Judas
Gottes tolle Typen
Man weiß nicht allzu viel von ihm. Und doch ist er wohl der bekannteste unter allen Verrätern dieser Erde. Judas aus Kerijot, einem Ort in Judäa. Er gehört zusammen mit elf anderen Männern zu einer Kerngruppe von zwölf Jüngern, die Jesus von Nazareth aus einer größeren Gefolgschaft auswählt.
Menschen mit Wissen und Ausstrahlung ziehen häufig Schüler an, die sich ihrer Autorität unterstellen. Und jemanden wie Jesus bei seinen Wanderungen begleiten. Die Jünger sind fähig, zu heilen, Dämonen auszutreiben und die Botschaft Jesu einer größeren Hörerschaft zu übermitteln. Sie bekennen ihren Glauben und sind ihrem Meister treu ergeben, aber sie verleugnen und verlassen ihn auch.
Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Mensch einen anderen verrät und ihn damit ausliefert. Rache ist allemal ein Motiv. Geld kann eine Rolle spielen. Enttäuschung über ein unerwartetes Verhalten und über unerfüllte Hoffnungen kann Anlass für den Treuebruch sein.
Judas hat ein labiles Verhältnis zum Geld. Veruntreut schon mal die Kasse. Auch wird er als habgierig beschrieben. Vorsorglich erkundigt er sich bei den Hohen Priestern, was ihnen ein Verrat wert sei. Da sind dreißig Silberstücke - ein Betrag, den jemand als Entschädigung erhält, wenn sein Sklave versehentlich getötet wurde - durchaus eine Versuchung. Oder treibt ihn doch der Frust darüber, dass Jesus sich nicht zum Anführer eines Aufstandes macht, wie manche es erhofft hatten? Jedenfalls liefert Judas als Agent der Hohen Priester Jesus an jene aus, die ihn für gefährlich halten. Die Bibel spekuliert, dass auch der Teufel im Spiel sein könnte. Das Motiv bleibt schließlich im Dunkeln.
Nach dem letzten Abendmahl, bei dem Jesus Judas auf den Kopf zusagt, dass er ihn verraten werde, zieht er mit elf seiner Jünger in den Garten Gethsemane, einem Ort am Ölberg. Der ist auch Judas vertraut. Er wird von bewaffneten Männern begleitet, vermutlich Mitgliedern der Tempelwache, die Jesus auf Weisung der Behörden verhaften sollen. Der Akt des Verrats war zuvor besprochen worden: Judas geht auf Jesus zu und gibt ihm einen Kuss. Jesus wird - nach tumultartigen Szenen - verhaftet. Der Prozess endet mit seiner Kreuzigung. Wahrscheinlich hat Judas die Folgen seines Verrats gar nicht übersehen und nicht begriffen, dass er Jesus das Leben kosten würde.
Über sein eigenes Ende gibt es unterschiedliche Darstellungen. Beide sind gleichermaßen grausig. Nach der einen Schilderung bereut Judas seine Tat. Er gibt den Priestern das Geld zurück und erhängt sich an einem Baum. Nach der anderen stürzt er zu Tode: Sein Leib platzt auf, und seine Eingeweide treten heraus.
Die Gestalt des Judas regt Maler und Literaten immer wieder an. Rembrandt zeigt ihn, wie er seine Silberstücke wegwirft. Dante Alighieri lässt den Mann aus Kerijot zusammen mit anderen Verrätern in Satans Maul im untersten Kreis der Hölle schmachten. Einer Legende zufolge darf er einmal im Jahr für eine Nacht die Hölle verlassen, um sich an einem Eisberg abzukühlen.
Übrigens: Im Englischen hat der als Guckloch in die Tür eingelassene Spion einen Namen: Judas.
Hans-Albrecht Pflästerer
