Erotik
Spiritualität
Es geht gleich zur Sache: “Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen.” Eine Schöne drückt in Bildern und Vergleichen ihre Sehnsucht nach dem Geliebten aus. Dessen Liebe empfindet sie als berauschend, dafür steht der Wein. Und als verführerisch anziehend, dafür steht die Salbe.
Das Hohelied Salomos, mitten im Alten Testament, ist eine kleine Sammlung von Liebesliedern, in der die beiden Liebenden ihre Empfindungen mit viel Poesie, aber ohne falsche Scham ausdrücken. Einen solchen Text in der Bibel zu finden, hat immer auch Erstaunen und Befremden freigesetzt und Menschen merkwürdig berührt. “Aber die Liebe zwischen Mann und Frau”, lesen wir in der Stuttgarter Erklärungsbibel, “ist ein Geschenk Gottes, und ihr Ausdruck hat darum seinen Platz auch in der Bibel.”
“Sex ist nicht immer schön”, findet Gabriele Hartlieb. “Liebe schon. Eros. Das ist die Kraft der Liebe, die den Geist bewegt, Gedanken befreit, Kreativität eröffnet, die Seele begeistert, den Körper beschwingt. Die Wissenschaftlerin beim Gelingen eines Experiments; der Maler, der geschaffen hat, was er sich vorstellte; der Koch, die Schriftstellerin, die Programmiererin, der Schreiner, der Bergsteiger, die Tänzerin – sie kennen die Kraft, die sie beflügelt und trägt zugleich. Es ist Eros, der Götterjüngling, dessen Macht plötzlich und ganz überwältigt, Kopf, Herz und Bauch.”
Erotik, die Lehre von der Liebe und der Liebeskunst, umschließt im weitesten Sinne deren Erscheinungsformen, in denen sie sich zwischen Menschen ereignet, auch die gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Sie ist an der geistig-seelischen Entfaltung der Geschlechtlichkeit interessiert und am Spiel mit deren Reizen sowie an den Auswirkungen in Gesellschaft, Mode, Kunst, Werbung und Literatur.
Der Schweizer Dichter Kurt Marti hat eine enge Verbindung von Erotik und Religion ausgemacht: “Ein wildes, doch unzertrennliches Paar” nennt er die beiden. “Wie heftig sie miteinander streiten, einander beschimpfen, verwünschen, verfluchen mögen, keine hält es lang ohne die andere aus. Stirbt die Religion, magert Erotik zum Skelett, das heißt zum bloßen Sex ab. Stirbt die Erotik, so verdorrt die Religion.”
Noch einmal Gabriele Hartlieb: “Erotik muss – und sollte – nicht ausschließlich das Vorspiel zum Sex sein, sondern ein Instrument der Liebe, dessen Spiel den Geist beflügelt, den Leib begeistert und die Seele durchglüht – und das kaum beherrschbar ist. Auch an heiligen Orten werden schöne Klänge und wirre Töne weiter zu hören sein.”
Hans-Albrecht Pflästerer
