Salomo
Gottes tolle Typen
Könige haben keine Konjunktur. Sie sind megaout. Jedenfalls bei uns. Wir trauern ihrer Aura souveräner Macht oder ihrer Atmosphäre feudaler Herrlichkeit nicht nach. Tyrannen, die nur dann gut drauf sind, wenn sie Gewalt über andere gewinnen, sie schikanieren oder quälen, sind uns ein Gräuel. Unsere demokratische Gesinnung mag keine majestätische Brillanz. Oft genug machen sich die königlichen Hoheiten durch ihr spleeniges Gehabe und ihre Skandale ja auch zum Gespött. Allenfalls taugen sie noch zum Stoff, aus dem Märchen, Romane und Filme sind.
Auch die Menschen im alten Israel machen mit ihren Königen keineswegs nur gute Erfahrungen. Sie sind gebrannte Kinder. Die Narben aus der Pharaonenzeit in Ägypten, als Mose und Co. sich schinden und schuften mussten, schmerzen noch. Und auf Herrscher, die ihre Privatsphäre ausspionieren, Steuern eintreiben, Söhne einziehen und Töchter versklaven, die über Hab und Gut der Untertanen verfügen und sich willkürlich nehmen, was sie brauchen, können sie gern verzichten. Lang ist die Liste jener Könige, die sich um die Ermahnungen der Propheten einen Dreck scheren, Land und Volk ins Verderben treiben.
Salomo, der Sohn Davids, der im zehnten Jahrhundert vor Christus lebt, ist so etwas wie ein Gegenmodell. Zu Beginn seiner Regierungszeit fordert Gott ihn in einem Traum auf, eine Bitte zu äußern, die ihm gewährt werden soll. Das ist wie ein Blankoscheck. Der junge König bittet nicht etwa um politische Macht, finanzielle Mittel oder militärische Überlegenheit, sondern um Weisheit, um das Volk gerecht zu regieren. Das trifft sich gut. Bringt uns das Alte Testament doch die Weisheit als Gottes Liebling nahe.Die Wahl gefällt Gott so sehr, dass er noch ein langes Leben und Wohlstand dazu schenkt.
Weisheit und Reichtum Salomos werden denn auch sprichwörtlich. Seine Weitsicht belegt eine längst klassische Geschichte, ein beispielhafter Rechtsfall: Einmal führt man ihm zwei Dirnen zu. Beide leben im gleichen Haus, beide haben ein Kind geboren, doch nur eines überlebt. Nun behauptet jede, dessen Mutter zu sein. Der listige König will das Baby zerstückeln und jeder eine Hälfte geben. Indem eine der beiden verzichtet, um das junge Leben zu retten, outet sie sich als wahre Mutter. Sie erhält das Kind ein salomonisches Urteil.
Salomo lässt einen gewaltigen und prächtigen Tempel errichten und eine respektable Flotte bauen. Und auch der Liebe frönt er in großem Stil: Außergewöhnlich sind Sexualität, Erotik und Fruchtbarkeit.
Mag man die Zahl von 700 Frauen und 300 Konkubinen auch nicht ganz wörtlich nehmen, so ist sein legendärer Ruf als Liebhaber Grund genug, Salomo ein außergewöhnliches Buch der erotischen Liebesdichtung zuzuschreiben: das Hohelied. Ein Werk voller sinnlicher Liebeslieder. Manchen missfällt die unverhüllte Sexualität, und so verkürzen sie die Texte gern zu einem Gleichnis der Liebe Gottes zu seinem Volk oder der Liebe Christi zur Kirche. Doch damit lässt sich die Huldigung an Lust und Leid der erotischen Liebe nicht leugnen.
Hans-Albrecht Pflästerer
