Wer sich zu früh ein Bild macht, liegt falsch

Von der Kunst, sich kein Bild zu machen (V)

Orangefarbener Bilderrahmen

Einem Bauern lief eines Tages sein Pferd davon und kam nicht mehr zurück. Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten: "Du Ärmster, dein Pferd ist weggelaufen, welch ein Unglück!" Der Landmann antwortete: "Wer sagt denn, daß dies ein Unglück ist?" Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück - und brachte ein Wildpferd mit. Da sagten die Nachbarn: "Erst läuft dir das Pferd davon - und dann bringt es noch ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!" Der Bauer schüttelte den Kopf: "Wer weiß, ob das Glück bedeutet?"

Das Wildpferd wurde von seinem ältesten Sohn eingeritten; dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten: "Welch ein Unglück!" Der Landmann gab zur Antwort: "Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?" Darauf kamen die Soldaten des Königs ins Dorf und zogen alle jungen Männer für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen sie zurück - mit seinem gebrochenen Bein. Da riefen die Nachbarn: "Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!" Der Bauer sagte: "Wer sagt denn, daß dies ein Glück ist?" Die Geschichte könnte man unendlich weitererzählen. Was sie sagen will: Wer sich zu früh ein Bild macht, liegt falsch. Nur allzu schnell treten Umstände ein, die es notwendig werden lassen, das bereits gefaßte Urteil zu revidieren.

Genauer besehen ist die Moral der Geschichte noch provokanter. Nicht nur, wer sich zu früh ein Bild macht, liegt falsch, sondern wer sich überhaupt ein Bild macht. Wie oft stellt sich nämlich heraus, daß ein vermeintliches Glück eigentlich ein Unglück war und umgekehrt, daß sich ein vermeintliches Unglück letztlich als Glück erweist. Nur wer auf endgültige Festlegungen verzichtet, bleibt offen für das, was sich im Laufe der Geschichte noch zeigen kann. Du sollst dir kein Bildnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden ist. Mit dem biblischen Bilderverbot ist - ganz in diesem Sinne - zunächst die Transzendenz Gottes angesprochen, der um seiner Freiheit willen nicht auf Denkschablonen und Definitionen festgelegt sein will. "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege", so der Prophet Jesaja über das totale Anderssein Gottes.

Darin aber liegt zugleich die Begründung für das Bilderverbot im Blick auf das, was zwischen Menschen geschieht. Gerade hier herrscht, wie wir gesehen haben, der massive Zwang, festzulegen und bestimmen zu wollen, zu qualifizieren und zu definieren. Jede Definition aber ist ein Ausschnitt aus einer lebendigen Wirklichkeit, der mit dem Verlust der Lebendigkeit dieser Wirklichkeit bezahlt wird. Der definierte Gott wie der definierte Mensch ist um sein Leben gebracht.

Die Kunst sich kein Bild zu machen, wüchse dagegen aus einer Haltung, die sich dem Zwang vorschneller Urteile entzieht. Sie tritt ein für die Freiheit Gottes wie für die Freiheit des Menschen. Es ist eine Haltung, die ein hohes Maß an Freiheit voraussetzt. Sie verzichtet auf die Sicherheit, die ein Denken in Schablonen und in Stereotypen bietet.

Die Kunst, sich kein Bild zu machen, widerspricht jeder Form von Fundamentalismus, der die Menschen in gut und böse und die Welt in schwarz und weiß einteilen will. Sie plädiert eher für Zwischentöne und läßt Schattierungen zu. Sie verneigt sich vor dem Vorläufigen und lehnt den Absolutismus endgültiger Urteile ab. Vor allem aber wurzelt sie in einer Liebe zum Lebendigen, die stärker ist als der Wunsch nach Definitionen.

Unübertroffen hat das der Max FRISCH in seinen Tagebuchnotizen vom April 1946 festgehalten: "Du sollst dir kein Bild machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfaßbar ist. Es ist ein Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlaß wieder begehen - ausgenommen, wenn wir lieben. Die Liebe befreit aus jeglichem Bildnis."

Klaus Nagorni



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