Jona

Gottes tolle Typen

Jona wird vom Fisch an Land gesetzt

Ein Held ist er nicht gerade. Aber so einen Job sucht man sich ja auch nicht aus. Wer geht schon willig in eine fremde, große Stadt, wenn er ziemlich sicher sein darf, dass er dort höchst unfreundlich empfangen wird? Jona heißt der Mann. Das bedeutet Taube und bezeichnet verschiedentlich im Alten Testament einen einfältigen, leicht zu betörenden und ängstlichen Vogel. Ninive heißt die Stadt. Am Oberlauf des Tigris gelegen, letzte Hauptstadt Assyriens vor dem Untergang. Von 120 000 Bewohnern ist die Rede, Symbolzahl für eine riesige Menge. Die Assyrer: eine über Jahrhunderte hin alles und alle beherrschende Großmacht, berüchtigt für ihre rücksichts- und erbarmungslose Machtpolitik.

Ninive ist Sinnbild für eine großmächtige, gottlose Weltstadt; für Israel der Inbegriff von Bosheit und Gottferne, die das Gottesvolk in seiner Existenz wie in seinem Glauben bedroht. Da ist eine Strafpredigt fällig. Und Jona soll sie halten. Kleiner Mann, was nun? Der ängstliche Vogel macht die Fliege. Sucht sich ein Schiff und setzt sich ab – in Gegenrichtung mit der phönizischen Handelssiedlung Tarsis im südwestlichen Spanien als Ziel, dem Ende der damals bekannten Welt.

Aber Gott, so lehrt das Wundermärchen, narrt man nicht. Der schickt ein Unwetter, das die Schiffsleute um ihren Kahn zittern lässt. Sie werfen erst die Ladung über Bord und dann – nachdem sie Jona durch das Los als Sündenbock ausgemacht haben, ein im Altertum übliches Verfahren – den fremden Passagier hinterher. Das Meer beruhigt sich. Mann unter? Aber nein. Ein großer Fisch – von einem Wal ist nicht die Rede – schluckt den kneifenden Propheten und spuckt ihn nach drei Tagen wieder ans Land. "Der Bauch des Fisches”, schreibt der Theologe Heinz Zahrnt, "symbolisiert die Unterwelt. Tiefste Erfahrungen der Menschheitsgeschichte tun sich hier auf. Das Verschlungen- und Ausgespucktwerden durch den Fisch drückt aus, was in Jonas Seele vorgeht. Die ausweglose Verlassenheit wird zum Ort der Wiedergeburt: durch Tod zu neuem Leben.”

Wundersame Rettung. Das stimmt dankbar. Und so zickt Jona auch nicht wieder, als Gott ihn zum zweiten Mal Richtung Ninive in Marsch setzt. So knapp wie lieblos predigt er der Metropole den Untergang innerhalb der nächsten vierzig Tage. Das ist freilich auch eine Gnadenfrist mit der Chance zur Besinnung. Doch die Einwohner, der König voran, fasten, hüllen sich in Sack und Asche und zeigen Reue, so dass Gott sie verschont. Was den Propheten auch wieder wurmt, hat er sich doch extra am Stadtrand eine Hütte gezimmert, um das makabre Schauspiel verfolgen zu können. Was gilt zukünftig auch ein Prophet, der mit seinen Drohungen derart daneben liegt?

Anders als die anderen Prophetenbücher ist Jona keine Sammlung von Prophetenworten, sondern die Erzählung eines bemerkenswerten Ereignisses aus dem Leben eines Propheten und vielleicht "die erste Kurzgeschichte der Weltliteratur” (Peter Calvocoressi), eine Dreiecksgeschichte zwischen Gott, Jona und Ninive. An ihrem Ende versöhnt sich Jona mit Gottes Entschluss, die Stadt und ihre Einwohner zu verschonen. Er begreift, dass auch Heiden Menschen sind. Und dass Tote nicht mehr beten lernen.

Hans-Albrecht Plästerer



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