Glaubens-ABC
Leiden
Leiden beschreibt eine Grundbefindlichkeit des Menschen, die seine Verletzlichkeit und seine Endlichkeit beschreibt. Dieses Thema beherrscht das Alte und das Neue Testament. Hiob - er ist die biblische Figur schlechthin, die die Frage verkörpert, warum es so viel Leid gibt. Alle Versuche, diese Frage rational zu erklären, kann man als gescheitert betrachten. Bleibt am Ende nur die Resignation angesichts der schieren Unlösbarkeit des Problems? Keineswegs. Das Buch Hiob zeigt, dass man nicht verstummen muss. Das Buch ist allerdings kein Versuch, die Wege Gottes zu entschlüsseln und objektiv nachvollziehbar zu machen. Vielmehr zeigt diese Geschichte das Verhalten eines Einzelnen, wie er mit dem Leiden umgeht. Die Pointe des Hiobbuches ist, dass die Welt - so unverständlich sie ist - letztlich doch in Gottes Hand liegt. Rational begründbar ist dies nicht. Der Einzelne kann dies nur im Vertrauen auf Gott so annehmen. Es wäre allerdings falsch, daraus zu schließen, dass der Mensch sich still in sein Leiden fügen müsste. Gerade das Hiobbuch zeigt, dass dem Dulden das Zweifeln entspricht, dem Sich-Fügen das Aufbegehren, dem Schweigen das Fluchen.
Warum es Leid gibt - auf diese Frage findet sich in der Bibel keine Antwort. Der Glaube aber bewährt sich im Leiden, trotz oder wegen allen Leidens. Das lässt sich jedenfalls von Menschen lernen, die ihr individuelles Leiden mit ihrem Glauben an Gott in Verbindung brachten. So klagte einmal die Mystikerin Catarina von Siena Gott in ihren Gebeten an: „Mein Gott, wo warst du, als mein Herz in Finsternis und Todesschatten war?“ Und sie vernahm in dieser Klage die Antwort: „Meine Tochter, hast du es nicht gespürt? Ich war in deinem Herzen.“ Gott ist solidarisch - er freut sich mit den Fröhlichen, er leidet mit den Verzweifelten. Das ist der einzige Trost und die einzige Hoffnung in allem Leiden.
