Heiterkeit

Spiritualität

Jugendliche lachen aus einem Zugfenster.

Dass die höchste Stufe im Menschenleben erreicht, wer Weisheit mit Heiterkeit und Liebenswürdigkeit verbindet, wusste schon der britische Psychologe William McDougall. Den Menschen, meint der griechische Philosoph Demokrit, entstehe Heiterkeit aus dem maßvollen Umgang mit Lüsten und aus einem „Leben im Gleichmaß“.

Wir kennen das Wort heiter aus dem Wetterbericht: heitere Abschnitte. Aus heiterem Himmel leitet sich eine heitere Stimmung ab. Gelegentlich freilich auch ein Blitz. „O Mensch, bleib ruhig, bleibe heiter, denn Aufregung hilft auch nicht weiter“, rät eine Weisheit aus dem Volk. Dass ernste Zeiten der Heiterkeit bedürfen, eine andere. Gern wird sie in die Nähe der Gelassenheit gerückt, der angenehmsten Form des Selbstbewusstseins, wie die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach findet, und zu der hin die Schauspielerin Helen Vita dieses Rezept empfiehlt: Man darf sich nicht über Dinge aufregen, die nicht zu ändern sind. Manch einer kombiniert die beiden Tugenden als Lernender auf dem Weg zu heiterer Gelassenheit. Was nicht so einfach ist.

Heiterkeit hat viele Gründe. Einer mag das schadenfrohe Schmunzeln über ein Missgeschick sein. Wie es dem Schriftsteller Michael Ende widerfuhr: „Ich hab’ meine besten Witze erzählt. Mein Publikum blickt nur leicht gequält. Doch Heiterkeit ohne Maß und Ziel erregte ich, als ich vom Fahrrad fiel.“ Heiterkeit verzeichnet das Protokoll, wenn sich ein Zeitgenosse in größerer Runde schlagfertig und geistreich behauptet. Und ein wohlgelaunter, anregender Gesellschafter kann die Atmosphäre völlig verändern. Dann springt der Funke auf den ganzen Kreis über. In der Nähe eines heiteren Zeitgenossen wird man nicht über den Weltuntergang grübeln. Er vertreibt die Wolken, die die Köpfe der Menschen umnebeln. Für den Schweizer Lebenskünstler Alfred Selacher steht fest, dass Heiterkeit und Lebensfreude tagtäglich das Sterben besiegen, weil beide unser Immunsystem kräftigen.

Eine Wurzel der Heiterkeit ist der Glaube. Der württembergische Pfarrer Johann Albrecht Bengel rät der Seele, Gott etwas heiterer ins Gesicht zu schauen: „Was gibt das für ein neues Leben! Das kann alles umschmelzen und umgießen.“ Wer Glauben hat, der zittert nicht. Er überstürzt nicht die Ereignisse, er ist nicht pessimistisch eingestellt. Er verliert nicht die Nerven. „Glauben - das ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“, meinte der weise Papst Johannes XXIII. Sie muss dem Theologen Dietrich Bonhoeffer eigen gewesen sein, der als Mitglied der politischen Widerstandsbewegung während des Nationalsozialismus im Konzentrationslager saß, bevor er hingerichtet wurde, und von dem Mithäftlinge oft sagten, er träte aus seiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Zu beneiden ist, wer die Heiterkeit einfangen kann wie Hanns Dieter Hüsch, ohne das Wort selbst zu bemühen: „Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsal hält? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt.“ Und die Einsicht des französischen Schriftstellers Émile Zola sollte nicht in Vergessenheit geraten: „Das Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen.“

Hans-Albrecht Pflästerer



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