Stephanus
Gottes tolle Typen
Zu allen Zeiten gibt es Menschen, die an ihrem christlichen Glauben und an christlichen Sitten festhalten, auch wenn sie deshalb Verfolgung, schweres körperliches Leid oder gar den Tod erdulden müssen. Man nennt sie Märtyrer, Blutzeugen.
Nach der biblischen Überlieferung ist Stephanus der älteste unter ihnen. Er ist einer jener sieben Diakone, die sich um die Angelegenheiten der christlichen Gemeinde in Jerusalem kümmern. Von Anfang an gibt es im Christentum Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten, Streit zwischen den Griechisch sprechenden Hellenisten und den Hebräern, die Hebräisch, genauer: Aramäisch reden. Da gilt es zu vermitteln.
Stephanus ist ein Mann voll Gnade und Kraft, wie die Apostelgeschichte weiß, zu Wundern und großen Zeichen unter dem Volk fähig. Streitbar auch. Aber an Weisheit überlegen. Er hat seine eigene Sicht vom Gesetz des Mose. Und eine eigenwillige Einschätzung von der Bedeutung des Tempels, der im religiösen Leben und im Selbstverständnis der Juden einen herausragenden Stellenwert hat. Für Stephanus ist der Bau des Tempels Ausdruck, ja Gipfel des Ungehorsams. Es ist ein Irrweg, Gott an einen Tempel zu binden. Denn Gott wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen erbaut sind. Das ist in Israel starker Tobak. Die Ansicht des Stephanus wird als Gotteslästerung empfunden. Nach jüdischem Gesetz zieht Gotteslästerung Steinigung außerhalb der Stadt nach sich. Die Rede des Stephanus bewirkt, dass die Hörenden jede Kontrolle über sich verlieren. Wut überkommt sie, seine Tötung mutet wie ein Akt der Lynchjustiz an. Steinigung ist eine Form der Todesstrafe, die bei besonders schweren Vergehen als drastischer Akt des Ausschlusses aus dem Gottesvolk angewandt wird.
Mit dem Tod des Stephanus beginnt die Verfolgung von meist griechischen Gläubigen. Hier tut sich – erstmals mit seinem jüdischen Namen erwähnt – besonders Saulus hervor, ein strenggläubiger junger Pharisäer, der sich entschieden gegen das Christentum wendet, als es in Jerusalem bekannt wird, und der bei der Hinrichtung des Stephanus stillschweigend und damit billigend zugegen ist. Jahre später beruft Gott ausgerechnet diesen Mann, der sich nun Paulus nennen wird, zu einem Apostel des jungen Glaubens. Eine Ironie der Geschichte, durch die sich das Werk des Stephanus vollendet.
Bei der tödlichen Verfolgung, der sich die Gemeinden ausgesetzt sehen, ermöglichen die Märtyrer, die Schrecken der Gegenwart in Hoffnung auf einen zukünftigen Triumph zu verwandeln. Seit Mitte des zweiten Jahrhunderts werden Aufzeichnungen über Leid und Tod der Märtyrer in den Gottesdiensten verlesen. Ihr Blut, vermerkt der lateinische Kirchenschriftsteller Tertullian, ist der Same der Kirche.
Hans-Albrecht Pflästerer
