Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland

Eine Handreichung des Rates der EKD, 2000

Einleitung

In einer Zeit nie dagewesener Migrationsbewegungen und Kulturvermischungen kann keine Religion mehr ohne Beziehung zu anderen Religionen leben. Alle tragen die Mitverantwortung für den Frieden und das Wohlergehen der Menschen in der Welt. Die Kirchen in Deutschland haben sich sehr früh dem Problem der Fremden in unserem Land gestellt und sich in Gemeinden und verschiedenen Gremien aktiv für die Überwindung von Fremdenfeindlichkeit und -hass eingesetzt. Die seit Mitte der 70er Jahre durchgeführte "Woche der ausländischen Mitbürger" geht auf ihre Initiativen zurück. Dabei wurde die Frage der Unterschiede zwischen den Religionen weitgehend ausgeklammert, denn es gehört zum Selbstverständnis christlicher Diakonie, allen Menschen in gleicher Weise zu helfen, unabhängig davon, welchem Volk, welcher Kultur und Religion sie angehören. Je näher Menschen sich jedoch in Dorf und Stadt kommen, je enger die tägliche Nachbarschaft wird, um so mehr wird erkennbar, wie stark gerade die Religionen Lebensstil und Lebensauffassung der Menschen prägen. Jede Religion stellt ein eigenes Universum dar, das die Kultur der Menschen zentral bestimmt, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Durch die Begegnung mit Menschen anderen Glaubens, besonders mit Muslimen, werden wir auf diesen Sachverhalt neu aufmerksam gemacht, nachdem Ideologien und Säkularismus unseren Blick dafür lange Zeit verstellten. Diese Wahrnehmung ist auch dann gültig, wenn die Muslime nicht aus einem anderen Kulturkreis zu uns gekommen sind, sondern in Deutschland aufgewachsen sind. Gerade als Bürger und Bürgerinnen dieses Landes fordern sie die gleichen Rechte der Religionsausübung ein, wie sie Christen und Christinnen genießen.

Die Gemeinden, ihre Presbyterien, Kirchenvorstände oder Gemeindekirchenräte und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer sind für diese intensive Begegnung mit dem Islam weithin nicht ausreichend vorbereitet. Eine wie auch immer geprägte Theologie der Religionen, die im römisch-katholischen Bereich zum Kernbestand jeder Fundamentaltheologie gehört, ist bei uns in der Lehre nur schwach vertreten. Deshalb hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Mai 1992 eine "Kommission für Islamfragen" berufen und ihr den Auftrag einer Standortbestimmung und einer Bearbeitung jener Bereiche gegeben, in denen sich die Begegnung mit dem Islam im praktischen Zusammenleben vollzieht. Im März 1998 hat der Rat dann eine ad hoc-Kommission eingesetzt mit dem Auftrag, aus der Vorlage der ersten Kommission eine Handreichung "Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland" zu erarbeiten.

Die beiden Kommissionen setzten sich aus Mitgliedern der deutschen evangelischen Kirchen zusammen, ergänzt durch jeweils ein Mitglied der römisch-katholischen Kirche. In der ersten Phase der Kommissionsarbeit gab es auch eine Begegnung mit Vertretern verschiedener islamischer Gruppierungen aus Deutschland, um Grundlegung und Inhalt der geplanten Handreichung zu diskutieren. Sie begrüßten Anlage und Absicht der Handreichung. Es ist Überzeugung beider Kommissionen, dass zum Verstehen des Islam die Begegnung mit seinen Gläubigen unabdingbar ist. Wenn gleichwohl in den Kommissionen keine Muslime als ständige Mitglieder vertreten waren, so lag das daran, dass die Kommissionen sich von ihrer Aufgabenstellung her auf eine innerprotestantische Selbstklärung konzentrierten. Dennoch flossen in den Text in vielfacher Hinsicht konkrete Erfahrungen in christlich-islamischer Begegnung ein.

Wenn hier von Islam gesprochen wird, so ist zu beachten: Es handelt sich um eine der großen Weltreligionen, die geschichtlich in einer besonderen Nähe zum Judentum und Christentum entstanden ist. Man pflegt von den "drei abrahamitischen Religionen" zu sprechen. Es haben daher sowohl der Ökumenische Rat der Kirchen als auch der Vatikan die Aufgabe erkannt und angefasst, auf Weltebene das Gespräch mit dem Islam zu führen. Auf europäischer Ebene haben die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Rat der Europäischen (katholischen) Bischofskonferenzen (CCEE) einen gemeinsamen Ausschuss "Islam in Europa" berufen. Die vorliegende Handreichung setzt das voraus, nimmt aber nicht direkt daran teil. Der Islam ist keine Einheit. Die Begegnung mit ihm stellt sich für die Kirche in verschiedenen Ländern in jeweils besonderer Weise dar; anders da, wo Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen, anders dort, wo sie in der Minderheit sind, anders da, wo das Zusammenleben mit ihnen eine längere Tradition hat, anders dort, wo sich die Frage des Zusammenlebens erst neu stellt. Die vorliegende Handreichung beschränkt sich weitgehend auf die Behandlung dieser Frage im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Der Text will dazu beitragen, dass wir Christen uns den Muslimen in unserem Land in Offenheit zuwenden, um sie zu verstehen und ihre Religion zu respektieren. Damit wird zu dem in der Migrationsschrift der Kirchen in Deutschland konstatierten Nachholbedarf an gegenseitiger Aufklärung über Glauben und Traditionen ein Beitrag geleistet. Die Begegnung mit Muslimen und ihrem Glaubensleben muss nicht zur Preisgabe der eigenen Identität führen. Im Gegenteil: Die Erfahrung lehrt, dass die interreligiöse Begegnung zur vertieften Nachfrage nach den Grundlagen des eigenen Glaubens anregt. Je sicherer man in der eigenen Glaubenstradition zu Hause ist, desto offener und liebevoller kann die Hinwendung zu Menschen anderen Glaubens geschehen, und desto tiefer wird auch das Verstehen anderer Religionen sein. Verstehen ist die Voraussetzung für jede Verständigung, aber auch dafür, dass das lebendige Zeugnis des eigenen Glaubens nicht durch Vorurteile und mangelnde Kenntnisse fehlgeleitet wird. Ein neu erworbenes Verständnis füreinander wird uns helfen, auch die praktischen Fragen des Zusammenlebens in Schule, Kindergarten, Krankenhaus und anderen Bereichen mit Überzeugung und Phantasie anzugehen.

Hilfen zu einem besseren Verstehen gerade des Islam sind um so nötiger, als es in der Öffentlichkeit Klischees und Feindbilder gibt. Die nähren sich aber nicht nur von Unwissenheit, sondern auch von Ängsten, die ernst genommen werden müssen. Es gibt Strömungen im Islam - weltweit wie in Deutschland -, die zur Wachsamkeit nötigen und Widerspruch herausfordern. In vielen Ländern ist eine Instrumentalisierung von Religion bei ethnischen, politischen und sozialen Konflikten zu beobachten. Das zeigt sich in einer Radikalisierung einzelner islamistischer Gruppen, die mit ihrem politischen Extremismus und ihren terroristischen Aktionen heute bei vielen das Bild des Islam bestimmen. Es wäre gewiss naiv und verhängnisvoll, die Augen vor den Erscheinungen des religiösen und politischen Fanatismus zu verschließen. Dieses Bild wird jedoch verzerrt und falsch, wo nicht beachtet wird, dass der Islam nicht mit solchen Erscheinungen gleichgesetzt werden kann und darf. Es muss differenziert und darf nicht pauschaliert werden. Ein grundsätzlicher Ton des Misstrauens und der Unterstellung führt nicht weiter. Denn es gibt einen anderen Islam, der verbreiteter ist: einen Islam in hingebungsvoller Frömmigkeit und friedlicher Menschlichkeit. Wenn wir diesen Islam nicht wahrnehmen und begrüßen, dann würden wir den radikalen Kräften Auftrieb geben. Es führt kein besserer Weg zur Beseitigung von trennenden Gräben und auch zur Überwindung von Fanatismus als der, für ein freundliches Zusammenleben in Achtung vor den anderen einzustehen. Zu solchem Zusammenleben gehört für uns, die Bereitschaft zur gegenseitigen Achtung der Religionen zu fördern und selbst zu praktizieren. Solche Achtung ist uns übrigens auch nahegelegt durch die deutsche Verfassungs- und Rechtsordnung, unter deren Anerkennung sich unser Zusammenleben mit Muslimen zu gestalten hat.

Im Bereich der EKD gibt es unterschiedliche Auffassungen über das Verhältnis von christlichem und islamischem Glauben sowie über das gebotene christliche Verhalten gegenüber Muslimen. Es finden sich offizielle Äußerungen, in denen die Rede ist von "demselben, dem einen Gott", vor dem Christen und Muslime stehen, auch wenn "von ihren Gotteserfahrungen her" ihr Gottesverständnis verschieden ist. Und es finden sich andere Äußerungen, in denen die Unvereinbarkeit des christlichen Glaubens mit dem als widerchristlich beurteilten islamischen Glauben betont wird. Der vorliegende Text kann den Widerspruch zwischen derlei Auffassungen nicht überspielen. Aber er will - auch - einladen zu einem innerchristlichen Gespräch über das Verhältnis zum Islam, im gegenseitigen Hören auf die Argumente der jeweils anderen Seite. Der Text kann dazu einladen, weil er selbst aus solchem Gespräch hervorgegangen ist. Er möchte auf eine innerchristliche Verständigung abzielen, die unserem "Zusammenleben mit Muslimen" förderlich ist.