Publikationen >> Materialdienst Archiv - Jahrgänge ab 1/2002 ff >> Materialdienst 7/2005 >> Berichte: Gamika, Mumia und Ritualmaschinen
Angelika Koller
Seit der Münchner Reinkarnationstherapeut Thorwald Dethlefsen1 1993 sein Privatinstitut schloss, widmet er sich mit 50 Helfern dem Leitstern „Kawwana“. So leitete der Ex-Protestant als Vicarius die „Kawwana – Kirche des Neuen Aeons“2 und spendete tausendfach die „Symmachia“-Initiation. Als er 2003 erklärte, die Kawwana-Kirche sei in die Welt Briah erhoben worden, legte er den Titel ab, zog sich jedoch nicht ins Austragshäuschen zurück, sondern hielt verschiedenartige Wochen-Seminare.
„Wort & Antwort“
Von Februar bis Juli 2005 führt Dethlefsen nun in Wien, Berlin, München, Frankfurt/Main, Hamburg, Düsseldorf und Zürich die Reihe „Wort & Antwort – Die Welt ist fragwürdig“ durch. Jeweils dreieinhalb Tage lang konnte man den 58-Jährigen befragen. Die Gebühr betrug 555 Euro. Der Infobrief schlug Themen vor: Weltanschauung, Religion, Götter, Teufel, Welt, Erlösung, Krankheit, Heilung, Himmel, Erde, Gut, Böse, Tod, Jenseits, Sexualität, „und was Ihnen sonst noch einfällt“. Ich besuchte die Münchner Veranstaltung in Schloss Nymphenburg (29.3. – 1.4.). Hier ist nicht der Raum, das Seminar vollständig zu dokumentieren. Ich versuche deshalb, mich auf einige Schwerpunkte zu konzentrieren.
Dethlefsen stand vor Beginn und in den Pausen für individuelle Gespräche zur Verfügung. Zu den Fragestunden saß er allein auf einem Podest, neben sich einen weißen Obelisken: „Auch ich habe gern eine Antenne in der Nähe.“ Nachdem er anfangs über die Zufälligkeit von Weltanschauungen reflektiert hatte, nutzte das Publikum die Chance. Dethlefsen antwortete freundlich, entspannt, doch quasi „ex cathedra“. Diskussionen kamen kaum zustande. Am letzten Tag schloss Dethlefsen mit einer Interpretation von Voltaires „Candide“, die das Lächerliche menschlichen Spekulierens betonte; eigentlicher Auftrag des Menschen sei es, den Garten zu bestellen und die Ernte zu genießen. Auf Rituale im großen Stil der Kawwana-Kirche wurde verzichtet, doch erhielt man täglich von zwei Assistentinnen eine Prise Salz voll „Schechinah-Licht“.3 Allerdings ist das gesamte Frage-Antwort-Spiel ein Ritual.
Meine Publikationen zu Dethlefsen, über die ich ihn informierte, trugen mir Vorwürfe ein, ich arbeite der „Linken Seite“ zu. Bei „Wort & Antwort“ wurde ich wie alle anderen behandelt und erhielt Gelegenheit zum Fragen. Nur meine Bitte, konkret zu schildern, wie es zugehe, wenn der Höchste Gott direkt spreche, wehrte Dethlefsen ab: Dazu erteile er niemandem Auskunft. Sogar dass ich Flyer zu meinem Buch verteilte und einige Exemplare verkaufte, wurde geduldet.
Schöpfung, Fall und Erlösung
Kawwanas Tradition reicht von Thora, Sohar und Isaak Luria (Kabbala) zur eigenen Offenbarung, wobei man den antiken Mythos als „Impuls Gottes“ an die Menschheit würdigt, aber auch Elemente aus Gnosis oder östlichen Lehren integriert. En-Sof, Gott in seiner Absolutheit, schafft im „Zimzum“ Raum für die Schöpfung, in einer Lichtemanation entsteht der erste Gottessohn Adam Kadmon. Der will auch Schöpfer sein, überspringt aber den Zimzum, emaniert sofort Licht und verursacht den „Bruch der Gefäße“. Adam Kadmon mutiert zum „Schattengott Jaldabaoth“, dessen Schöpfung von Welt zu Welt abfällt, Lichtfunken werden in Schalen eingekerkert. Um Jaldabaoths Fehler zu korrigieren und die Lichtfunken (Schechinah) heimzuholen, unternimmt der zweite Gottessohn JHWH, der heute den Titel „der Höchste Gott“ führt, eine Rettungsaktion. Dethlefsen erklärte, wie bei einem Grubenunglück lasse der Höchste neben dem eingestürzten Schacht eine Parallelbohrung durchführen, um die Eingeschlossenen zu befreien. Für die heikle Aufgabe brauche Er Experten, derzeit die Kawwana-Gruppe.
Im Kawwana-Kosmos mit den Welten Azilut, Briah, Jetzira und Assia existiert in jeder Welt eine Landschaft, genannt „Lebensbaum“, mit Sphären wie „Gerechtigkeit“, „Schönheit“ etc. Deren Bevölkerungen weisen je nach Höhe ihres Wohnorts eine geistige, geistig-formale oder geistig-formal-physische Konstitution auf. Nur in Assia besteht „Rücken an Rücken zum Lebensbaum“ für begrenzte Zeit ein „Todesbaum“ mit Teufeln und Dämonen. Auf allen Ebenen finden Kämpfe zwischen der dunklen Partei und der Seite des Höchsten Gottes statt, aber JHWH gewinnt. Dazu setzt die Kawwana-Gruppe Aufträge um: So willigte Jaldabaoth, konfrontiert mit der furchtbaren Realität der Menschenwelt, ein, sich heilen zu lassen. Die Teufel sind gefangen, das Dämonenheer hampelt ohne Anführer in sinnlosen Attacken herum. Shambala (okkulte Linke Sphäre) wurde erobert, die Kleshas (Sanskrit: „Plagen“) enthauptet. Sind auch alle Institutionen in Politik, Wirtschaft, Religion oder Kultur korrumpiert, so kann man sich furchtlos bewegen, da die Hauptgefahren beseitigt sind. In höheren Welten ist die Weichenstellung schon erfolgt. Bis sich in der untersten Sphäre die Segnungen des Neuen Aeons konkretisieren, dauert es noch etwas. Das Weltbild zeitigt soziale Konsequenzen: Da durch Institutionen wie Standesamt oder Traualtar „ein Fluch“ auf jede Ehe fällt, bietet Kawwana seit kurzem eine Gamika-Ehe als Alternative an, die schon mehrere Paare eint. Die Brautleute verzichten auf staatliche Vorteile und geloben, die freie Entwicklung des anderen zu fördern. Das Ritual begründet einen Bund über viele Inkarnationen, in denen sich die Partner in wechselnden Konstellationen begegnen (Eltern – Kind, Geschwister etc.).
Dethlefsens Rethorik benutzt mythologische Kategorien. Nachdem er kritisiert wurde, weil seine Personifikation des Bösen und der Todesbaum-Entwurf zu dominant sei und Phobien auslösen könne, versucht er nun wohl zu beruhigen. Er hält eine Balance zwischen Schrecken und Erfolgsmeldung, die stets Notwendigkeiten für das rettende Eingreifen der Kawwana-Experten übrig lässt. Problematisch bleibt das mythologisch-okkulte Weltbild, wo es zur Basis der Interpretation gegenwärtiger Ereignisse gerät. So benutzt eine Gestalt „von der Gegenseite“ Osama bin Laden als „Wirt“, um dann zu Saddam Hussein zu wechseln, was den Irak-Krieg von 2003 rechtfertigt. Gemäß dem Motto „Wie oben, so unten“ bedeutet der Sieg der Allianz um Bush den Sieg des Höchsten Gottes, unerachtet der Nachkriegssituation. Befragt zum Tsunami, erklärte Dethlefsen diesen als eine „Sintflut“, eine „Mahnung des Höchsten Gottes“, weil der Westen und Asien ihre spezifischen Aufgaben vergessen hätten. Es spiele keine Rolle, ob ein Mensch sterbe oder 300.000. Lesen Sie weiter in unserer Printausgabe!
Das Materialdienst-Einzelheft 7/2005 ist zum Preis von 2,50 Euro zuzüglich Porto erhältlich und online bestellbar: Bestellen
Anmerkungen
1 Von Dethlefsen, Jahrgang 1946, kursieren seit den 1970er Jahren u.a. „Das Leben nach dem Leben“, „Schicksal als Chance“, „Krankheit als Weg“ oder „Ödipus, der Rätsellöser“, Gesamtauflage: gut vier Millionen.
2 Vgl. Angelika Koller, Die Kawwana-Kirche – Vorgeschichte, Geschichte, Zukunft, Materialdienst der EZW 6/2004; dies., Thorwald Dethlefsen, die Reinkarnationstherapie und Kawwana, Books on Demand 2004.
3 Dieses Licht kommt einer Emanation Gottes gleich. Seine Spendung stellt ein Analogon zu christlichen Sakramenten dar. Wer Schechinah-Salz isst, steckt über die Augen andere an und stellt den Kontakt mit der „Rechten Seite“ sicher. Eine Frau fragte, wie lange die Wirkung anhalte; denn sie würde ihre Enkel erst in einigen Wochen treffen und wolle ihnen den Kontakt zu Gott ermöglichen. Dethlefsens Magie wird von etlichen absolut ernst genommen.
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Materialdienst 7/2005