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Neue Hexen

Besonders durch TV-Serien wie „Sabrina –Total verhext“ und „Charmed – Zauberhafte Hexen“ wurde der Typ der Girlie-Hexe seit Ende der 1990er Jahre popularisiert. Begleitend zu diesen Serien veröffentlichen seither Buchverlage vielerlei Anleitungsbücher zu magischen Hexenritualen. Auch in Jugendzeitschriften wird auf den Hexentrend reagiert: mit Hintergrundberichten zu Glauben und Praktiken der neuen Hexen. Und für die Karrierefrau von heute gibt es „Hexentipps ab 40“. Frauenzeitschriften greifen das Thema mit Erfahrungsberichten und „Hexen-Ratgebern“ auf. Besonders beliebt sind derzeit verschiedene Formen des Hexenkults, die im Gegensatz zu organisierten Formen des neuen Hexentums (z.B. Wicca-Bewegung) viel mehr ich-zentriert und magisch-technisch ausgerichtet sind – ein Trend, der durch gegenwärtige Individualisierungsprozesse beschleunigt wird. Wurde das Interesse am Hexentum in den achtziger Jahren vor allem durch den Protest gegen eine als patriarchalisch empfundene Gesellschaft bzw. durch die – auch ökologisch motivierte – Rückbesinnung auf die Natur ausgelöst, so zeichnet sich seit Ende der neunziger Jahre ein neuer Trend ab: Die Hexe dient jetzt als Identifikationsfigur für die eigene Macht und Stärke, aber auch als Medium einer überzeugenden Selbstinszenierung. In der Esoterik-Szene wurde das Wort „Hexe“ mittlerweile zum Container-Begriff für verschiedene esoterische Vorstellungen und Praktiken.

Bei den „neuen Hexen“ handelt es sich um eine positive Selbstbezeichnung von Frauen und Männern, die mithilfe okkult-magischer Rituale innerhalb eines am Jahreskreislauf ausgerichteten „Festkalenders“ naturreligiös orientierte Wege beschreiten wollen. Der Begriff „Hexe“, der für Frauen und Männer verwendet wird, stammt aus dem mittelhochdeutschen „hagazussa“, was „Zaunreiterin“ bedeutet. Ursprünglich bezeichnete das Wort ein mythisches Wesen, das auf der Grenze zwischen dem umzäunten, „umhegten“ und damit geschützten Innenbereich als Symbol für Ordnung, Kultur und Verstand und dem wilden, chaotisch-intuitiven Außenbereich existierte. So erhielt der Begriff „Hexe“ wahrscheinlich auch seine negative Bedeutung, da er auf die Bedrohung des umhegten Lebens anspielte.

Gegenwärtig gibt es innerhalb des neuen Hexentums vielfältige Richtungen, Ansätze und Organisationsgrade. Darunter findet sich das individualisierte Hexe-Sein (sog. „Freifliegende Hexen“), aber auch das magisch-rituell in sog. „Coven“ organisierte Hexentum, der sog. Wicca-Kult. Die Bezeichnung geht auf das altenglische Wort wicca für „Hexe“ zurück. Der Wicca-Kult umfasst verschiedene Richtungen und „Traditionsbildungen“ und zusätzlich etliche Mischformen und individuelle Erweiterungen dieses „Traditionsbestandes“. Ursprünglich hat sich Wicca als Okkult-Bewegung im eigentlichen Sinn verstanden: Die Lehren und Geheimnisse sollten nur auf den jeweiligen „Coven“ (Hexenzirkel) beschränkt und der Außenwelt verborgen bleiben. Doch gerade das hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch verändert: Es gibt eine Vielzahl von Büchern, Anleitungsbüchern und Praxishilfen – selbst für Teenager.


Einschätzung

Das neue Hexentum versucht mit einem ökologischen wie auch okkult-magischen Ansatz naturreligiöse Anliegen wiederzubeleben. Mit Ritualen, Zauberbüchern und dem notwendigen „Geheimwissen“ taucht der Einzelne in eine magische Gegenwelt ein, um sich einer Alltagswirklichkeit zu entziehen, die er von Rationalität, Leere und Naturfeindlichkeit beherrscht sieht. Selbstüberschätzung, Narzissmus und Realitätsverlust sind Gefahren, die mit dieser Flucht aus der Wirklichkeit einhergehen können. Kritik aus christlicher Sicht richtet sich auch gegen die neuheidnisch motivierte Vergötzung der Natur, die sie zwar zur obersten Instanz erhebt und als Folie für individuell gebastelte Rituale benutzt, die Mühen ihrer tatsächlichen Bewahrung allerdings scheut. Ebenso wenig sind polytheistische Vorstellungen mit dem christlichen Glauben vereinbar.

Dr. Matthias Pöhlmann, August 2007


Literatur
Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 2. Aufl. 2005, 272-274
Matthias Pöhlmann, Kesse Junghexen in magischen Welten, in: ders., Sehnsucht nach Verzauberung, EZW-Text 171, Berlin 2003
Ders. (Hg.), Neue Hexen. Zwischen Kult, Kommerz und Verzauberung, EZW-Texte 186, Berlin 2006

Ders., Junghexen-Szene; online zu finden unter
www.jugendszenen.com (24.11.2004)



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