Zeit
Spiritualität
Alles hat seine Zeit. Geboren werden und sterben; pflanzen und ausreißen, was gepflanzt ist; töten und heilen; bauen und abbrechen; lachen und weinen; klagen und tanzen; suchen und verlieren; behalten und wegwerfen; reden und schweigen; hassen und lieben. Streit hat seine Zeit wie der Friede. Eine geflügelte Weisheit des Predigers Salomo aus dem Alten Testament. Klug wie am ersten Tag. Die Zeit ist der souveräne Dirigent unseres Lebens. Sie ist bald Stütze und Orientierung, bald Korsett, das uns die Luft abschnürt. In ihr vereinen sich, wie der Jesuit Stefan Kiechle empfindet, Herausforderung und Gabe zugleich.
Zeit ist Geld, meint der Volksmund. Damit fängt die Hetze erst an. Der Kampf gegen die Uhr. Und die Tyrannei. "Mein einziger Feind ist die Zeit", sagt Charly Chaplin. Sie ist dann weit weg von jenem Göttlichen, deren wahres Wesen nicht begriffen werden kann, wie der römische Arzt und Gelehrte Claudius Galenus von Pergamon schon im zweiten Jahrhundert nach Christus befand. Doch das lässt sich durchaus relativieren. Als Gott die Welt erschuf, gab er den Afrikanern die Zeit und den Europäern die Uhr, geht die Sage. Die Eile ist ein Fluch, und der Begriff der Entschleunigung ist aus Notwehr geboren. Ein Tempolimit ist nicht nur im Straßenverkehr nützlich. Und gegen die Diktatur des Terminkalenders ist eine neue Zeitkultur dringlich geboten. Gut, wenn jemand keine Zeit hat, sich zu beeilen, wie der russische Komponist Igor Strawinsky findet.
Dass wir zu wenig Zeit haben, ist eine fast schon langweilende Klage. Dabei haben wir genug davon, die wir nur nicht nutzen. Vergeuden. Totschlagen. Aber auch diese Einsicht ist doppelwertig. Manche empfinden, dass die Zeit uns totschlägt. Doch richtig ist beides: dass die einen sich durch die Zeit getrieben fühlen, die anderen in die Leere der Zeit fallengelassen.
Zeit ist ein Geschenk. Man sollte sie nicht vertreiben. Sondern genießen, nutzen, auskosten. Man kann sie spenden. In Kindertagesstätten oder an Krankenbetten. Sie ist ein Taktgeber. Wenn man sich als Deichführer dem Naturgesetz von Ebbe und Flut unterordnen muss. Und sie ist Sklaventreiber und Schmuckstück zugleich, wenn man sich eine edle Uhr gönnt. "Denke immer daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt", meint der russische Dichter Leo Tolstoi. Sie ist zu eilsam, um sie mit falschen Dingen zu verschwenden, wie der Schauspieler Heinz Rühmann belehrt. "Es gibt Diebe, die von den Gesetzen nicht bestraft werden und doch dem Menschen das Kostbarste stehlen: die Zeit", wusste schon der französische Kaiser Napoleon Bonaparte. Dass Zeit nur diejenigen haben, die es zu nichts und es damit weiter gebracht haben als alle anderen, ist eine ziemlich feinsinnige Pointe des italienischen Schriftstellers Giovanni Guareschi. Der Umgang mit ihr ist alle Fantasie wert.
Zeit zu haben heißt, eine Sache für wichtiger zu erachten als eine andere.
Haben Sie noch Zeit?
Hans-Albrecht Pflästerer
