Philemon

Gottes tolle Typen

Ein Sklave ist ein Mensch, der sich in totaler persönlicher Abhängigkeit befindet. Er gehört nicht sich selbst, sondern anderen. Er ist Eigentum seines Herrn. Und dem Recht nach ist er gar kein Mensch, sondern eine Sache.

Auch wenn es heute gewöhnungsbedürftig ist: Sklaverei ist in der gesamten alten Welt gang und gäbe. In vielfältigen Formen und unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Im Römischen Reich spielt sie eine wesentliche Rolle, und in den großen Städten rund ums Mittelmeer ist vermutlich ein Drittel der Bevölkerung versklavt. Sklaverei gilt in der Antike zwar weder als unmoralisch noch als entwürdigend, doch finden Sklaven sich auf der gesellschaftlichen Leiter ganz unten. Gleichwohl sind manche hochgebildet und arbeiten in der Erziehung, andere sind führend in Verwaltung und Handel, arbeiten auf Schiffen, Bauernhöfen, bauen Straßen oder schuften in Bergwerken. Der Weg in die Sklaverei ist oft der letzte Ausweg aus der Verschuldung – man verkauft sich selbst. Und verarmte Eltern verkaufen schon mal ihre Kinder. Geraten Mädchen in Fremdherrschaft, machen ihre Herren oder deren Söhne sie gern zu Konkubinen, dennoch kennt das Alte Testament für sie besondere Schutzbestimmungen. "Jeder Sklave betet um seine sofortige Freilassung", weiß der griechische Philosoph Epiktet. Findet er einen dankbaren Herrn, mag das Gebet erhört werden, und er wird selbstständig. Manch einer zieht jedoch die freiwillige Knechtschaft vor und lässt sich zum Zeichen dessen ein Ohr durchstechen. Die Mode unserer Tage hat antike Vorläufer.

Dass auch Christen Sklaven halten, liest sich in den Briefen des Apostels Paulus ganz selbstverständlich und unumstritten. Einer ist Philemon, der unter dem Einfluss des Apostels und seiner Verkündigung zum christlichen Glauben findet. Mit seiner Familie ist er wohl in oder bei Kolossä zu Hause. Er gebietet über Onesimus, eigentlich "der Nützliche", doch der fügt seinem Herrn irgendeinen Schaden zu – möglicherweise hat er Geld veruntreut – und flieht aus Furcht vor Bestrafung. Vermutlich nach Ephesus. Aber das bleibt genauso unklar wie die Frage, ob Onesimus Paulus als einflussreichen Freund Philemons aufsucht und um Vermittlung bittet, oder ob er eher zufällig auf die Leute des Paulus trifft. Paulus selbst ist offenbar inhaftiert, aber nicht kaserniert. In der Begegnung mit ihm wird Onesimus Christ.

Mit einem Empfehlungsschreiben schickt Paulus den entflohenen Sklaven zu Philemon zurück. Darin bittet er um Vergebung und dessen freundliche Wiederaufnahme. Er unterstützt dies Ansinnen, indem er sich verpflichtet, für eventuell entstandenen materiellen Schaden aufzukommen. Er lässt Onesimus freilich nur widerwillig ziehen und hätte ihn am liebsten gleich bei sich behalten, um ihm bei seiner missionarischen Arbeit behilflich zu, will Philemon aber nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Es ist wahrscheinlich, wenn auch nicht verbrieft, dass Philemon der Bitte des Paulus willfährt. Und es bleibt auch offen, ob Onesimus damit seine Freiheit erlangt. Dennoch wird, daran erinnert das Lexikon "Die Menschen der Bibel", der Brief des Paulus an Philemon oft als "Meisterwerk einer sanften Überredungskunst" gepriesen.
Hans-Albrecht Pflästerer



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