Verzicht

Spiritualität

Wer will schon verzichten? Die Zeiten  stehen eher auf Gegenkurs. Weil sie auf nichts verzichten wollen, leben immer  mehr Menschen auf Pump. Die Schuldnerberatungsstellen lassen grüßen.

Vielleicht  sind die Raffer ohne Kohle bei dem englischen Erzähler Oscar Wilde in eine schlechte Schule gegangen: „Man versehe mich mit Luxus. Auf alles Notwendige kann ich verzichten.“  Da ließe es sich mit dem griechischen Philosophen Plutarch vermutlich  viel bequemer  und unaufgeregter  leben: „Wer wenig braucht, der kommt nicht in die Lage, auf vieles verzichten  zu müssen.“

Es gibt geistvolle Einlassungen über den Verzicht. Etwa die des Filmschauspielers Mario Adorf: „Unter Verzicht  verstehen Frauen die kurze Pause zwischen zwei Wünschen.“ Oder des französischen Schriftstellers François La Rochefoucauld: „Wer glaubt, auf alle Welt verzichten zu können, täuscht sich. Wer glaubt, dass die Welt auf ihn nicht verzichten kann, täuscht sich noch mehr.“

Verzicht  kommt aus der Sprache des Rechts. Wer verzichtet, gibt den Anspruch auf, über irgendetwas das Sagen zu haben. Ist nachgiebig. Kann gönnen. Beweist Großmut. Wer verzichtet, gibt bestimmte Ansprüche auf, wird frei  für irgendetwas, das er oder sie für sinnvoller, lohnender und spannender hält. Und oft genug kommt Verzicht  auf die eigene Lebensqualität in Umwelt und Gesellschaft anderen zugute.

Wer verzichtet, lebt den Spannungsbogen zwischen Gier auf Lebensqualität und einfachem Leben. Man kann das mit Martin Heidegger auch philosophisch sehen: „Verzicht  nimmt  nicht. Verzicht  gibt. Er  gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“

Der Spagat zwischen Lebensqualität und Enthaltsamkeit  auf Zeit, Genießen und Beherrschen, das war wohl der Kitzel, dem vor mehr als 20 Jahren eine Hamburger Tischrunde – fast aus einer  Schnapslaune heraus – aus Theologen und Journalisten nachgab. Als die Kippen immer  mehr und die Flaschen immer leerer  wurden und ohnehin der Aschermittwoch  nahte, kam ihr die Idee, zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag Konsum dranzugeben, der durchaus den Charme von Luxus hatte: die Zigarette  zu verschmähen, den Rotwein zu meiden, die Süßigkeiten zu ächten und das Fernsehen zumindest einzuschränken, kurzum: die Lust an der Sucht zu beherrschen. Ein tapferer Angriff  gegen den irisch- spöttischen Schriftsteller George Bernard Shaw: „Die Tugend besteht nicht im Verzicht  auf das Laster, sondern darin, dass man es nicht begehrt.“

Die Idee faszinierte. Über die Jahre hin entstand in Deutschland eine Gemeinschaft der Fastenden. Sie werden heute vom Frankfurter  Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik mit einem Fastenkalender und vom Hamburger Verein  „Andere  Zeiten“, der sich um Alternativen  im Umgang mit dem Kirchenjahr bemüht, mit einem wöchentlichen Fastenbrief bestärkt. In diesem Frühjahr  wurden 15 000 Briefe versandt. Tendenz steigend. Vielleicht vermögen sie ja die Einsicht in  Martin Luthers Erkenntnis zu fördern: „Wenn wir täten,was wir sollten, und nicht machten, was wir wollten, hätten wir auch, was wir haben sollten.“

Hans-Albrecht Pflästerer 



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