Aufbrechen der Gewaltspirale!

Bischöfin Maria Jepsen

Oktober 2002

Am Rande der Spielzeugabteilung eines großen Kaufhauses steht eine kleine Gruppe Jugendlicher um einen Computer. Ein Junge bewegt mit zwei Knüppeln schwer bewaffnete Krieger auf dem Bildschirm und drückt voller Vergnügen auf den Knüppelknopf. Man hört das knatternde Geräusch eines Maschinengewehres und sieht, wie die gegnerischen Krieger reihenweise umfallen. Schulterklopfen von den Freunden, gut getroffen. Wer die meisten Opfer vorweisen kann, ist der Held der Gruppe.

Was hier im öffentlichen Raum geschieht, wiederholt sich unbeaufsichtigt in unzähligen Jugendzimmern unserer Republik. Jugendliche kopieren und laden sich Gewalt-Spiele auf ihren Rechner, vernetzen ihre Computer untereinander und verbringen ihre Freizeit mit Kriegsspielen am Bildschirm. Sie schießen, bomben und boxen sich durch eine virtuelle Welt voller Gewalt. Reagieren sie sich dadurch ab? Kompensieren sie eigene Aggressionen in der Welt des Spiels? Oder fördern solche Spiele den menschlichen Hang zur Gewalt und gewöhnen die Jugendlichen unbewusst an gewalttätige Umgangsformen? Sind diese Spiele gewaltabbauend oder gewaltverherrlichend?

Die Wissenschaft kann keinen Beweis dafür vorlegen, ob und in welcher Weise Gewaltdarstellungen menschliches Handeln beeinflussen und zur Nachahmung verleiten. Allerdings schließen sich gegenwärtig viele Wissenschaftler der These an, dass häufige Gewaltdarstellung eine Gewöhnung an Gewalt bewirkt und mit der Zeit die Trennschärfe zwischen virtueller und realer Gewalt verwischt.

In jedem Fall spiegelt die Spielkultur der Jugendlichen die Zunahme von Gewaltdarstellungen in den Medien wider. Was sie am Computer spielen, sehen andere im Fernsehen und Kino. Ob Krimi oder science fiction, ob Zeichentrick oder Nachrichtensendung: Jedes Genre berichtet von Gewalt. Die Ursache dafür liegt in der tatsächlichen Erfahrung von Gewalt, ihrer Allgegenwärtigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen wie in zwischenstaatlichen Verhältnissen. Gewalt ist ein unauslöschbares Element im Zusammenleben von Menschen. Sie fasziniert und wirkt auf viele Menschen anziehend. Sie wird keineswegs nur leidvoll sondern auch lustvoll erlebt. Auf der anderen Seite erschreckt und schockiert uns ihre zerstörerische Dimension. Sie bedroht die menschliche Existenz und die sie umgebende Natur, sie verletzt und missachtet die Würde des Menschen und aller Kreatur. Wenn man davon ausgeht, dass die Gewalt ihren Ursprung im menschlichen Streben und Wollen hat, dann kommt alles darauf an, wie der Mensch seinen Aggressionstrieb steuert.

Es ist die Aufgabe der Kirchen und aller Christen auf der Welt, jede verharmlosende wie auch jede verherrlichende Darstellung von Gewalt zu verurteilen, um einer Gewöhnung und Abstumpfung entgegen zu wirken. Gerade Christinnen und Christen wissen um die fürchterlichen Auswirkungen von Gewalttaten aus der Geschichte Gottes mit seinem Volk und aus der Lebens- und  Leidensgeschichte Jesu. Gewalt, die Mensch und Natur verachtet, ist Sünde und eine Last, an der wir alle tragen. Aber, zum Menschsein gehört auch die Hoffnung auf Vergebung und die Möglichkeit der Umkehr. Darin liegen notwendige und heilsame Gegenkräfte. Von ihnen erzählt Jesus im Neuen Testament: Der Verzicht auf Gewalt, das Aufbrechen einer Gewaltspirale durch Angebote des Friedens, das Hinhalten der linken Wange, nachdem die rechte geschlagen wurde, das sind Symbole für ein Leben, das auf eigene Gewaltausübung verzichtet und zur Überwindung beiträgt.

Sicherlich ist es illusorisch, Gewaltfilme und Videos abschaffen und Gewaltdarstellungen in den Medien verbieten zu wollen. Aber es ist unsere Pflicht, Kindern und Jugendlichen in ihrem Spielverhalten Grenzen zu setzen und ihnen Angebote zu machen, die zu einem kritischen Umgang mit Gewaltbildern beitragen. Die Perspektive, die Jesus einnimmt, könnte ein gutes Beispiel sein: Er lenkt unseren Blick auf diejenigen, die unter Gewalt leiden müssen, und weckt unser Mitempfinden und unsere Solidarität mit den Opfern von Gewalt.

Diese Haltung aber wird unsere Kinder nur überzeugen, wenn auch wir unser Verhalten einer kritischen Reflexion unterziehen und uns fragen lassen, wo wir Gewalt Einhalt gebieten, Streit schlichten und versöhnen, die Hand nicht zur Faust ballen, sondern zur Vergebung ausstrecken und der Verheißung Jesu trauen: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Bischöfin Maria Jepsen



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