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Jugendweihe

In den alten Bundesländern ist die Jugendweihe weitgehend unbekannt. Lediglich in einigen traditionsreichen Arbeiterstädten wie Hamburg, Nürnberg, Frankfurt/M. usw. gibt es eine gewisse Jugendweihetradition. Völlig anders ist die Situation in Ostdeutschland: Hier ist die Jugendweihe trotz ihrer problematischen Vergangenheit in der DDR tief verwurzelt. Etwa 50% der 14-jährigen Jugendlichen eines Jahrgangs begehen dieses Fest, etwa 14% entscheiden sich für die Konfirmation, zwischen 3% und 4% besuchen Firmung bzw. Erstkommunion und etwa ein Drittel absolviert keine Feier. Für schätzungsweise 100.000 Jugendliche ist in jedem Frühjahr die Jugendweihe eine wichtige Station auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben. Seit 1990 haben mehr als 1 Million Jugendliche an der Jugendweihe teilgenommen.

Es ist nicht leicht, diese Renaissance zu erklären. Die Jugendweihe ist Ausdruck einer positiv besetzten Familientradition. Sie wurde in der DDR etwa 35 Jahre lang gefeiert und hat somit zwei Generationen geprägt. Wenn heute junge Eltern ihren Kindern die Jugendweihe nahe legen, dann rechtfertigen sie damit auch ihre eigene Jugendweihe und ihre persönliche Biographie in der DDR.

Der wichtigste Anbieter von Jugendweihen in Deutschland ist der Verein „Jugendweihe Deutschland“. Dieser Name ist vergleichsweise neu: Bis Dezember 2001 arbeitete man unter dem Namen Interessenvereinigung für humanistische Jugendarbeit und Jugendweihe. Die Interessenvereinigung war 1990 gegründet worden und ist faktisch die Nachfolge-Organisation des ehemaligen DDR-Jugendweiheausschusses. So erklärt sich, dass man in den neuen Bundesländern über eine hervorragende Infrastruktur verfügt und viele Jahre ausschließlich hier tätig war. Die Namenskorrektur in Jugendweihe Deutschland e.V. dürfte jedoch ein Hinweis darauf sein, dass man die Arbeit auch auf die alten Bundesländer ausweiten möchte. Lediglich 10% der Jugendweihen in Deutschland werden vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) ausgerichtet. Der HVD ist weltanschaulich ambitioniert. Bei seinen Jugendfeiern bzw. in den Vorbereitungsstunden geht es um weltanschauliche Inhalte und Orientierungen. Dass diese freilich religionskritisch sind, wird bei diesem Anbieter nicht verwundern.

Es gibt derzeit in Deutschland zwei völlig konträre Jugendweihetraditionen: Die ostdeutsche Traditionslinie der Jugendweihe ist die eines privaten Familienfestes. Die westdeutsche Traditionslinie hingegen ist die eines öffentlichen Bekenntnisses, wer hier an der Jugendweihe teilnimmt, tut dies vorwiegend aus politischen Motiven. Häufig erfolgt mit ihr zugleich die Aufnahme in die Jugendorganisation des jeweiligen Anbieters. In den neuen Bundesländern findet Vergleichbares nicht statt: dort geht es in erster Linie um die Feier als solche, die keiner weiteren Begründung bedarf.

Aus kirchlicher Sicht ist festzuhalten, dass die Jugendweihe immer ein Fest mit antikirchlicher Attitüde war; sie wurde in den 1920er Jahren gegen die volkskirchliche Konfirmation eingeführt und diente in den 1950er Jahren in der DDR der Zerschlagung der Kirche. Deshalb ist es richtig, dass die Kirchen niemanden zur Konfirmation (bzw. Erstkommunion/Firmung) zulassen, der parallel die Jugendweihe besucht.

Dr. Andreas Fincke, März 2005


Literatur

Andreas Fincke, Jugendweihen, in: in: Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 2001, 60-64
Ders., Freidenker – Freigeister – Freireligiöse. Kirchenkritische Organisationen in Deutschland seit 1989, EZW-Text 162, Berlin 2002



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