Europäisches Forum Christlicher Männer

„Dem Dunkel der Gewalt wollen wir eine Kette des Lichts entgegensetzen ...“

Europakonferenz des Europäischen Forums Christlicher Männer zur Ökumenischen Dekade 2001 - 2010

Plattform I


Mit der Dekade zur Überwindung der Gewalt will der Ökumenische  Rat der Kirchen (ÖRK) der weltweit verbreiteten Un-Kultur der Gewalt eine Kultur des gerechten Friedens gegenüberstellen. Er ermutigt die Christinnen und Christen in der Welt, sich in ihren Lebenswirklichkeiten mit dem Problem der Gewalt auseinanderzusetzen. Wir, Männer in den Kirchen Europas, begrüßen die Dekade zur Überwindung von Gewalt und werden uns in den nächsten Jahren in einem ökumenischen Netzwerk mit diesem Thema beschäftigen. Auf diesem Weg aus der Gewalt wurde mit der Konferenz vom 7.-10.11.2002 in Prag eine erste Plattform gebildet:

§ Kriegerische Auseinandersetzungen gehören in vielen Teilen der Welt – vor allem in Afrika und im Nahen Osten, aber auch in Europa – gerade in dieser Zeit zum Alltag.
§ Körperliche und psychische Gewalt sind nach wie vor fester Bestandteil sozialer Beziehungen.
§ Gewalt ist aber nicht nur körperliche und militärische Gewalt, Gewalt bedeutet allgemein die Verweigerung der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse von Menschen. 
 
Gewalt zerstört Leben. Sie ist die Abwesenheit von Liebe, Beziehung und Menschlichkeit!

Gewalt ist allgegenwärtig und vor allem wir Männer sind in besonderer Weise darin verstrickt. Gewalt gegen Kinder, Frauen, Völker und gegen die gesamte Schöpfung geht viel zu oft von Männern aus. Und ebenso sind Männer selbst Opfer von Gewalt. Diesen Kreislauf der Gewalt wollen wir christlichen Männer gemeinsam mit anderen Männern durchbrechen und dem Frieden und der Gerechtigkeit dort Raum schaffen, wo es möglich ist. Denn das Zeugnis einer glaubwürdigen Kirche ist für uns in dem Vers 15 des  34. Psalms zusammengefasst:

„Suche den Frieden und jage ihm nach!“

Frieden hat als Partnerin die Gerechtigkeit. Damit stellt sich die Frage nach gerechten Beziehungen: zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, zwischen den Nationen, christlichen Kirchen und Religionen und schließlich zwischen den Geschlechtern und unter den Geschlechtern. Berechtigte Interessen sind dabei zu verhandeln und sind konstruktiven, gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien zuzuführen. Gewaltfreiheit heißt daher nicht Tatenlosigkeit, sondern aktives Eintreten für Gerechtigkeit. Damit ist eine aktive Lebensform angesprochen, die Mut, Entschlossenheit und Zivilcourage verlangt. In drei exemplarischen Themenfeldern haben wir dies während unserer Konferenz erprobt:

I. Gegen die globale Ausbeutung von Menschen 

Vielen Menschen in der Welt ist die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse verwehrt. Sie haben keine existenzsichernde Arbeit und kein existenzsicherndes Einkommen. 100.000 Menschen verhungern täglich auf der Welt. Sie alle erfahren auf diese Weise eine Form der Gewalt, die auch durch ungerechte weltwirtschaftliche Handelsbeziehungen bedingt ist. Die zunehmende Globalisierung und das darin dominierende westliche Konsumniveau führen zu einer massiven Verknappung lebenswichtiger Ressourcen. Nach der vorherrschenden Logik der Gewalt sind kriegerische Auseinandersetzungen unausweichlich die Folge.
 
Angesicht dieser Situation ist es notwendig:
§ die Gewinner und Verlierer dieser Globalisierung öffentlich zu benennen und
§ die Bemühungen zu fördern, die es ermöglichen, die globalen finanziellen und ökonomischen Strukturen transparenter zu machen, sie zu verändern und demokratisch zu kontrollieren.
 
II. Körperlicher und physischer Gewalt eine Absage erteilen

Unzählige Kinder werden jährlich von ihren Vätern und Müttern geschlagen, misshandelt und missbraucht. Gewalt prägt die Beziehungen insbesondere zwischen jungen Männern, Frauen sind nach wie vor Opfer sexueller Übergriffe und Ausbeutung, auch alte Menschen sind Opfer von Übergriffen und Misshandlung. Menschen, welche auf irgendeine Art „anders“ sind - Menschen mit dunkler Hautfarbe, Menschen anderer Herkunft, Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung - sind  Ziel von Gewalthandlungen.

Diese Spiralen der Gewalt müssen von außen unterbrochen werden. Dazu bedarf es:
§ des Schutzes und der Begleitung der Opfer,
§ der Arbeit mit Tätern im Hinblick auf die Anerkennung ihrer Verantwortung, auf  die Einsicht in die Bedingungen der Tat und auf die Bereitschaft zur Verhaltensänderung,
§ eines Netzwerkes beteiligter Personen und Institutionen mit dem Ziel der Entwicklung präventiver Maßnahmen.


III. Wider die Selbstzerstörung männlicher Identität

Zunehmend führen fehlende Lebensperspektiven, die Beziehungsunfähigkeit oder eine unüberwindbare Sinnleere viele junge Männer in die Verzweiflung – und immer öfter in radikale Formen der Aggression gegen sich selbst, bis hin zur Selbsttötung.  Nach wie vor werden Männer konditioniert, ihren Körper zu instrumentalisieren. Obwohl viele Männer Gewalt erfahren, gestehen sie sich das Gefühl der Verletztheit nicht ein, ihre Männlichkeit scheint für sie verloren zu gehen, wenn sie Opfer sind. Denn Opfer sind in ihren Augen Versager.

Daraus erwachsen als Konsequenzen für die Kirche:
§ sich auf die Perspektiven der Lebenserfahrung junger Männer einzustellen und
§ einen Dialog anzubieten, in dem glaubwürdig vermittelt wird, daß Erfahrung von Ohnmacht und Wahrnehmung von Verletzlichkeit zur christlichen Existenz gehören, und Männlichkeit nicht in Frage stellen.


Ziel unseres Weges ist es, Männerinitiativen gegen Gewalt zu vernetzen, Annäherungen zwischen Männern innerhalb und außerhalb der Kirche zu moderieren und den Dialog von uns Männern mit den Frauen zu vertiefen. Diese Dekade braucht selbstbewusste und selbstkritische Männer, die die Diskussion in die Ortsgemeinden und gesellschaftlichen Gruppen tragen, dort von Angesicht zu Angesicht über Gewalt  sprechen und streiten. Gemeinsam werden wir dabei an einem Männerbild arbeiten, das die latente und tatsächliche Nähe zur Gewalt überwindet. Männern in diesem Sinne zur Ganzheit zu verhelfen, sie mit sich selbst zu versöhnen, wird unser Beitrag zur Dekade sein.

Europäisches Forum Christlicher Männer, Prag, 10. November 2002



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