Dankbarkeit
Spiritualität
Von dem deutschen Dichter Hans Magnus Enzensberger stammt diese kleine Dankeshymne, sie trägt den Titel "Empfänger unbekannt" und liest sich doch wie ein augenzwinkerndes Gebet: "Vielen Dank für die Wolken. Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel. Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn und für allerhand andere verborgene Organe, für die Luft, und natürlich für den Bordeaux. Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht, und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern. Vielen Dank für die vier Jahreszeiten, für die Zahl e und für das Koffein, und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller, gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf, für den Schlaf ganz besonders, und, damit ich es nicht vergesse, für den Anfang und das Ende und die paar Minuten dazwischen inständigen Dank, meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch."
Also, die Wühlmäuse müssen nicht sein. Aber sonst? Es gibt so vieles, was uns dankbar stimmen kann: die Spuren eines gelingenden Lebens, die Augenblicke überwältigender Seligkeit, in einer geglückten Beziehung etwa, die Umarmung nach einem guten Gespräch, die dargebotene Hand nach einem bösen Streit, der Neuanfang nach schwerer Krankheit, der Job nach langer Arbeitslosigkeit, die unversehrte Rückkehr aus dem Auslandseinsatz.
Dennoch ist es mit der Dankbarkeit, so ist die Wahrnehmung, oft nicht weit her. Überzogene Wünsche und der Eindruck, zu kurz zu kommen, verzerren den Blick auf die vielen Gründe, dankbar und zufrieden zu sein. Wer unersättlich wird, kann nicht mehr genießen. Auch so kommt Dankbarkeit abhanden. Der französische Philosoph Pascal Bruckner bezeichnet den Menschen als Riesenbaby, das unermessliche Ansprüche an die Gesellschaft hat. Das den Hals nicht voll kriegen kann. Und wenn es ihm nicht gut geht, sind die anderen schuld.
Der Russe Fjodor Michailowitsch Dostojewski bringt es auf den Punkt: "Ich glaube, die beste Definition des Menschen lautet: undankbarer Zweibeiner." Und der Kabarettist Dieter Hildebrandt spottet: "Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen."
Undankbarer Zweibeiner. Es scheint sich nicht viel geändert zu haben seit den Tagen des Jesus von Nazareth. In einem Dorf, irgendwo in Samarien oder Galiläa, begegnen ihm zehn hautkranke, unreine Männer, die Heilung erbitten. Sie wird ihnen unterwegs zuteil. Aber nur einer der Männer kehrt zurück, um sich zu bedanken. Neun machen sich gedankenlos davon. Ein dankbarer Mensch vergisst nicht, dass er sich und sein Leben nicht sich selbst verdankt.
Von Kyrilla Spieker stammt die Einsicht: "Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens." Und ein feiner Satz von Gabriel Marcel sollte uns nicht aus dem Sinn kommen: "Dankbarkeit ist die Wachsamkeit der Seele gegen die Kräfte der Zerstörung." In der Schöpfung und wo auch immer.
Hans-Albrecht Pflästerer
