urteil zu unbedeutend, nämlich dass Geld kein Geld hervorbringt. Tut das das Meer? Der Erdboden? Ich bekomme eine Bezahlung für die Vermietung eines Hauses. Ist das, weil das Geld dort wächst? Aber sie (= die Wucherzinsen) stammen aus Bereichen, wo das Geld zustande kommt. Auch die Wohnlichkeit der Häuser kann durch Geld erkauft werden. Und wie? Ist das Geld nicht fruchtbarer im Warenaustausch als andere Besitztümer, die man nennen könnte? Es soll erlaubt sein, ein Stück Land zu vermieten und darauf einen Zins zu erheben, und es soll unerlaubt sein, einen Ertrag vom Geld zu nehmen? Wie? Wenn man ein Feld kauft, bringt dann nicht Geld Geld hervor?

Wie vergrößern die Händler ihren Besitz? Sie gebrauchen Fleiß, sagen Sie. Gewiss gebe ich zu, was die Kinder sehen, nämlich, wenn Sie das Geld in einen Kasten einschließen, wird es unfruchtbar bleiben. Und es leiht auch keiner von uns zu dieser Kondition, um das nutzlose Geld zu verstecken und ohne es Profit bringen zu lassen. Entsprechend ist der Ertrag nicht vom Geld, sondern vom Einkommen.

Man muss also daraus schließen, obwohl solche Spitzfindigkeiten im ersten Anschein überzeugen, aber wenn man sie von näher betrachtet, verschwinden sie von selbst, denn sie haben nichts Solides in sich. Ich schließe jetzt daraus, dass man die Wucherzinsen nicht gemäß irgend einem gewissen und besonderen Ausspruch Gottes beurteilen muss, sondern allein gemäß der Regel der Billigkeit.

Die Sache wird klarer durch ein Beispiel. Es gibt einen reichen Mann mit Besitztümern und Einkünften daraus. , der aber kein Geld zur Hand hat. Es gibt einen anderen mittelmäßig Reichen mit guten Aussichten, zumindest keineswegs geringen, jedenfalls einer, der sehr bald mehr Geld haben wird. Wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt, würde dieser ein Besitztum von seinem Geld kaufen. Während jener erste ihn mit einer großen Bittschrift ersucht, dass er ihm Geld leiht. Es ist in der Macht von diesem, unter dem Titel des Kaufvertrages eine Gebühr zu seinem Nutzen aufzuerlegen, bis das Geld ihm erstattet wird. Und auf diese Weise wird die Lage (des ersten) verbessert: Dennoch ist er zufrieden mit dem Wucherzins. Warum ist der eine Vertrag gerecht und ehrenhaft, der andere falsch und böse?

Hat nicht der erste freundlicher mit seinem Bruder verhandelt, um Übereinstimmung über den Wucherzins zu erreichen, als dass er ihn zwingen würde, das Stück mit einer Hypothek zu belasten? Dies zu verleugnen - ist das nicht, als wenn man mit Gott spielt nach der Art eines Kindes, die bloßen Namen hochschätzen und nicht die Wahrheit dessen, was geschieht? Als wäre es in unserer Macht, indem wir den Namen verändern, aus Tugenden Laster zu machen und aus Lastern Tugenden. Ich habe nicht vor, darüber zu streiten.

Es genügt, auf die Angelegenheit mit dem Finger zu zeigen, damit Sie sie äußerst sorgfältig in Ihnen selbst abwägen. Dennoch wollte ich es gern, dass Sie dies immer im Gedächtnis hätten, nämlich dass die Angelegenheiten selbst und weder die Worte noch die Ausdrucksweisen hier zur Beurteilung vorliegen.

Jetzt komme ich zu den Einwänden: Denn man muss wohl betrachten - wie ich zu Beginn gesagt habe -, bei welchem Vorbehalt es erforderlich ist. Denn weil fast alle ein kleines Wort suchen, damit sie sich über jedes Maß hinaus beklagen, gehört es sich für ein solches Vorwort, dass, wenn ich auch irgendwelche Arten von Wucherzinsen gestatte, ich sie dennoch nicht alle für erlaubt halte. Demnach billige ich nicht, wenn jemand vorschlägt, ein Gewerbe daraus zu machen, aus Wucherzinsen Gewinn zu machen. Ferner gestatte ich nichts, außer dass ich gewisse Einwände hinzufüge.

Der erste ist, dass man keinen Wucherzins vom Armen nimmt und dass niemand, der durch Bedürftigkeit völlig in der Enge ist oder durch schwere Not geschlagen ist, genötigt werden soll.

Der zweite Einwand ist, dass derjenige, der verleiht, nicht derart zielstrebig auf Gewinn aus sein soll, dass er (i.e. der Schuldner) zu Grunde geht bei den erforderlichen Verpflichtungen und er auch nicht sein Geld mit solcher Sicherheit anlegen will, dass er nicht seine armen Brüder niederdrückt.

Der dritte Einwand ist, dass nichts dagegen spricht, was nicht mit der natürlichen Billigkeit übereinstimmt und man die Angelegenheit gemäß der Regel Christi betrachtet, nämlich, dass ihr wollt, dass die Leute euch tun usw. - dass dies überall als Übereinkunft gelten soll.

Der vierte Einwand ist, dass derjenige, der leiht, ebenso viel oder mehr Gewinn macht mit dem geliehenen Geld.

An fünfter Stelle, dass wir in keiner Weise schätzen, was uns erlaubt gemäß einer allgemeinen und althergebrachten Gewohnheit ist oder was wir dafür halten, was recht und billig ist durch die Ungerechtigkeit der Welt, sondern dass wir eine Regel aus dem Wort Gottes nehmen.

An sechster Stelle, dass wir nicht allein den privaten Vorteil von jemandem betrachten, mit dem wir handeln, sondern dass wir auch betrachten, was notwendig ist für das allgemeine Interesse. Denn es ist ganz offenkundig, dass der Wucherzins, den der Händler zahlt, eine öffentliche Zahlung ist. Man muss also gut beachten, dass der Vertrag für die Allgemeinheit eher nützlich als schädlich ist.

An siebenter Stelle, dass man nicht das Maß überschreitet, das die öffentlichen Gesetze der Gegend oder des Ortes gestatten. Wenn das auch nicht immer genügt, denn oft gestatten sie uns, was sie eigentlich korrigieren oder verbieten könnten. Man muss also die Billigkeit voranstellen, die beschneidet, was zu viel ist.

Aber wie auch immer, ich möchte meine Meinung Ihnen gegenüber geltend machen aus dem Grund, dass ich nichts mehr wünsche, als dass alle so menschlich sind, dass es überhaupt nicht nötig ist, etwas in dieser Angelegenheit zu sagen. Ich habe in Kürze diese Dinge erfasst, eher mit dem Wunsch, Ihnen entgegenzukommen als im Vertrauen, Sie zufrieden zu stellen. Aber gemäß Ihrem Wohlwollen mir gegenüber nehmen Sie in gutem Sinne diesen meinen Dienst als solchen.

Gott befohlen, außerordentlicher und ehrenhafter Freund. Gott bewahre Sie mit Ihrer Familie.

Fussnoten

  1. Calvin bezieht sich auf die Bibelstelle Lk 6, 35: "Vielmehr liebet eure Feinde und tut Gutes und leihet, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wird euer Lohn groß sein."
  2. "Du sollst von deinem Volksgenossen keinen Zins nehmen, weder Zins für Geld noch Zins für Speise, noch Zins für irgend etwas, was man leihen kann."
  3. Calvin bezieht sich hier auf die lateinische Septuaginta-Ausgabe der Bibel
  4. Schreibfehler Calvins. Es muss richtig heißen: toq
  5. "Du nimmst Zinsen und Aufschlag und suchst unrechten Gewinn an deinem Nächsten mit Gewalt - und mich vergisst du! spricht Gott der Herr."

Quelle: CO 10a, 245-249; Übersetzung: Albrecht Thiel


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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20