Zum Ursprung der Dekade beim Ökumenischen Rat der Kirchen

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

04. Juli 2002

1994 traf sich der Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen das erste Mal in Südafrika. Durch die scharfe Kritik am Apartheid-Regime, vor allen Dingen durch das Programm zur Bekämpfung des Rassismus, war eine solche Tagung in Südafrika jahrelang unmöglich gewesen. Nun, nach dem Ende der Apartheid, war es eine große Freude, in Johannesburg zusammenzukommen. Die Freude wurde allerdings getrübt durch die massive Gewalt, die zwischen unterschiedlichen politischen Gruppierungen wenige Monate vor den ersten freien Wahlen grassierte.

In seiner Predigt beim zentralen Festgottesdienst in Johannesburg sagte Bischof Stanley Mogoba: „Jetzt, nachdem das Programm zur Bekämpfung des Rassismus so viel Erfolg gezeigt hat, ist es da nicht an der Zeit, ein Programm zur Bekämpfung der Gewalt auszurufen?“ Viele stimmten zu in den anschließenden Diskussionen im Zentralausschuss: Gewalt ist das "Ethos unserer Zeit“ (Walter Wink). Die Kirchen sollten sich der Gewaltfrage annehmen, denn sie zerstört Leben, erfülltes Leben, wie es von Gott gewollt ist. Und Jesus selbst hat den Kreislauf der Gewalt durchbrochen.

Aber ist „bekämpfen“ das richtige Verb? Schließlich landeten wir beim Römerbrief, Kapitel 12: „Überwindet das Böse durch das Gute.“ So kam es zum Titel eines Programms: Gewalt überwinden. Aber ein Programm ist zunächst Papier, wie sollte das konkret werden? Zwei Jahre später hatte sich noch nichts entwickelt und so kam eine kleine Arbeitsgruppe in Rio de Janeiro zusammen. Dort hatte sich in Viva Rio eine Gruppe aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zusammengefunden, die aktiv gegen Gewalt antritt. Mit öffentlichen Aktionen, wie drei Schweigeminuten mitten in dieser Großstadt an einem Freitagmittag, der Verknüpfung unterschiedlicher Arbeitsbereiche, dem „Community-Policing“ wurde konkret Gewalt als Phänomen aufgegriffen. Hieraus entstand die Idee, Städte in der ganzen Welt zu vernetzen unter dem Titel „Friede für die Stadt“, dem Gruß, abgeleitet aus dem Gruß Jesu an die Jüngerinnen und Jünger. Im Internet, einem gewalthaltigen Medium, haben sich seitdem viele Städte vernetzt.

Dieses Programm hat im Dezember 1998 die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen so überzeugt, dass sie beschlossen hat, die ersten 10 Jahre des neuen Jahrhunderts dem Thema „Gewalt überwinden“ zu widmen. Am 4. Februar 2001 konnte schließlich die Ökumenische Dekade in Berlin eröffnet werden. Ein langer Anlauf, aber eine hervorragende Platzierung zu Beginn des neuen Jahrhunderts.

Landesbischöfin Margot Käßmann



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