Glaubens-ABC
Jesus
Wer war Jesus? Und hat er wirklich gelebt? Auf diese Frage geben neben den vier Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes vor allem außerchristliche Quellen Aufschluss. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass Jesus gelebt hat. Dass er ein Produkt religiöser Fantasie sein könnte, vermuteten nicht einmal die schärfsten Kritiker des Christentums. So schreibt der römische Historiker Tacitus (55-120 n. Chr.): "Christus war unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus zum Tode verurteilt worden." (Annalen 15,44) Pontius Pilatus gilt als historisch verbürgte Figur. Auch der jüdische Historiker Josephus kommt auf Jesus zu sprechen. Im Jahre 62 n. Chr. "versammelte Annanias den Hohen Rat, ließ Jakobus, den Bruder Jesu, des so genannten Christus, und einige andere vorführen, erhob gegen sie Anklage als Gesetzesübertreter und ließ sie steinigen" (Altertümer 20,9). Und im jüdischen Talmud ist nachzulesen: "Am Vorabend des Pesachfestes hängte man Jesus." (Sanhedrin 43a).
In seiner Biografie über Nero schreibt der römische Historiker Sueton: "Mit Todesstrafen wurde gegen die Christen vorgegangen, eine Sekte, die sich einem neuen und gefährlichen Aberglauben ergeben hatte." Und in der Biografie über Kaiser Claudius schreibt er von diesem: "Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten." Chrestus heißt übersetzt "der Freundliche". Damit ist Christus gemeint (wörtlich übersetzt: der Gesalbte, der mit Salböl Behandelte). Unter dieser Bezeichnung kann man sich in Rom möglicherweise nichts vorstellen, so dass Christus in Chrestus umgewandelt wurde. Zwar beklagt der Kirchenlehrer Tertullian zu Anfang des 3. Jahrhunderts, dass Christen fälschlicherweise als "Chrestianer" bezeichnet wurden, doch ist die in Chrestus enthaltene Wesensbestimmung keineswegs falsch, wenn man Jesu wohltätiges Verhalten vor Augen hat.
Über den historischen Jesus lässt sich allerdings keine lückenlose Biografie schreiben, denn was über ihn gesagt wird, hat nicht selten Bekenntnischarakter, liefert eine bestimmte Deutung gleich mit. Wo in der Geschichte der Kirche und der wissenschaftlichen Theologie versucht wurde, eine Biografie Jesu zu schreiben, sagen die jeweiligen Texte mehr über den Verfasser als über Jesus aus. Was wir aus den Evangelien wissen: Jesus war Jude und wurde in der Regierungszeit Herodes des Großen vermutlich im Jahre 7 v. Chr. geboren - und zwar in seiner Heimatstadt Nazareth in Galiläa (Markus 1,24; 6,1). Die bei Matthäus und Lukas berichtete Geburt Jesu in Bethlehem muss als theologische Ortsangabe verstanden werden. Es handelt sich um eine Glaubensaussage, die sich auf die Verheißung des Propheten Micha (5,1) bezieht, wonach der Messias wie einst David in Bethlehem geboren werde.
Die Eltern Jesu waren Maria und Josef. Er hatte vier jüngere Brüder und einige Schwestern. Wie sein Vater übte er den Beruf des Zimmermanns aus. Seine Muttersprache war Aramäisch, doch konnte er die in hebräischer Sprache abgefassten biblischen Texte lesen. Er ließ sich im Jordan taufen, nachdem er mit der Buß- und Taufbewegung des Johannes in Berührung gekommen war. Hier hatte er auch sein Berufungserlebnis. Die Zeitspanne des öffentlichen Auftretens Jesu - in Galiläa und in Jerusalem - dürfte sich auf etwas mehr als ein Jahr beschränken. Im Jahre 30 wurde er während der Passahfeiertage zum Tode verurteilt und am Kreuz hingerichtet. Jesus hat selbst nichts Schriftliches hinterlassen. Was man sich von ihm erzählte, seine Worte und was Menschen mit ihm erlebten, ist erst später aufgeschrieben worden.
Von Anfang an ging von ihm eine starke Faszination aus. Was war an dem Prediger Jesus anders? Es war die Art und Weise, wie er auf andere Menschen zuging. Er kümmerte sich in besonderer Weise um Menschen in sozialen Notlagen, um Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten. Er war aber auch für die Reichen da - die nach dem Sinn ihres Lebens suchten oder es durch Betrug zu etwas gebracht hatten. Die Art und Weise, wie Jesus von Gott redete, ließ manchem den Himmel auf Erden entstehen, als ob das verheißene Reich Gottes schon jetzt angebrochen wäre.
