David
Gottes tolle Typen
Er sieht unverschämt gut aus. Ist eine der wenigen Gestalten überhaupt, die die Bibel beschreibt: rötlich blond, hat schöne Augen und eine beneidenswerte Figur. Ein Typ wie für den Film. Unwiderstehlich. Von großer sinnlicher und persönlicher Ausstrahlung. Nach so einem drehen sich nicht nur die Frauen um.
Als David, der junge Heißsporn aus Bethlehem, am Hof zu Gebeah erscheint, verliebt sich König Saul in ihn und macht ihn zu seinem persönlichen Schildträger. Schnell arbeitet er sich zu einem siegreichen Truppenführer hoch. Doch sind Erfolg und Beliebtheit ein guter Nährboden für Misstrauen und Feindseligkeit. So bricht David mit dem König und treibt das Kriegshandwerk auf eigene Faust weiter. Er sammelt allerlei gescheiterte und deshalb zu Abenteuern aufgelegte Elemente um sich, mit denen er im südlichsten Teil des judäischen Gebirges fernab von jeder staatlichen Ordnung das Leben eines Freibeuters führt. Er entwickelt sich zu einem erbarmungslosen militärischen und politischen Führer, der rund tausend Jahre vor Christus Kanaan erobert und in Jerusalem das Davidische Herrscherhaus begründet. In vierzig Regierungsjahren führt er Israel durch alle Wechselbäder von Krieg und Rebellion hindurch auf die Höhe seiner politischen Macht. Durch Siege über die Philister, Edomiter, Moabiter und Ammoniter im Süden und gegen die Kanaaniter im Norden festigt er das Reich. Er besetzt Damaskus und dehnt Israels Einflussgebiet im Osten bis zum Euphrat aus.
David ist eine der eindrucksvollsten Gestalten des Alten Testamentes. Ein großer Feldherr, dem es gelingt, alle Stämme zu einen und so ein Königreich zu schaffen, das die Nachbarvölker lange beherrschen wird. Mit seiner Macht wächst auch sein Reichtum.
Er ist ein Mann voller Widersprüche. So gegensätzliche Charakterzüge wie Musikalität und Draufgängertum eines Unbekümmerten prägen seine Jugend. Symbolisch dafür ist sein Kampf mit dem Riesen Goliath, den er mit einem einzigen glatten Stein treffsicher niederstreckt. Peter Galvocoressi beschreibt ihn als einen tief religiösen Menschen, der durch die Intensität der Gefühle seine Religion auch körperlich mit einer Leidenschaft und einer Überschwänglichkeit zum Ausdruck bringt, die an Erweckungsbewegungen oder tanzende Derwische erinnern.
Und David ist ein Künstler. Er singt, spielt mehrere Instrumente, tanzt. Die Klagelieder für Saul, den König, Jonathan, den Freund, und Absalom, den Sohn, sind von kräftiger Sprache und von tiefem Gefühl. Auch wenn er heute nicht mehr als Verfasser der Psalmen gilt, ist das Ansehen in seiner Umgebung groß genug, ihm solche Dichtung zuzutrauen. Als David beschließt, eine Volkszählung durchzuführen, ist dies ein Misstrauen gegen Gott und dessen Versprechen, das Volk zu vermehren. Zur Strafe lässt Gott ihm die Wahl zwischen drei Übeln: sieben Jahre Hungersnot, drei Monate Verfolgung durch seine Feinde oder drei Tage Pest.
David entscheidet sich für die Pest, was 70 000 Israeliten das Leben kostet. "Wie erstaunlich häufig der Fall, existiert in David neben dem grimmigen Krieger das Urbild eines Liebhabers von großer sinnlicher und persönlicher Anziehungskraft", stellt der Theologe Patrick M. Arnold fest. Er zeugt zahlreiche Söhne mit mehreren Frauen. Damit nicht genug. Als er die schöne Batseba baden sieht, knallen alle Sicherungen bei ihm durch. Er nimmt sie sich, brutal und rücksichtslos, und schickt ihren Mann Uria ganz nach vorn an die Front; in der Hoffnung, er möge fallen. Der fiese Plan geht auf. Die Form wird gewahrt und das Verbrechen vertuscht. Urias Frau wird Davids Frau. Aber für den Mord wird das Schwert in Davids eigener Familie seine Opfer suchen: Vier seiner Söhne kommen um."
Hans-Albrecht Pflästerer
