Gib dich nicht geschlagen!
Präses Manfred Kock
04. Juli 2002
Eigene Gewalt vermeiden, der Gewalt anderer widerstehen, miteinander Gewalt überwinden!
Einzelne dramatische Gewaltakte, wie kürzlich die eines Schülers in Erfurt, Medienmeldungen über häusliche Gewalt hinter geschlossenen Türen und Berichte über die in manchen Städten zunehmende Gewaltkriminalität sowie Ausschreitungen gegen Ausländer machen uns bewusst, wie verletzlich das geregelte und friedliche Zusammenleben ist. Noch sind massive Einbrüche von Gewalt in unserem Leben in Deutschland relativ selten, aber in unserer Wahrnehmung kommt die Gefährdung unseres Lebens durch Gewalt uns immer wieder nahe. Mit Entsetzen verfolgen wir die durch die Medien vermittelten Auswirkungen von Terror und Krieg mit ihren vielen Opfern in anderen Teilen der Welt. Was sind die Ursachen dieser Gewalt? Wie lässt sie sich stoppen? Mit Gegengewalt letztlich nicht! Es gibt keine einfachen Antworten auf die komplexen Ursachen von individueller und kollektiver Gewalt. Ebenso schwierig sind Lösungen zu finden. Jedenfalls sind Geduld und Sorgfalt nötig um eine Veränderung nicht nur des einzelnen Gewalttäters, sondern auch seines Umfeldes erreichen.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich dem Aufruf des Weltrates der Kirchen (ÖRK) angeschlossen und will sich gemeinsam mit Christen aus anderen Weltteilen der dringlichen Aufgabe der Überwindung von Gewalt zu stellen. Mit viel Energie und Kreativität haben sich Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen mit ihren vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern daran gemacht, den Ursachen von Gewalt nachzugehen und wirksame Strategien zur Abhilfe zu entwickeln. So läuft etwa zur Zeit in einigen Kindergärten die Kampagne "Fernsehen ja - aber ohne Gewalt!" an; in der Jugendarbeit werden gewaltfreie Methoden zur Konfliktbewältigung eingeübt; in Gesprächen und Begegnungen lernen Menschen verschiedener Religion und kultureller Herkunft einander kennen und bauen so Vorurteile und Spannungen ab. Dabei hat sich erfreulicherweise eine große Offenheit für neue Methoden und eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Verantwortungsträgern vor Ort entwickelt. Gewaltüberwindung ist eine gemeinsame Aufgabe.
Obwohl die immer neuen und ausgeweiteten Formen kriegerischer Gewalt weltweit überwältigend erscheinen, gibt es Möglichkeiten, dem etwas anderes als nur weitere Gewalt entgegenzusetzen. So können wir darauf hinwirken, dass unser Land in der Europäischen Union und in vielen bilateralen Beziehungen weiterhin für eine weltweite Politik der Verständigung und Kooperation eintritt. Es gilt, die Angst vor der Gewalt genauso zu überwinden wie das aus Angst geborene Sicherheitsbedürfnis, das suggeriert, ohne Gewaltmittel hilflos zu sein. Frieden wächst aus einer neuen Konsensbildung und dem Streben nach Gerechtigkeit. Doch dazu braucht es nationale wie internationale Regelungen und Institutionen, die diesen Regelungen Geltung verschaffen. In den Zivilen Friedensdiensten praktizieren besonders dafür ausgebildete Menschen in Krisenregionen gewaltfreie Methoden zur Konfliktbewältigung. Daraus entwickelt sich ein anerkanntes Instrumentarium zur Bearbeitung von Konflikten.
Wir stehen nicht am Anfang, aber es ist noch ein weiter Weg. Jede und jeder kann zunächst bei sich selber und ganz in seiner Nähe ganz konkret etwas tun. Und wenn viele Menschen an vielen Orten noch so kleine Schritte tun, dann hat dies Chancen, oder wie die Bibel sagt: Verheißung.
Präses Manfred Kock
