Wo fängt Gewalt an?

Pfarrer Christoph Brinkmann, Religionslehrer am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt

September 2002

Alltag 1: Schüler stranden in abgelegenen Ortschaften oder stehen stundenlang auf Busbahnhöfen, weil sie keinen Anschluss haben. Weil nämlich im Landkreis zwei verschiedene Kraftverkehrsgesellschaften tätig sind und die Busse zweier verschiedener Gesellschaften nicht aufeinander warten. Aus Prinzip.

Alltag 2: Schon Erstklässler müssen überall einen Fahrausweis vorzeigen. Sie sind damit überfordert. Es ist ihnen schon fast unmöglich, Ranzen, Turnbeutel, Jacke und Mütze beieinander zu halten. Es wird ihnen gedroht, ohne Ausweis nicht mitgenommen zu werden. Und darum sieht man verheulte Kinder, die ihre Karte nicht finden. Der Schüler muss nachweisen, dass er kein Schwarzfahrer ist. Auch wenn er erst sechs Jahre zählt.

Alltag 3: Grundschüler erleben mehrere Klassenlehrer, teils erfolgen die Wechsel plötzlich und unvorbereitet. Ein 10. Schuljahr hatte 15 Deutschlehrer - in 5 Schuljahren. Schulleiter wissen zu Beginn des Schuljahres nicht, wie viele und wen sie als Lehrer haben. Chaos in den ersten Schulwochen.

Alltag in Deutschland: Wo fängt Gewalt an? Erkennt man am täglichen Umgang mit Schülern und Lehrern, was einem Land Kinder, Bildung und Ausbildung wert sind? Gewiss! Werden Schule, Lehrer und Schüler lediglich als Kostenfaktor behandelt, demotiviert das alle Beteiligten. In Deutschland gibt es angesichts der Haushaltslage der Länder zwei Rettungsmöglichkeiten: Autobahnbau und Schulschließung. Während A4 und A9 dreispurig ausgebaut, A71 dagegen mit Riesenaufwand völlig neu erstellt wird, wird die Provinz entschult. Und nicht nur die. In Erfurt schließen demnächst elf Schulen. PISA? Bildungsnotstand? Anstatt die geringen Schülerzahlen als Chance zur Qualitätsverbesserung zu nutzen, wird mit Zahlen operiert und dicht gemacht. Das ist, als würde man während einer Choleraepidemie die Krankenhäuser schließen. Mit der Begründung: es gäbe eh weniger Menschen im Land und bei Fortgang der Epidemie würden es noch viel weniger. Zu große Klassen, Schulen von der Schließung, Lehrer von Entlassung bedroht. Erziehung findet nicht zu Hause statt. Die Schule solls richten. Aber bitte gratis.

Das Gutenberg-Gymnasium war nicht das himmlische Jerusalem. Es ist meine Schule. Und es ist eine solche Schule, dass sie mich an einen Irrtum hat glauben lassen, als meine Frau zu Hause anrief und sagte, es gäbe dort eine Schießerei. Schießerei? Woanders vielleicht, dort mit Sicherheit nicht! Gewiss ein Missverständnis! Es war keins. War es das Werk eines Durchgeknallten, ohne Logik? Ich meine, Robert wollte Böses tun. Zu auffallend Gutem war er nicht bereit. Oder zu bequem. Er hat erkannt: Zerstören ist einfacher als aufbauen. Nehmen wir die Gebote als Richtlinie, dann sah er wohl in einem Anschlag auf das 5. die Möglichkeit, mit geringem Aufwand viel zu erreichen. Es ist ihm ja auch gelungen. Ihr werdet sein wie Gott, versprach die Schlange: Wissend um Gutes und Böses. Robert entschied sich für das Böse. Nun hätte man das wohl kaum durch zwangsverordneten Religionsunterricht verhindern können. Aber dass er der Fürsorge entgleitet, wurde wohl bemerkt. Wer hätte sich so intensiv kümmern können, wie es nötig gewesen wäre? Es wurde versucht. Einer der ersten Toten jedoch war der Oberstufenleiter, der versucht hat, Robert Brücken zu bauen. Robert hatte sehr wohl Lehrer, die sich um ihn Gedanken machten und das Gespräch suchten. Eine Chance ließ er ihnen genauso wenig wie denen, die er überhaupt nicht kannte. Robert Steinhäuser wollte keine Rache. Er wollte sein wie Gott - Herr über Leben und Tod.

Also was soll man tun, um dergleichen zu verhindern? Wie kann künftige Gewalt an Schulen eingedämmt werden, auch die nicht so spektakuläre? Hier sind wir wieder beim Eingangsthema. Wie gehen wir mit Kindern um? Erziehung ist sehr aufwändig und kann nicht allein nach Stunden, Vergütungsgruppen und Fachbereichen kalkuliert werden. Das genau jedoch passiert.

Man redet seit PISA von Ganztagsschulen. Schön und gut, ich kenne Schüler, die gehen deshalb gern in die Schule, weil es ihnen dort besser geht als zu Hause, und es gibt Schüler, die lieben manchen Lehrer oder manche Lehrerin mehr als ihre Eltern. Und die kommen keinesfalls zwangsläufig nur aus sogenannten Problemfamilien. Wenn also Ganztagsschule heißt, mit minimalem Personalaufwand und großen Gruppen Schüler ein paar Stunden länger zu verwahren, dann sollte man es lassen. Dann sind sie in der Clique besser aufgehoben - so sie denn eine haben.

Freilich wird Schule für Schüler und Lehrer immer Mühe bleiben, sie bedeutet Arbeit und Aufwand und es wird sich nichts daran ändern, dass manche das Ziel nicht erreichen. Denen jedoch ist zu vermitteln, dass sie dennoch wichtig sind. Das geschieht nicht, indem Schüler schon halb acht am Bus erfahren, dass sie nur ein Beförderungsfall sind.

Und Kirche gehört dahin, wo die Not am größten ist. In den 70er Jahren gab es eine neue Seelsorgebewegung, man nahm z. B. Klinikseelsorge wieder ernst. In den 80ern wurde die Not auf der Straße erkannt. Inzwischen gilt Notfallseelsorge nicht mehr als Domäne blaulichtgeiler Spinner. Jetzt ist die Erkenntnis dran, dass Seelsorge in Erziehung nicht in lückenloser Abdeckung des Religionsunterrichts ihre Erfüllung findet.

Es ist ein heißer Vergleich, aber ich wage ihn trotzdem: Angesichts der Hochwasser an Elbe und Mulde macht das ganze Land in einem gewaltigen Kraftakt Riesensummen und Gebete locker, um den Geschädigten zu helfen. Das ist wichtig und richtig weil in der Not mit aller Kraft geholfen werden muss. Schade nur, dass der Zustand von Bildung und Erziehung nicht einen ähnlichen Aufwand wert ist. Die völlig gewaltfreie Schule halte ich für eine Illusion. Aber Kinder die aufwachsen und gelehrt kriegen, was gut und was böse ist und wie sie sich entscheiden sollen, das halte ich für machbar. Die meisten können das nämlich jetzt schon. Der Rest braucht unumstößliche Regeln ("So was tut man nicht"), Sicherheit ("Ich gehe nicht verloren!") und viel, viel Zeit. Denn nur für das, was uns wirklich wichtig ist, haben wir genug davon.



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