Freundschaft

Spiritualität

Zwei Menschen in einem Boot.

Was Freundschaft ist? Eine langsam wachsende Blume. Für Aristoteles, den griechischen Philosophen, eine Seele in zwei Körpern. Für den Dichter August von Kotzebue die Blüte des Augenblicks und die Frucht der Zeit. Für den Philosophen Johann Georg Hamann ein Kapital, dessen Zinsen niemals verloren gehen. Für den griechischen Mystiker Pythagoras die Mutter aller Tugenden.

"Gott erhalte uns die Freundschaft. Man möchte beinah glauben, man sei nicht allein", findet der Journalist Kurt Tucholsky. Für die Schauspielerin Marlene Dietrich zählen die Freunde, die man um vier Uhr morgens anrufen kann.
Natürlich fehlt es nicht an Spott: "Es gibt nur ein Problem, das schwieriger ist, als Freunde zu gewinnen: Sie wieder loszuwerden", hämt Mark Twain. Man kann es auch sportlich-ironisch sehen wie der österreichische Kabarettist Werner Schneyder: "Freundschaft ist, wenn dich jemand für gutes Schwimmen lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist."

Aber die Freundschaft hat keinen Hohn verdient. Denn sie ist, wie der britische Schriftsteller Benjamin Disraeli findet, ein Geschenk der Götter und eine kostbare Gabe für den Menschen. Ein flämisches Sprichwort sagt, dass sie am schönsten zur Geltung kommt, wenn es ringsum dunkel wird. Ihr Wert wächst mit den Jahren. Dem englischen Politiker Francis Bacon verdanken wir die Einsicht, dass nichts so sehr durch das Alter gewinnt wie Brennholz, Wein, Freundschaften und Bücher.

Freundschaft  eine Seele in zwei Körpern. Eine persönlich-positive zwischenmenschliche Beziehung, die sich als wechselseitiges Sympathiegefühl festigt. Eine Zuneigung, deren Basis Freiwilligkeit und Vertrauen sind. So ist Freundschaft mehr als die Kameradschaft in der Armee, bei den Pfadfindern oder Bergsteigern, den Sportlern in den Vereinen. Mehr auch als die Solidarität in der Arbeiterbewegung. Friedrich Schillers Ballade "Die Bürgschaft" ist ein Paradebeispiel uneingeschränkter Verlässlichkeit in einer freundschaftlichen Verbindung. Aber wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass enge Freunde wesentlich mehr miteinander streiten als miteinander lediglich bekannte Personen. Sie sind sich ihrer sicher, müssen nicht übervorsichtig agieren.

Freilich: Es gibt auch falsche Freunde. In dem Buch "Jesus Sirach", einer späten Schrift, die in das Alte Testament keine Aufnahme mehr fand, vereint ein jüdischer Weisheitslehrer eine lockere Sammlung von Lebens- und Verhaltensregeln. Dort lesen wir: "Jeder Freund sagt: Ich bin dir gut. Aber mancher ist nur dem Namen nach Freund. Ist es nicht ein Kummer, der dem Tod gleichkommt, wenn ein Kamerad oder ein Freund zu einem Feind wird? Der schlechte Kamerad nützt den Freund aus im Glück, zur Zeit der Drangsal aber tritt er gegen ihn auf."

Was wahre Freundschaft ist, hat am poetischsten vielleicht der Schriftsteller Reiner Kunze zu Papier gebracht:

"Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende, ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein."

Hans-Albrecht Pflästerer