>A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z |ReinkarnationDie Wiedergeburt ist eine uralte Vorstellung des Menschen, die es in vielen Variationen gibt. Immer wieder hat der Mensch gefragt, wo er herkommt und was nach seinem Tod geschieht. Die Antworten fallen je nach Kulturkreis und sonstigem Hintergrund unterschiedlich aus. Die indischen Autoren der Upanishaden (ab 500 v. Chr.) stellten sich den Kreislauf der von Geburt zu Geburt wandernden Seele mithilfe des Wasserkreislaufs vor: vom Rauch, der über einer verbrennenden Leiche auf- und zum Mond emporsteigt (dort eine karmische Befragung durchmacht), über den Regen, der wieder auf die Erde herabfällt, in den Boden eindringt, zu Pflanzen- und Menschennahrung wird. Im Buddhismus wird die Reinkarnation mit Hilfe des Mechanismus von Ursache und Wirkung vorgestellt: nicht die „Seele“ des Menschen wandert, sondern es gibt ein Bedingungsgefüge, das die nächste Existenz des Menschen aus der vorherigen bestimmt. Dadurch, dass keine tragende Substanz von Leben zu Leben im Spiel ist, wird der Reinkarnationsgedanke hier sehr abstrakt – bis dahin, dass man sehr wohl bezweifeln kann, ob dabei noch von einer kontinuierlichen Aufeinanderfolge benennbarer Menschen geredet werden kann. Die Grundlinie indischen Denkens betrachtet jedenfalls das mehrfache Erdenleben als Ausdruck von Unerlöstheit: der endgültige Abbau schlechten Karmas führt zum Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (samsara). Das sahen und sehen die meisten westlichen Vorstellungen, angefangen von Pythagoras im 6. Jahrhundert v. Chr., anders. Der prominente Wiedergeburtsdenker Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) vertrat in seiner Schrift „Erziehung des Menschengeschlechts“ (1780) die These, dass der Mensch, um im unfassenden Sinne am Fortschritt der Menschheit teilzunehmen, mehrfach leben müsse, ein einzelnes Leben reiche dafür nicht aus. Lessing wurde zum klassischen Befürworter eines reinkarnatorischen Fortschrittsgedankens und der Idee, dass die Wiedergeburt nicht Ausdruck von Unerlöstheit, sondern eine Chance sei. Diese Vorstellung wurde von Helena Blavatsky (1831-1891), der Gründerin und Vordenkerin der Theosophie, weiterentwickelt und mit indischem Gedankengut verknüpft: Der Mensch befindet sich demnach in einer permanenten kosmischen Fortschrittsentwicklung. Rudolf Steiner (1861-1925) schließlich verhilft der Reinkarnationsidee zu weiterer Verbreitung, indem er ihr in seinem anthroposophischen Lehrgebäude einen zentralen Platz zuweist und versucht, sie christlich kompatibel zu machen. Auf Blavatsky aufbauend, übernimmt er die indische Leiberlehre (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib) und entwickelte eine ausführliche Lehre über die Phaseneinteilung des Lebens. Popularisiert wurde der Reinkarnationsgedanke durch sog. „Reinkarnationstherapien“ und „Reinkarnationsbeweise“. Angebliche therapeutische Rückführungen in frühere Leben sollen effektiver bei der Bearbeitung von seelischen Traumata in diesem Leben helfen – die Suggestivzusammenhänge, in denen die Klienten stehen, lassen fast jede Deutung zu, und viele angeblich reinkarnationsbeweisfähige Berichte konnten schnell widerlegt werden. Indische Mädchen, die sich an ein früheres Leben im Nachbardorf erinnern können, wo sie beim Wasserholen im Brunnen ertranken o.ä., sind inzwischen zu Stars in der Reinkarnationsbeweisgemeinde geworden. Berühmtes Beispiel der letzten Jahre wurde die schwedische Schriftstellerin Barbro Karlen, die sich als Wiedergeburt der Anne Frank betrachtet.
Der biblisch begründete Glaube geht davon aus, dass dem Menschen nur ein Leben geschenkt wird, dass er von Gott geliebt wird und keiner karmischen Aufarbeitung bedarf, wenn er unwiderruflich stirbt. Behauptungen, es habe in der frühen Christentumsgeschichte namhafte Reinkarnationsdenker gegeben, sind unzutreffend. Die Synode von Konstantinopel 553 n. Chr. sprach sich gegen eine bestimmte Form der Lehre von der Präexistenz der Seele aus, die einige Schüler des Origines vertreten hatten. Grundsätzlich lassen sich weder der Glaube an ein einmaliges Leben noch der an die Reinkarnation beweisen, auch wenn „Reinkarnationstherapeuten“ wie Trutz Hardo (eigtl. Tom Hockemeyer) inzwischen vom objektiv bewiesenen „Faktum“ der Reinkarnation sprechen. Das uralte Bedürfnis der Menschen nach der Klärung des Woher und Wohin bleibt damit ein Thema von Glaube und Hoffnung, nicht von Gewissheit und Beweisbarkeit. Prof. Dr. Ulrich Dehn, September 2006
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