Leiden
Spiritualität
“Wenn Gott diese Welt geschaffen hat, möchte ich nicht Gott sein, denn das Elend der Welt würde mir das Herz zerreißen.” Ein trauriges Fazit des skeptischen Philosophen Arthur Schopenhauer.
Aber er hat die Wirklichkeit auf seiner Seite. Jeder Blick in die Medien belegt, dass das Leiden des Menschen Bestimmung ist. Leiden, dieses quälende subjektive Empfinden des körperlichen oder seelischen Ausgeliefertseins und des Scheiterns von Lebenserwartungen und Zielsetzungen. Es drängt den Menschen in Grenzsituationen und wirft ihn aus der Bahn.
Vielleicht hat Bert Berkensträter Recht mit seiner Behauptung, dass unter denen, die ihr Leid in sich reinfressen, viele Wiederkäuer sind. Doch Krankheit und Schmerz vergegenwärtigen uns, dass Leiden nicht generell vermeidbar ist. Aber es macht keinen Spaß, zu leiden und im Mittelpunkt zu stehen, wie Katja Kullmann meint. Und ob es unumgänglich ist, dass alle Freude mit Leid bezahlt werden muss, wie Konrad Lorenz behauptet, ist zu bezweifeln. Die Liebe ist der Humus, auf dem das Leid besonders üppig gedeihen kann. Auf die Erfahrung John Knittels, dass Leid der Liebe erst den Duft verleiht, kann man getrost verzichten. “Wenn es doch nur möglich wäre, zu lieben, ohne Leid zuzufügen”, wünscht sich der englische Schriftsteller Graham Greene. Immerhin dies: “Die treueste Kameradschaft bildet sich unter denjenigen, die an dieselbe Kette geschmiedet sind und darum dieselben Leiden zu erdulden haben”, hat der Poet Bernhard Traven festgestellt.
Leiden hat viele Gesichter. Gewalt, in welcher Form auch immer. Physische und psychische Folter. Arbeitslosigkeit. Einsamkeit. Opfer. Verzicht. Abschied. Enttäuschung. Mobbing und andere Schikanen. Katastrophen. Vor allem Krieg, von dem der amerikanische Schrifsteller John Steinbeck sagt, er sei “Verrat und Hass, Wirrwar unfähiger Generäle, Qual und Tod und Krankheit und Müdigkeit, bis endlich alles vorüber ist und sich nichts geändert hat, außer dass neues Leid kommt und neuer Hass”.
Und Leiden hat Namen. Einer für alle: Auschwitz, dieser Ort unvorstellbaren Grauens.
Angeregt durch den katholischen Tübinger Theologen Hans Küng, hat ein Parlament der Weltreligionen 1993 vier Prinzipien als “unverrückbare Weisungen” entwickelt: Verpflichtungen zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben; zu einer Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung; zu einer Kultur der Toleranz und eines Lebens in Wahrhaftigkeit; zu einer Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau. Deren Umsetzung würde das Leiden nicht aus der Welt schaffen, aber empfindlich mindern.
Vielleicht vermag die jüdische Dichterin Nelly Sachs uns zu trösten: “Im Geheimnis eines Seufzers kann das ungesungene Lied des Friedens keimen.”
Hans-Albrecht Pflästerer
