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Coaching

Darstellung

Coaching ist der in Mode gekommene Begriff für eine zielorientierte Kurzzeitberatung. Galt es früher als ein exklusives Training für Führungskräfte von Industrieunternehmen, hat sich daraus heute ein breit gefächerter Beratungsmarkt entwickelt. Coaching-Experten zur richtigen Entscheidungsfindung sind derzeit gut im Geschäft. Nicht nur Unternehmens-, Finanz-, Steuer- oder Verbraucherberater, allen möglichen Lebenssituationen und beruflichen Anforderungen wird ein professioneller Beratungsbedarf unterstellt: Lehrer werden für den Schuldienst gecoacht, Politiker für Wahlkämpfe fit gemacht, Frauen darauf vorbereitet, nach der Kinderpause wieder in den Beruf zurückzukehren. Guter Rat darf ruhig teuer sein, wenn er Lösungen herbeizuführen verspricht. Unübersichtliche Lebensverhältnisse tragen zum Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit bei – angefangen bei der komplizierten Bedienungsanleitung eines neuerworbenen Gerätes über ein undurchsichtiges Finanzierungskonzept bis hin zu einem drängenden Partnerschaftskonflikt.

Eine amerikanische Umfrage bei über 200 Personen, die sich hatten coachen lassen, ergab, dass die Befragten den Coach in erster Linie als Zuhörer, Motivator, Rückmeldungsgeber und Mentor gebraucht haben. Als wichtigste Ergebnisse des Coachingprozesses nannten die Befragten „Stärkung des Selbstbewusstseins“, „besser Ziele setzen können“ und ein „besseres Stressmanagement“. Einem erfahrenen „coach“ – wörtlich übersetzt „Kutscher“ – vertraut man gerade bei schwierigen Wegabschnitten gerne die Führung an.

Die Grenzen zwischen Psychotherapie, Beratung und Coaching sind fließend und deshalb schwer zu bestimmen. Beratung ist jedoch nicht dem Coaching gleichzustellen: Während professionelle Beratungshilfe in einer konkreten Konfliktsituation, z.B. im Rahmen einer Erziehungs- oder Schuldnerberatung, angezeigt ist, geht es im Coaching allgemein um Zeit- und Organisations-Management, um die Vermittlung von Führungsstrategien und die Zielfindung. In Beratungsgesprächen steht meistens ein Konflikt, eine Störung oder eine Krise im Mittelpunkt. Coaching setzt den Akzent nicht auf die Defizite des Menschen, sondern konzentriert sich auf die Stärken und die Kraft der ungenutzten Möglichkeiten.

Der Bevölkerung wird gegenwärtig ein schier unbegrenzter Beratungsbedarf unterstellt: Karriere, Ruhestand, Kindererziehung: in allen Fällen des facettenreichen Alltagslebens soll man zukünftig ‚professionell’ gewappnet sein – am besten mit einem allzeit ansprechbaren „Lifecoach“. Die entscheidende Frage bleibt jedoch ungelöst: Wer berät mich dabei, den richtigen Coach zu finden?


Einschätzung

Coaching kann helfen, Kommunikationsprozesse zu fördern, Strukturen zu klären und Entwicklungsprozesse anzustoßen. Allerdings suggerieren viele Coaching-Angebote, Wünsche nach optimaler Selbstentfaltung und Selbst(er-)findung erfüllen zu können. Und brauchen wir wirklich einen „Freizeitberater“, der Empfehlungen zur Wochenendgestaltung gibt und gar bei der längerfristigen Lebensplanung hilft?

Der Beratungs- und Coachingboom hat dazu geführt, dass es auf diesem Gebiet viele schwarze Schafe gibt, Anbieter, die über keine fachlichen Qualifikationen verfügen und mit überzogenen Versprechungen werben. Keine fremde Expertenmeinung sollte den eigenen gesunden Menschenverstand ersetzen. Wenn Alltagskonflikte sofort an „Fachleute“ weitergeleitet werden, hat der oder die Einzelne zwar zunächst weniger Probleme und ist die Verantwortung los. Eine solche „Delegationsmentalität“ wird sich aber als Bumerang erweisen, weil sie übersieht, dass eine Persönlichkeit maßgeblich an der Bewältigung von Krisen wächst. Wird allen Konflikten und Krisen aus dem Weg gegangen, beraubt man sich zwar der schmerzhaften und mit Niederlagen versehenen, aber letztlich charakterprägenden Identitätsbildung. Außerdem sollte man bedenken, dass anderen Menschen Einfluss und Macht über das eigene Leben eingeräumt wird, was ausgenutzt werden und bis in die Unmündigkeit führen kann.

Die richtige Entscheidung ist nicht käuflich zu erwerben, sondern nur persönlich zu treffen. Ziel- und Wertentscheidungen sollte man in Verantwortung vor seinem Gewissen treffen und nicht einem bezahlten Coach überlassen. Die demütigende Tatsache unseres begrenzten und fehlbaren Wissens und des leicht zu täuschenden Fühlens gilt es zu akzeptieren. Wir müssen lernen, mit Risiken und Ungewissheiten zu leben und im Vertrauen darauf zu entscheiden, dass man auch aus Fehlern lernen kann. Durch jede falsche Entscheidung lernen wir uns besser kennen – und sparen eine Menge Geld, das sonst einem dubiosen Coaching zufallen würde.

Dr. Michael Utsch, Januar 2005


Literatur
C. Rauen (Hg.),Handbuch Coaching, Göttingen 2002
M. Fischer-Epe, Coaching, Reinbek 2002



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