Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland

Eine Handreichung des Rates der EKD, 2000

Vorwort

In Deutschland leben etwa 3 Millionen Muslime als Folge der Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer und ihrer Familien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Damit das Zusammenleben gelingt, brauchen Muslime und Christen den Dialog, der ihnen hilft, einander besser zu verstehen, Unterschiede und Gegensätze zu respektieren und voneinander zu lernen. Es gibt sehr alte geschichtliche Berührungspunkte zwischen Christentum und Islam. Daran kann teilweise angeknüpft werden, um Wege für ein friedliches Miteinander zu finden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will mit der vorliegenden Handreichung theologisch begründete Orientierung bieten für den Umgang mit den gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit der Integration muslimischer Mitbürger verbunden sind.

In vielen Gemeinden und Initiativen, in Kirchenkreisen und Landeskirchen, in Zusammenkünften und Seminaren ist der Dialog zwischen Christen und Muslimen schon längst im Gange. Dabei werden Formen des Zusammenlebens erprobt. Neben manchen Unsicherheiten, die zu bewältigen sind, gab und gibt es immer wieder Streit, ob einzelne lokale Lösungen Modellcharakter für die ganze evangelische Kirche haben können. Unterschiedliche Verlautbarungen aus den Gliedkirchen der EKD ließen immer wieder den Ruf nach einer offiziellen und eindeutigen evangelischen Stellungnahme laut werden. Von Gemeinden wurden praktische Ratschläge für die Begegnung mit Muslimen vor Ort erbeten. Schließlich wurde auch von muslimischer Seite wiederholt gefragt, wie die evangelische Kirche zum Islam in Deutschland steht, nachdem sich die römisch-katholische Kirche bereits 1965 im zweiten Vatikanischen Konzil grundsätzlich geäußert hatte.

Dies alles war für den Rat der EKD Anlass, diese Handreichung zum Verhältnis zu Muslimen und für das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland in Auftrag zu geben. Nach langer und gründlicher Vorbereitung wurde hier vielfach Neuland betreten. Es galt, mit Angehörigen einer anderen Religion in einen Dialog um Grundfragen des Zusammenlebens einzutreten und dabei vom christlichen Glauben her Stellung zu beziehen. Einige, die bereits über viel Erfahrung im Umgang mit Muslimen verfügen, werden manches als zu zaghaft empfinden, was die Handreichung empfiehlt. Wiederum wird denjenigen, die ganz am Anfang der Auseinandersetzung mit dem Islam stehen, einiges recht gewagt erscheinen. In dieser Bandbreite von Erfahrungen, Erwartungen, Positionen und Suchbewegungen will die Handreichung zur Begegnung ermutigen, das Gespräch fördern und der Verständigung dienen.

Der Rat der EKD hatte die Aufgabe gestellt, das Verhältnis zum Islam theologisch aufzuarbeiten und unter Beachtung der rechtlichen Rahmenbedingungen die vielfältigen Bereiche des alltäglichen Zusammenlebens zu reflektieren. In der pluralen Gesellschaft Deutschlands mag der Islam als religiöse Alternative manchmal in Konkurrenz zur christlichen Botschaft gesehen werden, bisweilen kann er aber auch zum Bundesgenossen werden, wenn es um die Rücksicht auf die Belange der Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft geht.

Die Evangelische Kirche in Deutschland will Muslime in Deutschland mit ihrem Glauben respektieren und spricht sich für ein Zusammenleben in Achtung voreinander aus. Sie distanziert sich von Entgleisungen und Anfeindungen in der Vergangenheit und gelegentlich auch in der Gegenwart. Die Basis für das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religion in unserem Land ist die Respektierung des Grundgesetzes. Dieses bietet auch Muslimen Raum für die Gestaltung ihres Glaubenslebens nach eigenen Regeln. Die Evangelische Kirche in Deutschland erwartet von den Regierungen islamisch geprägter Staaten für ihre christlichen Glaubensgeschwister, die in islamischer Mehrheitsumgebung leben, dass sie ihnen die Freiheit zur Ausübung ihres Glaubens gewährleisten.

Mit Dank hat der Rat der EKD die Handreichung in der vorliegenden Fassung angenommen und übergibt sie der Öffentlichkeit. Dabei ist namentlich Professor Dr. Theo Sundermeier und Professor Dr. Eberhard Busch, den Vorsitzenden der beiden Kommissionen, die der Rat der EKD mit der Ausarbeitung des Textes beauftragt hatte, für die Geduld und Umsicht zu danken, mit der sie diesen Entstehungsprozess moderiert haben.

Der Dialog von Christen und Muslimen geschieht in der Spannung von Respekt und Auseinandersetzung. Beide Pole prägen unser Zusammenleben, wenn es ehrlich und offen gestaltet werden soll. Möge diese Handreichung dazu beitragen, dass solches Zusammenleben dauerhaft gelingt zum Wohle unserer ganzen Gesellschaft.

Düsseldorf, im Juli 2000

Präses Manfred Kock
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland