Johannes von Patmos

Gottes tolle Typen

Patmos gehört zu den kleinen Inseln in der Ägäis vor der türkischen Küste, etwa 60 Kilometer von der einstigen Stadt Milet entfernt. Heimat auf Zeit für Johannes, eher unfreiwillig, denn er wird im Zuge einer Christenverfolgung durch die Römer in Kleinasien hier in Beugehaft gehalten. Vermutlich während der Regierungszeit des Kaisers Domitian im ersten Jahrhundert nach Christus. Domitian möchte selbst als Gott verehrt werden, da stören die Christen mit ihrem Glauben nur.

Johannes gehört zu den Sehern. In der Bibel treten Seher als Menschen auf, die in Form von Weissagungen, Abschiedsreden, Testamenten, Träumen und Visionen in reicher Bildersprache göttliche Geheimnisse verkünden. Sie können jene trösten, denen das Leben böse mitspielt, und jene beunruhigen, die sich im Alltag allzu behaglich eingerichtet haben. Ihre Visionen kreisen meist um zwei Bereiche kosmischer Bilder: kosmischer Katastrophen wie die in Finsternis verwandelte Sonne oder den in Blut verwandelten Mond einserseits und der kosmischen Erneuerung andererseits: den neuen Himmel und die neue Erde, den wieder entstandenen Garten Eden und den aufgehobenen Fluch. Die Zukunftsvisionen entspringen konkreten geschichtlichen Lagen und antworten auf geschichtlich bedingte Bedrängnisse. Sie zielen, wie uns die Stuttgarter Erklärungsbibel lehrt, auf "die Überwindung aller gottfeindlichen Mächte und die Vollendung der Schöpfung im ewigen Gottesreich der Liebe und des Friedens".

Was Johannes sieht, verdichtet sich zum letzten Buch des Neuen Testamentes: der Offenbarung. Es will die in den beginnenden Verfolgungen bedrängten Gläubigen durch den Ausblick auf die Wiederkehr Christi trösten und sie zugleich auf die Greuel vorbereiten, die diesem Ereignis vorausgehen. Unverrückbar steht dabei diese Zusage: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen" (Offenbarung 21,4).
Johannes ist in der frühen Kirche ein häufiger Name. So wird denn später auch immer wieder spekuliert, welcher der Verfasser der Offenbarung sein könnte. Vielleicht doch jener Wanderprediger, der die sieben Gemeinden in der Provinz, an die er schreibt, zuvor besucht hat: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea? Vielleicht jene ganz eigene Persönlichkeit der Urkirche, von der wir heute nur noch die Niederschriften kennen? Jedenfalls verliert sich ihre Spur.

Bisweilen entschlüsseln sich die Bilder des Sehers nur schwer. Weshalb der französische Schriftsteller André Gide auch boshaft spottet, die Visionen des Johannes seien wohl darauf zurückzuführen, dass er auf Patmos ein Buch gegessen habe – selbst Ratten bekämen von Büchern Verdauungsprobleme.
Hans-Albrecht Pflästerer



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