Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland

Eine Handreichung des Rates der EKD, 2000

I. Entwicklung des Islam in Deutschland

Die Begegnung zwischen Christen und Muslimen hat in Deutschland eine längere Tradition. Sie war jedoch über Jahrhunderte eher auf Kunst, Literatur und Musik beschränkt, als dass sie das Alltagsleben der Menschen betraf. Positiv wie negativ wurde von den "Türken" oder den "Sarazenen" gesprochen. Einmal wurden sie als Bedrohung gesehen, ein andermal in ihrem Edelmut gelobt und gewürdigt. Für Luther war die politische Bedrohung durch das osmanische Reich Anlass, die Christen in Deutschland zur Buße zu rufen. Er selbst ist Menschen islamischen Glaubens nicht begegnet, hat aber die Übersetzung des Korans stark befürwortet. Im 18. Jahrhundert fand die Begegnung eher im militärischen Raum statt: Man bediente sich muslimischer Soldaten. Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hatte seinen Muslimen zunächst einen Raum in Potsdam als Gebetsstätte zur Verfügung gestellt (1732), später wurde in Wünsdorf eine Moschee gebaut (1914). Durch den verstärkten Austausch im diplomatischen Dienst, aber auch auf universitärer Ebene, und aufgrund des wachsenden Handels mit der Türkei wuchs die Präsenz muslimischer Bürger in Deutschland, zumal in Berlin. 1924-27 wurde in Berlin-Wilmersdorf deshalb die erste größere Moschee mit zwei Minaretten gebaut. Ein eigener Friedhof mit einer kleinen Moschee stand der islamischen Gemeinde schon seit 1866 in Berlin-Neukölln zur Verfügung. Als Diplomaten, Offiziere, Gelehrte und Geschäftsleute lebten Muslime aber eher isoliert von der Mehrheit der Bevölkerung und bewegten sich fast ausschließlich in standesgleichen Zirkeln, so dass der Islam als Religionsgemeinschaft im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung kaum eine reale Größe war. Das war anders in manchen europäischen Nachbarstaaten, die aufgrund ihrer kolonialen Beziehungen den intensiven Austausch mit muslimischen Völkern pflegten und notwendigerweise das Zusammenleben mit ihnen einüben mussten, wie einseitig und fragwürdig die Beziehungen aus heutiger Sicht auch immer gewesen sein mögen.

Erst mit der Arbeitskräfteanwerbung zu Beginn der 60er Jahre veränderte sich im 20. Jahrhundert die Situation bei uns grundlegend. Was aus Nützlichkeitserwägungen für die Wirtschaft begonnen hatte, führte zu einer tiefgreifend veränderten Bevölkerungsstruktur in den Kommunen. Die deutsche Wohnbevölkerung war auf eine solche neue Nachbarschaft nicht eingestellt. Weil unvorbereitet auf diese Begegnung, erschienen ihr diese Menschen als fremd, wenn nicht aufgrund der anderen Lebensweise als bedrohlich. Als Gäste mit begrenztem Aufenthaltsrecht waren sie willkommen, und ihre Kultur wurde als exotische Bereicherung angesehen. Doch als sich der Gästestatus wandelte und zum permanenten Wohn- und Arbeitsrecht veränderte, nahm die Distanz zu, Fremdenfeindlichkeit wuchs.

Die großen Wanderungsbewegungen unserer Zeit, die Arbeitskräftewanderung und die Flüchtlingswanderung, haben den geschlossenen Charakter der mitteleuropäischen Gesellschaft aufgebrochen. Wo in der Vergangenheit eindeutige religiöse Verhältnisse, auch Machtverhältnisse, herrschten, gibt es jetzt in vielfältiger Weise Diasporasituationen. Die Auswirkungen beeinflussen das Leben vieler, wie die Probleme des Zusammenlebens von Menschen verschiedener kultureller und religiöser Prägungen zeigen. Das zum Slogan gewordene Diktum von Max Frisch "Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen" benennt das Problem eindringlich. Nicht allein die sozialen und arbeitsmarktpolitischen Probleme der Flüchtlinge und ausländischen Arbeitskräfte müssen gelöst, auch die kulturellen Prägungen, bis dahin kaum beachtet, müssen vertieft wahrgenommen und in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben begriffen werden. Dazu gehört vornehmlich die Religion. Der Glaube der hier lebenden Muslime stellt bisher nicht gekannte Anfragen an unser Christsein und unsere Mitmenschlichkeit in den Kommunen. Das hat viele Gemeindeglieder verunsichert. Andererseits ist auf islamischer Seite Enttäuschung und Bitterkeit darüber herauszuhören, dass Muslime nicht einfach als Menschen mit ihrer anderen Religion ernst genommen werden, sondern auch in den Kirchen erst auf dem Umweg über die Ausländerthematik in unser Blickfeld gekommen sind.

Inzwischen haben Muslime in Deutschland ein eigenes Gemeindeleben entwickelt. Bei Angehörigen der zweiten und dritten Generation der einstmals zugewanderten Muslime ist für Außenstehende oft nicht mehr auszumachen, aus welchem Land ihre Eltern stammen, so sehr haben sie sich integriert. Bei den Moscheen bildeten sich Gemeinden mit eingeschriebenen Mitgliedern: das kannte man in den Heimatländern bis dahin nicht. Bis jetzt sind gut 10% der etwa 3 Millionen Muslime in Deutschland so organisiert . Schon in den 70er Jahren schlossen sich Moscheegemeinden zu Verbänden zusammen. Das sollte u.a. der besseren Koordination dienen, schuf jedoch auch neue Spannungen, da eine Reihe von kleineren nichttürkischen Gruppen sich gegen eine türkische Dominanz wehrte. In Deutschland sind ca. 80% der etwa 3 Millionen Muslime türkischer Herkunft. Das ist eine Besonderheit des Islam in Deutschland. In anderen europäischen Ländern ist die Präsenz des Islam durch andere nationale Mehrheiten geprägt. Insgesamt leben ca. 30 Millionen Muslime in Europa. Aber auch die türkische Gruppe bildet in Deutschland weder ethnisch (man denke nur an die Kurden!) noch von den islamischen Glaubensrichtungen her eine geschlossene Einheit. Mit der Zeit haben sich daher verschiedene Moscheeverbände gebildet. Nur die größeren seien hier aufgeführt, weil ihre Namen manchmal in den Medien auftauchen. Dabei fällt auf, dass die in den Medien oft erwähnten "Grauen Wölfe" in der folgenden Liste gar nicht genannt werden: sie sind eine politische Gruppierung, keine religiöse!

  • VIKZ (Verband der Islamischen Kulturzentren)
    Dieser Moscheeverband organisierte sich Anfang der siebziger Jahre als erster und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die sozialen und religiösen Bedürfnisse türkischer Migranten zu befriedigen. Der VIKZ ist von Anhängern der Süleymancibewegung gegründet worden, die die laizistischen Reformen Kemal Atatürks ablehnt und einen Islam traditioneller Prägung vertritt. Dennoch ist dieser Verband schon sehr früh mit Kirchengemeinden in Kontakt gekommen und zu einem verlässlichen Partner im christlich-islamischen Dialog geworden. Ursprünglich sehr zentralistisch organisiert, hat er sich seit 1998 in Landesverbände aufgegliedert, die den Bundesländern entsprechen. Gegenwärtig gehören 304 Moscheegemeinden zu ihm.
         
  • IGMG (Islamische Gemeinschaft Milli Görüs)
    Der Verband wurde 1976 als "migrantenspezifische Organisation" in Deutschland gegründet. Er steht der seit 1980 in der Türkei verbotenen Nationalen Heilspartei Necmettin Erbakans und ihren unter anderen Namen auftretenden Nachfolgeparteien nahe und vertritt eine islamistische Richtung. Er sieht seine Aufgabe in Westeuropa und fordert die doppelte Staatsbürgerschaft. In Deutschland ist die IGMG manchmal in Verfassungsschutzberichten erwähnt worden. Bei regionalen Kontakten gibt es Erfahrungen guter Zusammenarbeit. Nach eigenen Angaben haben sich diesem Verband 560 Moscheegemeinden angeschlossen.
         
  • DITIB (Diyanet Isleri Türk-Islam Birligi = Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.)
    Dieser Verband mit derzeit 780 Moscheegemeinden vertritt den regierungsamtlichen Islam der Türkei. DITIB hat seit 1982/84 das Ziel, möglichst umfassend die türkische Bevölkerung zu erreichen und sie zugleich in ihrem Nationalbewusstsein als Bürgerinnen und Bürger des türkischen Staates zu bestärken. DITIB stellt - finanziert vom Amt für religiöse Angelegenheiten der Türkei - den meisten der angeschlossenen Moscheevereine für jeweils vier Jahre Religionsbeauftragte, die den Dienst in den örtlichen Moscheen versehen. Diese Imame unterstehen den Religionsattachés der türkischen Botschaft bzw. der Konsulate.
     
  • Föderation der Aleviten-Gemeinden in Deutschland e.V.
    Unter der türkischen Gesamtbevölkerung gehören etwa 20 - 30% der Minderheit der Aleviten an, die von einem schiitischen Hintergrund herkommen. Diese Minderheit hat eine eigene religiöse und kulturelle Prägung. In Deutschland lebende Aleviten haben die "Föderation der Aleviten-Gemeinden in Deutschland e.V." gegründet.

Anlass zur Sorge und zur kritischen Beobachtung geben radikale Strömungen in einzelnen Verbänden, unklare wirtschaftliche Abhängigkeiten und Verbindungen zu islamistischen Gruppen im Ausland sowie wenige militante Vereinigungen wie etwa der "Verband der islamischen Vereine und Gemeinden" (ICCB). Auch wenn er zahlenmäßig nicht ins Gewicht fällt und sich inzwischen gespalten hat - er ist ein Hinweis darauf, dass es neben den vielen seriösen und integren Verbänden auch höchst problematische islamische Organisationen gibt und es darum nötig ist, sich vor näheren Kontakten kundig zu machen, mit welcher Gruppierung man es zu tun hat.

Neben dem türkisch-sunnitisch geprägten Islam findet man in Deutschland albanische, arabische, bosnische, "jugoslawische", marokkanische und andere nordafrikanische sowie fernöstliche Moscheen oder Moscheegemeinden. Vom schiitischen Islam gibt es vor allem iranische und pakistanische Ausprägungen. Eine Sonderstellung nimmt die aus Pakistan stammende Ahmadiyya-Bewegung ein. Sie wurde 1974 auf einer "Konferenz der islamischen Organisationen" zu einer abtrünnigen Sekte erklärt und in der Folgezeit vornehmlich auf Betreiben der Islamischen Weltliga innerhalb der islamischen Weltgemeinschaft weitgehend isoliert. Muslime deutschsprachiger Herkunft, die auf etwa 11.000 geschätzt werden, haben bisher keine eigenen Moscheen gebaut, wohl aber finden sie sich in verschiedenen Gemeinschaften zusammen und unterhalten Zentren.

Aus den verschiedenen Moscheeverbänden haben sich inzwischen Dachverbände gebildet, denen die meisten Moscheegemeinden angeschlossen sind. Seit 1986 besteht der "Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland", der 1993 einen "Shaikh ul-Islam" als sein geistliches Oberhaupt gewählt hat. Ihm gehören 34 Verbände und Organisationen mit 106.000 Mitgliedern an. 1988 hat sich der Islamische Arbeitskreis gebildet, der sich 1994 in "Zentralrat der Muslime in Deutschland" umbenannte. Seine 43.000 Mitglieder sind in 19 Verbänden organisiert. DITIB hat sich bisher keinem der beiden Dachverbände angeschlossen. Dieser Verband hat nach eigenen Angaben allein 150.000 Mitglieder. Zwischen den Dachverbänden gibt es eine gewisse Zusammenarbeit in gemeinsam betreffenden Sachfragen. Mittlerweile sind auch zwei islamische Akademien zur Nachwuchsschulung und als Dialogangebot gegründet worden. Die Islamische Föderation in Berlin zählt nicht zu der Kategorie der hier erwähnten Dachverbände, da sie nur die Region Berlin vertritt. Ihr gehören Moscheegemeinden an, die sonst auch anderen Verbänden angeschlossen sind. Ähnlich verhält es sich mit der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen, die sich dort aus Einzelpersonen organisiert hat. Fraglos muss die Herausbildung solcher organisierter Strukturen als Teil des Integrationsprozesses der Muslime angesehen werden.

Angesichts der Tatsache, dass viele Ausländer zu Inländern - sei es mit oder ohne deutschen Pass - geworden sind, ist es nicht länger angemessen, von "Ausländern" und "Fremden" zu sprechen, wenn es um muslimische Mitbürger geht. Sie sind oft keine Fremden mehr. Dennoch bleiben die Probleme des Umgangs mit ihnen aufgrund der kulturellen und religiösen Differenzen bestehen und berühren je länger je mehr alle Lebensbereiche.

Auch wenn Multikulturalität und die Vielfalt der Religionen zum Zeichen unserer Weltkultur geworden sind, müssen wir die Differenzen ernster nehmen als bisher, da sie nicht nur im Sinne einer Bereicherung das Erscheinungsbild der Städte verändern. Sie dringen häufig auch bis in das Dorfleben ein und verändern eingewurzelte Strukturen. Das verursacht Spannungen. Auch das private Leben ist davon betroffen. Im Stockwerk über uns, in der Wohnung und im Hause nebenan wohnen Menschen, die einer anderen Religion angehören, andere Feste feiern als wir, sich anders kleiden und zu anderen Zeiten ruhen.

In verschiedenen Gemeinden haben sich Initiativen sehr früh der Begegnung mit den Fremden gestellt und durch ihre Aktivitäten Fremdenfeindschaft und Fremdenhass entgegenwirken wollen. Auf gemeindlicher und regionaler Ebene ist es zu Begegnungen gekommen. Seit 1976 arbeitet die Islamisch-Christliche Arbeitsgruppe (ICA), zu der Mitglieder aus der evangelischen, römisch-katholischen und orthodoxen Kirche sowie aus den verschiedenen islamischen Verbänden gehören. Es haben sich Christlich-Islamische Gesellschaften gegründet, die den Dialogbegegnungen eine Stetigkeit geben wollen. In Pastoralkollegs ist nicht nur über Muslime gesprochen worden, sondern es sind gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt worden. Zum Programm der Deutschen Evangelischen Kirchentage gehören seit den 80er Jahren regelmäßig Veranstaltungsangebote zur Begegnung von Christen und Muslimen. Seit 1995 führt die Evangelische Kirche in Deutschland mit der jordanischen Al Albait-Stiftung auf deren Anregung hin einen Dialog durch. Dieser Dialog hat seine hohe Bedeutung auch dadurch, dass das Königreich Jordanien als Hüter der heiligen islamischen Stätten in Jerusalem einen besonderen Rang innerhalb der islamischen Welt hat.

Dennoch: Den eigentlichen theologischen Fragen, die mit der Präsenz fremder Religionen in unserer Nachbarschaft gegeben sind, haben sich die evangelischen Kirchen in Deutschland nur zögernd genähert, auch wenn die Studie "Religionen, Religiosität und christlicher Glaube" wichtige Perspektiven eröffnete. Dieser Themenkreis bedarf jedoch der deutlicheren Konkretion, vor allem, wenn es um die Begegnung mit Muslimen und um die Auseinandersetzung mit dem Islam geht.