>A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z |IslamismusWie in jeder religiösen Tradition gibt es auch im Islam Stränge und Strömungen der Gewaltbereitschaft und menschen- und menschenrechtsfeindlicher Militanz. Während die überwältigende Mehrheit von fast 100 Prozent der Muslime in Deutschland als normale Bürger rechts- und grundgesetzkonform unter uns lebt, vertritt nach den Beobachtungen des Verfassungsschutzes ca. ein Prozent islamistisches Gedankengut. Häufig hat dieses Denken nicht viel mit dem Islam oder deutschen Verhältnissen zu tun, sondern mit den spezifischen sozio-politischen Bedingungen der Herkunftsländer, was etwa auf deutsche Zweige der Hamas, der Hisb’allah oder Hisb ut-Tahrir al-Islami zutrifft. Als klassische islamistische Vereinigung gilt die 1928 in Ägypten von dem Lehrer Hasan al-Bana gegründete Muslimbruderschaft (ikhwan al-Muslimin). Ihr ging voraus der Pan-Islamismus des Jamal al-Din al-Afghani (1839-1897), der die Einheit der islamischen Welt gegenüber den westlichen Kolonialmächten forderte. Al-Afghani bedauerte, dass im Osmanischen Reich nicht Arabisch als einzige Amtssprache durchgesetzt worden war und dass die islamische Welt sich gar in internen Kämpfen selbst schwächte. Allerdings forderte er auch eine aktualisierte Lektüre des Koran, eingebettet in die geschichtlichen Entwicklungen, und sprengte damit das Klischee des islamischen Fundamentalismus/Islamismus. Al-Banas Feind war ebenfalls der westliche Imperialismus in Gestalt der britischen und französischen Kolonialverwaltungen. Bei ihm schlägt sich besonders deutlich nieder, dass Islamismus als soziale und politische Protestbewegung unter den Bedingungen von Unterdrückung entstanden ist. Al-Bana schwebte ein dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus und eine staatliche Ordnung vor, die Religion und Staat nicht trennt und auf dem koranischen Prinzip der „Beratung“ (schura) basiert. Für Sayyid Qutb (1906-1966), den wichtigsten Denker des Islamismus, war die Entfremdung des Menschen von sich selbst unter den Bedingungen nicht-islamischer Zivilisationen entscheidend. Er setzte sich für ein ‚wahres’ islamisches System ein, das von den Verhältnissen zur Zeit Muhammads inspiriert ist, ohne sie direkt zu übertragen, und das die Souveränität von Menschen über Menschen ein für allemal abschafft. Als wichtige Merkmale des Islamismus gelten heute: · die Nicht-Anerkennung der Trennung von Religion und Staat und die Forderung der staatlichen Gestaltung nach islamischem Recht entsprechend der Scharia, Israelkritik und die Genderfrage dürften die am weitesten verbreiteten Merkmale in islamistischen Milieus sein, wobei die Israelkritik zumeist, so etwa im „Muslim-Markt“, als rein politische formuliert wird und sich vom religiösen Antijudaismus abgrenzt. Die gewaltsame Interpretation des Begriffs djihad (besondere Anstrengung) und Gewaltbereitschaft sind keine notwendigen Merkmale des Islamismus, sondern Syndrome aus bestimmten politischen Krisensituationen, in denen religiöse Übermalungen politischer Ideologien stattfinden. Auch wenn Selbstmordattentäter oft mit theologisch unhaltbaren „Paradiesverheißungen“ und Märtyrerhypostasierungen rekrutiert werden, sollte hier eine deutliche Grenze zwischen religiöse Ideologie missbrauchendem Terrorismus einerseits und Islamismus oder islamischem Fundamentalismus andererseits gezogen werden.
1. der Kalifatsstaat, der 1994 aus dem Verband islamischer Vereine und Gemeinden heraus gegründet wurde, welcher sich 1984 von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs abspaltete. Er wurde im Dezember 2001 verboten und ist nunmehr auf weniger als 1000 Mitglieder zu beziffern. Deutlich gewaltbereit und den demokratischen Rechtsstaat ausdrücklich ablehnend ging er durch die Presse aufgrund des Mordaufrufs seines Leiters Metin Kaplan gegen seinen Rivalen Ibrahim Sofu und dessen darauf folgende Ermordung 1997. 3. die arabischen Organisationen Hamas, Hisb’allah und Hisb ut-Tahrir al-Islami (u.a.). Diese Organisationen stellen ca. 10 Prozent (insgesamt ca. 3250 Mitglieder) aller islamistischen Kräfte in Deutschland dar, sie verstehen sich in erster Linie als Statthalter der Anliegen in ihren Herkunftsländern. Hisb ut-Tahrir wurde im Januar 2003 mit einem Aktivitätsverbot belegt. 4. die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) mit Zentren in München, Marburg, Stuttgart, Nürnberg, Frankfurt/Main u.a. Ihr werden Beziehungen zur Muslimbruderschaft nachgesagt. Sie fällt insbesondere durch israelkritische Äußerungen auf, hat sich jedoch insgesamt auf einen integrationsfreundlichen Kurs begeben. Insbesondere die IGMG ist in den letzten Jahren mit zahlreichen Dialogangeboten an die Öffentlichkeit getreten, auch als Mitglied des Dachverbandes Islamrat. Es wird von vielen Seiten darauf hingewiesen, dass dieser Dialog geführt werden sollte, um zur Stärkung der liberalen Kräfte beizutragen und nicht durch eine fortgesetzte Stigmatisierung islamistische Eskalationen zu fördern. Gleichzeitig sollte weiterhin Achtsamkeit gegenüber den problematischen Phänomenen herrschen und auch entsprechende Berichte der Ämter für Verfassungsschutz berücksichtigt werden.
Sarah Albrecht, Islamismus in Deutschland – Gruppen und Tendenzen, in: Materialdienst der EZW 2/2006, 54-65 Zurück zum Register |
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