Armut

Spiritualität

'Sleep In' für junge Erwachsene und Jugendliche in Frankfurt am Main (Foto:epd)

“Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können.”

Rabindranath Tagore, indischer Philosoph

Es gibt einen ätzenden Aufkleber: “Eure Armut kotzt mich an.” Er verhöhnt – vorzugsweise von protzigen Karossen der oberen Güteklasse – Einzelne, Gruppen oder ganze Bevölkerungen in einer wirtschaftlichen Situation, in der es ihnen nicht möglich ist, sich ihren Lebensbedarf aus eigenen Kräften zu beschaffen. Da ihre unzureichende Ausstattung an Mitteln zur Befriedigung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse nicht zureicht, vegetieren sie in einer Mangelsituation, die ihre Existenz durch Verhungern oder Erfrieren unmittelbar oder durch fehlende Widerstandskraft bei Erkrankungen mittelbar bedroht. Die Obdachlosen unter den Brücken der großen Städte sind augenfällige Erscheinungen. Bettler und Alte, die in Mülltonnen kramen, machen die Armut sichtbarer und penetranter.

Leben von der Hand in den Mund, ohne Sicherheit und keine Aussicht auf eine bessere Zukunft – Armut hat viele Ursachen. Persönliche Schicksale, geprägt durch Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit, Scheidung und Alimente, Schulden und Kredite, Sucht und Gutgläubigkeit. Oder Zeitereignisse wie Krisen, Katastrophen und Kriege. Eine Volksweisheit, die Bernhard Wicki schon in den Fünfzigerjahren zu einem berühmten Film animierte, lautet: “Weil du arm bist, musst du früher sterben.” Armut nimmt die Würde, schränkt ein und klagt die Lieblosigkeit an. “Bleib deinem Freund in seiner Armut treu”, steht in der Bibel.

Dem “Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht” der Bundesregierung zufolge galten 2003 13 Prozent der Bevölkerung als arm. Ein Drittel sind allein Erziehende und ihre Kinder. 19 Prozent sind Paare mit mehr als drei Kindern. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, hat 2004/2005 1,45 Millionen erreicht. Etwa 1,2 Milliarden, ein Fünftel der Menschheit, müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Armut ist eines der größten Probleme der Gegenwart. Ihre Bekämpfung ist die wichtigste Aufgabe internationaler Entwicklungspolitik. Und eine Herausforderung an die Kirchen.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein hat Armut ihre Ursache nicht in der Gesellschaft, sie gilt als persönlich verschuldet oder gottgewollt – und damit weitgehend als unabänderlich. Im Alten Testament gibt sie auch Anlass zur Klage über ungerechtfertigten Reichtum. Das Neue Testament rechnet die materielle Not gegen den geistlichen Reichtum der Armen auf. Diese Sicht von Armut als geistigem Wert schlägt sich in der selbstgewählten Bescheidung der Mönche nieder. Neben Gehorsam und Keuschheit gehört die Armut zu den drei Gelübden, die Mitglieder klösterlicher Gemeinschaften abzulegen haben. Schon bei dem griechischen Philosophen Sokrates findet sich der Satz: “Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf!”

Die Ärztin Ruth Pfau, Mitglied des Ordens der Töchter vom Herzen Mariä, hat eine zweite, freiwillige Armut ausgemacht, die uns Freiheit ermöglicht: “Dieses leichtherzige Fahrenlassen von Ballast und Bürde, diese unbekümmert-ichbeschwingte Freude, wenn Prioritäten richtig liegen”.

Auf einer ganz anderen Ebene wendet die österreichische Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach die Armut ins Spirituelle: “Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind. Arm ist nur, wer nie geträumt hat.”

Hans-Albrecht Pflästerer



erweiterte Suche

 



Das könnte Sie auch interessieren...


Unsere Zehn Gebote

www.unsere-zehn-gebote.de

Woher kommen unsere Werte? Wo liegen unsere Wurzeln?

 


Bibelspiele im Internet

www.ekd.de/spiele

Auf unterhaltsame Weise biblische Geschichten neu entdecken ...



...und außerdem:


Informationen

Kirche für Einsteiger

Wenn Sie Fragen haben. Oder evangelisch werden möchten. Hier finden Sie Antworten.

 


Vor Ort

Gemeinden und Gottesdienste

Informationen und Angebote für Ihre Kirche vor Ort

 


Die Web-Kirche

Christus-Pavillon

Memory, Galerie der Kirchen, Ideenbuch, Rückblick auf die EXPO 2000, Kloster Volkenroda