>A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z |Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG)Das ZEGG ist eine 1991 in Belzig bei Berlin gegründete Lebensgemeinschaft, in der etwa 80 Erwachsene und Kinder zusammenleben. Das ZEGG ist keine religiöse Gemeinschaft, sondern ein Ort, an dem alternatives Leben versucht wird. Darüber hinaus veranstaltet das ZEGG Tagungen und Workshops zu Fragen der Ökologie, Gewaltfreiheit, Kunst und Kapitalismuskritik, aber auch zu Fragen von alternativer Religion, Spiritualität und Esoterik. In den hauseigenen Programmen wird das ZEGG als „politisches Projekt“ beschrieben, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine „gewaltfreie Kultur der Solidarität und der Kooperation mit allem Lebendigen zu entwickeln“. In der Außenwahrnehmung ist die Gemeinschaft umstritten. Die Bewertungen reichen von „harmloser Öko-Kommune“ bis zu „Sex-Sekte“. Eine Schwierigkeit besteht in der Frage, wie man die ideologischen Wurzeln des ZEGG gewichtet. Für die Idee der „freien Liebe“ gibt es zahlreiche historische Quellen und praktische Versuche auf diesem Gebiet sind Teil der europäischen Kulturgeschichte. Die leitendende Idee solcher Lebensexperimente ist die Vorstellung, dass der Mensch erst dann wirklich frei ist, wenn er alles mit anderen teilt, also nicht nur seine materiellen Güter, sondern auch seine Beziehungen. Dazu gehört das Ausleben einer Sexualität ohne Tabus und frei von gesellschaftlichen Normen und Zwängen. Es ist nahe liegend, dass solche Positionen, zumal wenn Kinder involviert sind, zu heftigen Konflikten führen müssen. Ein höchst problematisches Beispiel jüngeren Datums ist hierfür der seinerzeit in die Schlagzeilen geratene Friedrichshof um Otto Mühl („Aktionsanalytische Organisation“) und die sog. „Bauhütte“. Otto Mühl und seine Frau Claudia wurden im November 1991 wegen Unzucht mit Minderjährigen im österreichischen Eisenstadt zu sieben bzw. einem Jahr Haft verurteilt, wobei im Falle Otto Mühls auch Drogendelikte geahndet wurden. Auch wenn einige Kritiker dies tun, es wäre sicher überzogen, dem ZEGG eine unmittelbare Geistesverwandtschaft zur Mühl-Kommune der 70er und 80er Jahre zu unterstellen, zumal man sich im ZEGG entschieden von solchen Extrempositionen distanziert. Auf der Homepage des Belziger Zentrums wird darum auch betont, dass das ZEGG sich nicht als Nachfolgeorganisation von Otto Mühl versteht und man „die Gedanken von freier Sexualität und freier Liebe in völlig anderer Richtung“ weiter entwickelt habe. Idealisierungen und Überhöhungen der freien Sexualität finden sich vor allem in den früheren Publikationen des ZEGG, als der Glaube an die Sexualität als Schlüssel zur Lösung aller Menschheitsprobleme noch ungebrochen war. Eine solche unangemessene Reduktion musste schließlich in eine Sackgasse führen. So hat sich in den letzten Jahren die Arbeit des ZEGG deutlich verschoben: Das Interesse gilt jetzt vor allem alternativen Friedensprojekten und Fragen der Ökologie und Spiritualität. Dennoch sind weiterhin kritische Hinweise angebracht: Nicht nur befremdlich, sondern alarmierend erscheint eine Praxis des ZEGG, nach der Jugendliche in Portugal von „wissenden Erwachsenen“ in die Sexualität eingeführt werden, um sie auf diese Weise „vor zu schneller Bindung an persönliche Liebesbeziehungen“ zu schützen. Auch irritiert der gewaltige, mitunter sogar wissenschaftliche Anspruch des ZEGG, wenn beispielsweise schlichte Tagungen als „Sommeruniversität“ angeboten werden. Dass eine erfüllte und erfüllende Sexualität auf Dauer nicht von Nähe, Verlässlichkeit, gegenseitigem Respekt und Partnerschaftlichkeit abzukoppeln ist, braucht nicht betont zu werden. Ähnliche „Experimente“ in der Vergangenheit haben hinreichend bewiesen, dass Lebensformen dieser Art häufig in seelische Abhängigkeit münden und die Schwelle zu physischen und psychischem Missbrauch deutlich herabsetzen. Kinder und Jugendliche, die in solchen Milieus heranwachsen, sind nicht nur diesen Risiken ausgesetzt, sie laufen auch Gefahr, emotional orientierungslose und bindungsunfähige Erwachsene zu werden. Dr. Andreas Fincke, März 2005 Zurück zum Register |
Lexikon
|