Kampf
Spiritualität
Ein Jude kam zu seinem Rabbi und fragte: “Rabbi, Sie sind ein sehr weiser Mann, sagen Sie mir, wird es einen Krieg geben?” “Es wird keinen Krieg geben”, antwortete der Rabbi, “aber es wird einen solchen Kampf um den Frieden geben, dass kein Stein auf dem anderen bleibt.” Die Geschichte wird Herman van Veen zugeschrieben. Und von dem französischen Schriftsteller Albert Camus stammt der Satz: “Die Verzweiflung besteht darin, nicht zu wissen, warum man kämpft, und doch kämpfen zu müssen.”
In der ökumenischen Bruderschaft von Taizé, einem kleinen Dorf auf den Hügeln von Burgund, sieht man das ganz anders. Von dort nahm schon in den Siebzigerjahren ein Begriffspaar seinen Lauf durch die Welt der Religiösen: Kampf und Kontemplation, beschauliches Nachdenken über und geistiges sich Versenken in Gottes Wort und Werk. Die Formel führt zwei wichtige Seiten der Religion zusammen: Aufbruch, Umkehr, Lebendigkeit, Begeisterung auf der einen Seite, Orientierung, Trost, Gewissheit auf der anderen.
In Taizé weiß man, dass den Kampf nicht scheuen darf, wer sich für den Frieden einsetzt. Keine Verknüpfung mit Vorstellungen von Krieg, Zerstörung und Grausamkeit, was mit spirituellem Leben nicht zu vereinbaren wäre. Sondern die Einsicht, dass der, der Frieden schaffen will, sich gegen Resignation und Hoffnungslosigkeit engagieren muss. Und gegen alle, die sagen, man könne doch nichts tun. Es ist ein Kampf auch gegen sich selbst, gegen Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit.
Es ist das Vertrauen in die Gewalt der Friedfertigen. Die Überzeugng, dass der, der keinen Mut zum Träumen hat, auch über keine Kraft zum Kämpfen verfügt. “Unermüdlich”, schrieb Roger Schutz, der Prior von Taizé, der in diesem Sommer einem Attentat erlag, “füllen wir die Gräben wieder auf, die die Mächtigen der Welt über die Erde ziehen, vor allem, wenn sie sich dabei rücksichtslos über die Menschenrechte hinwegsetzen und sich dazu aller erdenklicher Methoden, einschließlich politischer Gefängnisse und physischer wie moralischer Folter bedienen.” Wo der Mensch bereit ist, Fantasie und Herz für den Frieden in die Waagschale zu werfen, werden Zupacken, Bereitsein und Hingabe zu Gütezeichen des Kampfes. Und Kämpfen wird dann, wie Paolo Coelho formuliert, “zu einem Akt der Liebe”.
Im Alten Testament, im ersten Buch Mose, findet sich eine Urszene des Kampfes. Dort ringt der Erzvater Jakob mit einem Boten Gottes, wird dabei an der Hüfte verletzt. Er siegt nicht, erobert nicht und wird auch nicht belohnt. Aber er flieht auch nicht, sondern bewährt sich hält stand: “Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.”
“Der Kampf”, schreibt der Theologe Joachim Kunstmann, “ist ein unverzichtbarer Akt von Lebendigkeit. Er verbindet den Glauben mit der Hingabe an die Welt und das Leben.”
Hans-Albrecht Pflästerer
