Die Chance auf Arbeit zu fairen Bedingungen gehört zu einer Kultur des Friedens dazu

Eva Senghaas-Knobloch

Oktober 2002

„Der Weltfrieden kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden. Nun bestehen aber Arbeitsbedingungen, die für eine große Anzahl von Menschen mit so viel Ungerechtigkeit, Elend und Entbehrungen verbunden sind, dass eine Unzufriedenheit entsteht, die den Weltfrieden und die Welteintracht gefährdet.“ Diese Worte finden sich in Kapitel 13 des Friedensvertrags von Versailles, der den Ersten Weltkrieg beendete. Mit diesen Worten wurde der Gründungsauftrag zu der Internationalen Arbeitsorganisation beschrieben, die eine der wenigen völkerverbindenden internationalen Organisationen ist, die den Zerfall des Völkerbunds in der Zeit des Faschismus überstanden hat, noch während des Zweiten Weltkriegs in der Erklärung von Philadelphia im Mai 1944 ihre Grundsätze unterstrichen hat, die neue Weltspaltung durch den hochmilitarisierten, politisch ideologischen Ost-West-Konflikt ausgehalten hat und sich gegenwärtig mit den Herausforderungen durch Globalisierung auseinandersetzen muss.

„Arbeit ist keine Ware.“ „Armut, wo immer sie besteht, gefährdet den Wohlstand aller. Der Kampf gegen die Not muss innerhalb jeder Nation und durch ständiges gemeinsames internationales Vorgehen unermüdlich weitergeführt werden.“ – Diese Grundsätze aus den Jahren 1919 und 1944 sind aktueller denn je. Die Vorstellung von Weltfrieden und Welteintracht standen 1919 noch ganz unter dem Bann des Kolonialismus. Mitgliedsstaaten waren mit wenigen Ausnahmen ausschließlich Industrieländer. Das hat sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere durch die Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika in den 60er Jahren, geändert.

Heute erkennen 174 Staaten durch ihre Mitgliedschaft in der IAO an, dass Frieden und Gerechtigkeit ein untrennbares Paar sind. Sie sind einzigartigerweise sowohl durch Regierungs- als auch durch Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter repräsentiert. Aus der Enttäuschung, dass es den internationalen politischen und gewerkschaftlichen Vereinigungen der Arbeiterschaft am Vorabend des 1. Weltkriegs nicht gelungen war, der nationalistischen Kriegstreiberei wirksam Einhalt zu gebieten, wuchs die Einsicht, dass mit der Verletzung von Menschenwürde und der Zunahme von Ungerechtigkeit die Gewaltträchtigkeit in und zwischen Gemeinwesen zunimmt, ob durch Verführung, durch Verzweiflung, durch Verwahrlosung. Zu einer Kultur des Friedens gehört, dass Menschen bei der Gestaltung der sie betreffenden Lebensbedingungen eine Stimme haben.

Im Juni 2002 fand in Genf am Sitz der Organisation die 90. Plenarkonferenz der Internationalen Arbeitsorganisation statt, um über die Einhaltung internationaler Arbeitsnormen und die Frage neuer Normen zu befinden. Thematischer Schwerpunkt in diesem Jahr war Kinderarbeit. Das ist der gleiche Fokus, den auch die erste Internationale Arbeitskonferenz im Jahre 1919 hatte. Damals ging es um das Mindestalter für Erwerbstätige vor allem in den europäischen Industrien. Heute geht es vor allem um die sofortige wirksame Beseitigung des Missbrauchs von Kindern durch ihren Einsatz in gefährlichen und hoch riskanten Gewerben, durch Schuldknechtschaft und Menschenhandel, durch Prostitution und zwangsweisen Kriegsdienst. Keine Frage: Die Internationale Arbeitsorganisation hat zu lernen und hat gelernt. Die Pluralität von Kulturen, Auffassungen von gutem Leben und Bildung für das Leben sind zu respektieren. Mit dem ersten nicht westlichen Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation, dem 1999 ins Amt gewählten Juan Somavia, hat sich die Organisation jedoch einem gemeinsamen, universal geltenden Leitziel verschrieben: Decent Work, menschenwürdiger Arbeit.

Arbeit ist keine Ware. Unsere Arbeitskraft ist an uns als Personen gebunden. Quer durch alle Kulturen und Entwicklungsniveaus suchen Menschen eine faire Chance, „um durch eigene Anstrengungen ein gedeihliches Leben zu führen“, so beschreibt der Generaldirektor der IAO das Menschenbild, das hinter dem politischen Leitziel menschenwürdiger Arbeit der Internationalen Arbeitsorganisation steht. Ein erfülltes tätiges Leben gemäß eigenen Möglichkeiten im Rahmen der sozialen Gemeinschaft führen zu können, diese Möglichkeit wird heute ebenso wie im Jahre 1919 Hunderten von Millionen Menschen auf der Erde verwehrt. Mangelnde Existenzbedingungen und mangelnde Entfaltungschancen wirken als strukturelle Gewalt, bedrohen Menschen mit verfrühtem Tod, Krankheiten, körperlicher und seelischer Verkrüppelung. Zu weltweiten Wirtschaftsverflechtungen gehören auch weltweit geltende Rechtsnormen und Mindeststandards im Arbeits- und Wirtschaftsleben. Zur Überwindung von Gewaltträchtigkeit und Gewalt gehört die beharrliche Stärkung internationaler Organisationen und Vereinigungen, die sich für Rechte bei der Arbeit statt stummer Fügung in ökonomische Gesetzmäßigkeiten einsetzen.



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