Elija
Gottes tolle Typen
Ein Leben wie ein Roman, und Elija, der Prophet, ist der Held. Er, Verfechter des jüdischen Glaubens gegen heidnische Religionen, taucht wie aus dem Nichts auf, faltet Ahab, den verstörten König von Israel, zusammen und verkündet ihm, dass es über Jahre hin nicht mehr regnen werde. Israel wendet sich von seinem Gott ab, so verdorrt und schmachtet die Natur. Die Dürre ist auch ein Bruch mit der kosmischen Ordnung. Elija zieht sich des Königs Zorn zu, flieht, wird selbst von Trockenheit und Hungersnot gequält, verbirgt sich an einem kleinen Nebenfluss des Jordans, wird wie im Märchen genährt und beschützt. Den Sohn einer Witwe betet er ins Leben zurück, die über vierhundert Priester des heidnischen Baal-Kultes, den er leidenschaftlich bekämpft, fordert er am Berg Karmel zum Wettstreit darüber heraus, wessen Gott einen Opferstier durch Feuer vom Himmel in Brand setzen würde. Wie sehr sie auch toben und rasen, Luftsprünge veranstalten, sich ekstatisch verrenken und selbst verstümmeln – die Baalspriester bewirken nichts. Der Gott Elijas hingegen, ohnehin ein Freund feuriger Signale, entflammt den Bullen unter Blitz und Donner.
Das ist wie ein göttliches Endspiel, das die dicke religiöse Luft reinigt, die seit langem über Israel liegt. Der erbetene Beweis der Stärke soll die Herzen des abtrünnigen Volkes wieder zu seinem Gott bekehren. Die Verehrer toter Götzen enden selbst im Tod: Elija lässt auch nicht einen entkommen.
Ein König kann furchtbar sein in seinem Zorn, furchtbarer noch sein rachsüchtiges Weib: ein Todesurteil für den Propheten, dem der nur durch Flucht in die Wüste entgehen kann. Erschöpft und ausgebrannt durch seinen Job – sein triumphaler Erfolg ist nicht von Dauer – legt er sich unter einem Wacholder nieder. Er mag nicht mehr, will nur noch sterben. Doch Gott scheucht ihn hoch zu einer heroischen Mission: Noch einmal kehrt Elija nach Israel zurück, erkämpft mit neuem Schwung den Ausgebeuteten Gerechtigkeit, kündigt dem König Strafe an und hängt seinem Nachfolger den Prophetenmantel um, Zeichen der Verantwortung. Dann verschwindet Elija in einem Wagen, der von feurigen Rossen gezogen wird, so schnell im Wirbelsturm, wie er einst auftauchte. Seine Geschichte ist eine Ermutigung für jene, denen alles zuviel wird und die sich in ihre Resignation verlieren könnten.
Elija lebt im neunten Jahrhundert vor Christus im Ostjordanland. Er gehört zu den herausragenden Prophetengestalten des Alten Testamentes. Und er ist der Urtyp eines wilden Mannes. Die Bibel steckt voller Geschichten über wilde Männer. Das lässt sich in den Erzählungen über Adam, Esau, Samson, Amos oder Johannes den Täufer nachlesen. Aber Elija ist der wildeste aller wilden Kerle. Taucht irgendwo aus der Wildnis auf und geht in ihr wieder unter.
Diese biblische Wildnis ist ein Ort der Prüfung und der göttlichen Offenbarung zugleich. Und obwohl sie ihren Propheten nährt, spürt der seine Verletzlichkeit und Nichtigkeit in jedem Augenblick. Vielleicht lebt solche Wildnis nirgendwo eindrücklicher als in diesem Naturburschen. Aber von der Sehnsucht nach Wildheit sind auch wir nicht frei: Unsere Fantasien begleiten Tarzan und Robinson Crusoe, Crocodile Dundee und den, der mit dem Wolf tanzt.
Hans-Albrecht Pflästerer
