Liebe
Spiritualität
Du hast kein Haus gebaut
Bau denn auf mich
Und keinen Baum gepflanzt
Leg dich in meinen Schatten
Kein Kind gezeugt
Nimm mich in deinen Arm
Lass mich dein Brot
und Salz der Erde sein
Das Wort Liebe kommt in dem Gedicht der Lyrikerin Ulla Hahn nicht vor. Und doch spricht sie aus jeder zweiten Zeile. Seit die Erde steht, haben Himmel und Menschen sich bemüht, zu definieren, was Liebe denn sei. Für die eine ist sie ein Kunstwerk, für den anderen ein privates Weltereignis. Oder eine Freundschaft, die Feuer gefangen hat. Spötter sehen in ihr die Verfolgung des Mannes durch die Frau. Oder die einzige Sklaverei, die als Vergnügen empfunden wird. Kostproben aus dem Sprücheportal: “Liebe ist die wunderbare Gabe, einen Menschen so zu sehen, wie er nicht ist”, findet die Schauspielerin Hannelore Schroth. “Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Wille und Verstand”, behauptet der Theologe August Hermann Franke.
Die Bibel stimmt das Hohe Lied der Liebe an und findet, dass sie größer ist als Glaube und Hoffnung. “Wer nicht liebt, hat von Gott nichts verstanden”, steht im Neuen Testament.
Der Schlager singt sich an der Liebe satt. “Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Sie kommt und geht von einem zum andern”, trällert Connie Francis. Es ist nur die halbe Weisheit. Und oberflächlich dazu.
Liebe ist eine Macht. “Wenn es dir nur möglich ist, mit einem kleinen Funken die Liebe in der Welt zu bereichern, dann hast du nicht umsonst gelebt”, findet des amerikanische Schriftsteller und Abenteurer Jack London. Und sie ist das Fleisch gewordene Glück. Das will gepflegt sein. Achtsamkeit mag es gar nicht. Aufmerksames Mitgehen mit dem und der Geliebten. Eifersucht, jene Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft, bekommt ihr gar nicht. Betrug ist ein Feind und oft der Tod der Liebe. Auch wenn Liebende von der Vergebung leben, wie der Dichter Manfred Hausmann weiß. Liebe schließt auch das Ausgeschlossene ein.
Wer liebt, gibt sich weg. Der Satz “Wo ich dein bin, bin ich erst ganz mein”, stammt von dem italienischen Bildhauer Michelangelo. Und: Liebe hat ihren Preis. Wer je Liebeskummer hatte, musste ihn bezahlen. Max Dauthendey warnt: Wer eine unglückliche Liebe in Alkoholertränken möchte, handelt törichjt. Alkohol konserviert.” Und sie kann sehr schmerzen. Einen geliebten Menschen hilflos leiden zu sehen, ist wohl das Schlimmste, was einem widerfahren kann. Sehr einfühlsam hat der Publizist Jörg Zink umschrieben, was es mit der Liebe auf sich hat: “Die Liebe ist die Kunst, den anderen zu lieben, ohne ihn zu beherrschen, ihm nahe zu sein, ohne ihn verschlingen zu wollen, ihm Freiheit zu geben, ohne ihn zu verlassen, und bis ans Ende bei ihm zu bleiben.”
Hans-Albrecht Pflästerer
