Glück

Spiritualität

Ein altes Paar geht, sich an den Händen haltend, spazieren.

Als der Krieg zwischen den beiden benachbarten Völkern unvermeidlich war, schickten die Feldherren Späher aus, um zu erkunden, wo man am leichtesten in das Nachbarland einfallen könne. Die Kundschafter kehrten zurück und berichteten dasselbe: Es gebe nur eine Stelle an der Grenze, die sich dafür eigne. "Dort aber", sagten sie, "wohnt ein braver Bauer in einem kleinen Haus mit seiner anmutigen Frau. Sie haben ein Kind und sind die glücklichsten Menschen auf der Welt. Wenn wir nun über das Grundstück marschieren, zerstören wir das Glück. Also kann es keinen Krieg geben." Das sahen die Feldherren ein, und der Krieg unterblieb. Wie jeder Mensch begreifen wird..
Ein chinesisches Märchen. Leider nur ein Märchen. Eine Utopie vom Glück, die jeder Blick in die Zeitung oder in das Fernsehen abstraft.

Dabei wären wir so gerne glücklich. Menschen sind Glückskinder, Glücksritter, Glückspilze, bemühen Glücksräder und Glücksspirale, teilen Glückssehnen und Glücksmomente, betreiben Glücksbuden und hoffen auf Glücksfälle. Der Mensch jagt das Glück.

Das alles kann Glück sein: Eine Grießsuppe. Eine Schlafstatt. Die Liebe zwischen zwei Menschen. Der erste Schrei eines Kindes. Der Einzug in eine neue Wohnung. Eine endlich gefundene Briefmarke. Der überraschende Sieg. Die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches. Die Schwerelosigkeit eines Fluges. Die Gunst, noch einmal davongekommen zu sein. Glück ist für den einen die Befreiung von Schmerzen, für den anderen ein transportempfindliches Möbelstück. Es lässt sich probieren. Herausfordern. Aufs Spiel setzen. Es kehrt einem den Rücken. Es ist unverfügbar. Unbezahlbar. Kostbar. Zerbrechlich. Und dennoch unverzichtbar: Glück muss der Mensch haben.

"Es küsst dich rasch und flattert fort", dichtete Heinrich Heine über das Glück. Auch wenn wir wissen, dass wir es beeinflussen können, schwingt in der Volksweisheit, dass jeder seines Glückes Schmied sei, doch viel Selbstüberschätzung mit.

Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann lebt den Vorsatz, ständig an der Ermöglichung von irgendetwas Gutem, Richtigem, Schönem zu arbeiten, an diesen winzigen Anstiftungen zum Glück. Und der Hamburger Freizeitforscher Horst W. Opaschowski hält das Reisen heute für die populärste Form von Glück.

"Glück hat Fantasie. Es ist die Fantasie für andere, die glücklich macht", weiß die Theologin Dorothee Sölle. Ein
Sprichwort zielt in die gleiche Richtung: "Glück kann man verdoppeln, indem man es teilt." Oder, wie der Theologe Sören Kierkegaard meint: "Die Tür zum Glück öffnet sich nicht, wenn man dagegen anstürmt. Sie geht nach außen auf." So gewinnt Glück Qualität. Ist dann mehr als Behagen, Lust, Gewinn, Zufall, Laune, Gunst, Fügung. Ist nicht mehr nur die Droge des Egoisten. Ist dann auch, sich selber eine Weile weggeben.

Glück kann Leben retten. Der Erfurter Domestike Daniel Becke kracht auf der neunten Etappe der Tour de Françe von Gérardmer nach Mulhouse ungebremst in eine Felswand, zerlegt sein Rennrad und überschlägt sich. Er bleibt fast unverletzt. Später wird er sagen, er habe bei diesem Aufprall sein "ganzes Reservoir an Glück aufgebraucht". Und der Münchner Sportjournalist Andreas Burkert wird kommentieren: "Eine schöne Erfindung, dieses Glück."

Hans-Albrecht Pflästerer



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