>A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z |Alevitentum
Der Name „Aleviten“ bezieht sich auf Ali, den Schwiegersohn des Propheten Muhammad, den die Aleviten gemeinsam mit den Schiiten als ersten legitimen Khalifen anerkennen. Kerngebiet der Aleviten ist der westliche Teil Ostanatoliens, sie machen insgesamt ca. 20 bis 25 Prozent der türkischen Bevölkerung aus, darunter sind viele Kurden. In Deutschland liegt der Anteil der Aleviten an der türkischstämmigen Bevölkerung aufgrund der hohen Migrationsintensität aus Ostanatolien etwas höher, vermutlich bei mehr als einer halben Million. Aleviten führen ihre Wurzeln bereits auf die Frühzeit des Islam (Parteinahme für Ali) zurück, als eigenständige Bewegung am Rande des Islam und vom Schiitentum unterschieden sind sie seit dem 14.-16. Jahrhundert wahrnehmbar. Im 16. Jahrhundert geht das ländlich orientierte Alevitentum zum Schutz vor Verfolgungen und aus dem Bedürfnis nach religiöser Leitung eine Symbiose mit dem städtischen Bektaschi-Orden ein (benannt nach dem Mystiker Haci Bektasch Veli, 13. Jh.). So sind auch, mehr als Koran und Sunna, Legenden über Haci Bektasch, gesammelt im „Buyruk“ (= Gebot), eine Grundlage der alevitischen Lehre. Ali gilt neben Muhammad als eigentlicher Heilsvermittler, er wird mitunter gar in das Glaubensbekenntnis aufgenommen („Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet, und Ali sein Freund“). Beide gelten als göttliche Manifestationen bis hin zu trinitarischen Formulierungen (Gott – Muhammad – Ali oder Gott – Ali – Selman, einer der ersten islamischen Mystiker). Weiterhin werden die engere Prophetenfamilie, insbesondere die Muhammad-Tochter Fatima, und – gemeinsam mit der Zwölferschia des insbesondere iranischen Schiitentums – die zwölf Imame verehrt. Das Alevitentum hat manche synkretistischen Einflüsse aus alttürkisch-schamanistischen, gnostischen, neuplatonischen und möglicherweise auch christlichen Traditionen aufgenommen. Der Koran wird nicht als Gottes Wort anerkannt, sondern als durch die Sunniten manipuliert betrachtet, die Scharia wird abgelehnt. Der Heilsweg sei vor allem ein innerer Prozess. Auch werden die „fünf Säulen“ des Islam eher innerlich vollzogen, insbesondere das rituelle Gebet. Als praktisch gleichwertig mit einer Pilgerfahrt nach Mekka gilt eine Wallfahrt zu den Gräbern Alis und Huseins, des dritten Imams (Sohn Alis, der gemeinsam mit seiner Familie in der Schlacht von Kerbela fiel), in Kerbela im heutigen Irak. Im Alevitentum herrscht Gleichberechtigung der Frauen, auch alle Veranstaltungen finden ohne Geschlechtertrennung statt. Nur die Rolle des geistlichen Leiters, Dede, ist Männern vorbehalten. Im Scheidungsrecht ist die Frau gleichberechtigt, eine unilaterale Scheidungserklärung des Ehemannes ist nicht möglich. Leitendes ethisches Ideal ist die Regel, „seine Hand, seine Zunge und seine Lenden zu beherrschen“. In Deutschland sind die Aleviten u.a. in der Föderation der Aleviten-Gemeinden (Köln) organisiert, ihre Cem-Häuser sind zumeist als anatolische bzw. alevitische Kulturzentren ausgewiesen. Aufgrund ihrer Ablehnung des islamischen Regelwerks Scharia, patriarchalischer Traditionen und polygamer Tendenzen im Islam gelten die Aleviten als „säkularstaats“-verträglich: Sie präsentieren sich als von Toleranz und Freiheitlichkeit geprägte humanistische Weltanschauung. Häufig instrumentalisieren sie allerdings in ihrer öffentlichen Darstellung allgemeine Ressentiments gegen „den Islam“, um sich ihm gegenüber als die rechtsstaatskonformeren und toleranteren Gläubigen zu profilieren und in Szene zu setzen – auf dem Hintergrund jahrhundertelanger Verfolgung eine verständliche Reaktion. Alevitischer Religionsunterricht – parallel zum islamischen – wird derzeit in Berlin durchgeführt. Prof. Dr. Ulrich Dehn, März 2005
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