Newsletter
Newsletter Dezember 2006
Newsletter Interkulturelle Woche, Dezember 20061. Editorial
2. Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2007: 2. und 3. Februar in Augsburg
3. Neues Motto für 2007: Teilhaben - Teil werden!
4. Eine Auswahl guter Beispiele aus der Interkulturellen Woche 2006
5. Positionen der Kirchen zu aktuellen Fragen: Thema Bleiberecht
6. Impressum
1. Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, Ihnen heute die erste Ausgabe unseres "Newsletters Interkulturelle Woche" zusenden zu können. Er wird in Zukunft drei- bis viermal jährlich erscheinen und will über Aktuelles zur Interkulturellen Woche informieren. Gleichzeitig möchten wir regelmäßig "gute Beispiele" der zu-rückliegenden Interkulturellen Woche aufgreifen und sie hier darstellen oder sie auf unserer Ho-mepage unter der Rubrik "Good Practice" aufnehmen. Da unsere Homepage derzeit überarbeitet wird, stehen diese Berichte ab Februar 2007 im Netz bereit.
Bei uns geht jährlich eine Vielzahl von Programmen zur Interkulturellen Woche ein, aus denen deutlich wird, wie kreativ Veranstaltungen, Aktionen und Gottesdienste vor Ort geplant und durch-geführt werden. Diesen Schatz an Ideen weiter zu geben, damit sie vielleicht auch andernorts auf-gegriffen werden und dort zu einem eigenen Beitrag zur Interkulturellen Woche werden, ist unser Anliegen.
Ebenso wichtig ist uns, noch besser sichtbar zu machen, dass das Engagement für die Gestaltung des Miteinanders von Einheimischen und Zugewanderten sehr vielfältig und umfangreich ist. In diesem Jahr beteiligten sich mehr als 200 Städte und Gemeinden an der Interkulturellen Woche und es wurden mehr als 3.000 Veranstaltungen bundesweit durchgeführt. An den örtlichen Vorbe-reitungen sind in manchen Städten bis zu 80 Kirchengemeinden, Organisationen und Initiativgrup-pen beteiligt. Das wirkt sich auch auf die Berichterstattung in den regionalen und überregionalen Zeitungen aus. In diesem Jahr konnten wir rund 800 Meldungen und Berichte über Eröffnungsver-anstaltungen, Kulturprogramme, Podiumsdiskussionen sowie Feste und Gottesdienste in den Städten und Gemeinden zählen; hinzu kommen Agenturmeldungen sowie Radio- und Fernsehbei-träge.
Wir möchten Sie einladen, uns über Ihre Aktionen, Projekte, Veranstaltungen oder Gottesdienste, die Sie in der Interkulturellen Woche 2006 organisiert haben, zu informieren. Senden Sie uns Ihre Texte und Fotos zu, wir werden eine Auswahl davon in diesem Newsletter, unserem Internetauftritt oder im Materialheft zur Interkulturellen Woche 2007 veröffentlichen. Gleichzeitig möchten wir uns an dieser Stelle bei denen bedanken, die uns bereits ihre Texten und Bilder zugeschickt haben.
Wir bedanken uns auch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das die Herausgabe die-ses Newsletters finanziell ermöglicht.
Mit den besten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2007
Ihre
Jutta Janzen
2. Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2007:
2. und 3. Februar in Augsburg
"Teilhaben - Teil werden!" ist der Titel der Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2007. Zur Diskussion stehen dabei Fragen rund um Chancengleichheit und Partizipation von Migrantin-nen und Migranten sowie Flüchtlingen. Nach einer inhaltlichen Einführung können die Teilneh-menden gemeinsam mit Expertinnen und Experten in sieben Arbeitgruppen beleuchten, wie weit es mit der Chancengleichheit in verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Bereichen her ist: Welche Erfahrungen gibt es aus Schule, Ausbildung und Beruf? Welche Maßnahmen wirken Diskriminierung entgegen? Wie können sich Religionsgemeinschaften in die Gesellschaft einbrin-gen? Wie steht es um das Einbürgerungsrecht und um den Familiennachzug? Wie geht es weiter nach der Bleiberechtsentscheidung durch die Innenminister? Und: Welche Perspektive haben Menschen ohne Papiere?
Abends findet ein Ökumenisches Abendgebet statt und danach lädt Oberbürgermeister Dr. Paul Wengert zum Empfang in den Goldenen Saal der Stadt Augsburg ein. Ab 20 Uhr stellen Armin Laschet, Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen und Cem Özdemir, MdEP, Bündnis90/Die Grünen, aus ihrer Perspektive die Herausforderungen im Zeichen des Europäischen Jahres der Chancengleichheit dar und diskutieren sie mit dem Publikum.
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Dr. Maria Böhmer, wird am Samstagmor-gen über den aktuellen Stand des nationalen Integrationsplans berichten und stellt sich dann den Erwartungen der Zivilgesellschaft. Am Ende der Tagung steht ein Ausblick auf die Interkulturelle Woche 2007.
Das vollständige Programm der Tagung sowie ein Anmeldeformular stehen unter www.interkulturellewoche.de zum Download bereit. Anmeldungen sind auch per eMail möglich unter info@interkulturellewoche.de oder per Fax unter 069 /230 650.
3. Neues Motto für 2007: Teilhaben - Teil werden!
Die Interkulturelle Woche 2007 findet vom 23. bis 29. September statt und steht unter dem Motto "Teilhaben - Teil werden!". Sie widmet sich dem Engagement für mehr Chancengleichheit und Partizipation für Migrantinnen, Migranten und Flüchtlinge. Die "Woche" bettet sich damit in das Europäische Jahr der Chancengleichheit ein.
4. Eine Auswahl guter Beispiele aus der Interkulturellen Woche 2006
- nachmachen erwünscht!
Wie Deutsche leben - ein interkulturelles Literaturprojekt in Kassel
Menschen mit Migrationshintergrund waren eingeladen, ihre Eindrücke von der deutschen Bevöl-kerung zu schildern. Die Leitfragen lauteten: Was fällt Ihnen auf? Was ist gut oder schlecht? Was ist den Deutschen wichtig? Was ist komisch oder lustig? Wie leben Frauen, Männer, Alte, Kinder? Die Textform der Beiträge war den Autoren frei gestellt: ob Lyrik, Kurzgeschichte, Alltagsbeobach-tung oder Polemik und Glosse - jedes "Werk" war willkommen. Unter den zahlreichen Einsendun-gen wurden die Preisträgerinnen und Preisträger ausgelost, auf die ein Gewinn von 100 # wartete. Einzelne Texte werden nun im Rahmen einer Lesereise präsentiert, eine Auswahl soll in Buchform erscheinen.
Infos: Werkstatt Kassel e.V., Friedrich-Ebert-Straße 176, 34119 Kassel,
eMail info@werstatt-kassel.de, www.werkstatt-kassel.de
"Botschafter der Toleranz" 2006: Pfarrer José Antonio Arzoz Martinez, Bonn
Seit fast 40 Jahren arbeitet der spanische Pfarrer José Antonio Arzoz Martinez als Seelsorger in Deutschland und hat vielen spanischen Einwanderern beim Einleben geholfen. Inzwischen koordi-niert er die gesamte Seelsorge der spanisch sprechenden Katholiken in Deutschland. Darüber hinaus engagiert er sich seit vielen Jahren für die "Interkulturelle Woche" und hat zwei beispielhaf-te Integrationsprojekte initiiert: das Seniorenprojekt iA dentro! und die spanischen Elternvereine, die bei den Eltern von Migrantenkindern für eine gute Ausbildung werben.
Das Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt verlieh diesen Preis in diesem Jahr zum 6. Mal. Ausgezeichnet wurden insgesamt vier Projekte und Einzelpersonen, die sich ideenreich und engagiert gegen Ausländerfeindlichkeit und Ausgrenzung sowie für kultu-relle Vielfalt eingesetzt haben. Der Preis, der in Höhe von 5.000 # dotiert ist, wurde von Innenmi-nister Dr. Wolfgang Schäuble und dem Parlamentarischen Staatssekretär bei der Bundesministerin der Justiz, Alfred Hartenbach, übereicht.
Besuch des Polizeireviers Bernburg - eine Veranstaltung für Migrantinnen und Migranten
Die Idee hinter diesem Projekt ist, Zuwanderern eine Einführung in die Grundlagen des deutschen Rechtssystems zu geben und gegenseitige Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Diese Veranstaltung fand schon seit geraumer Zeit in Kooperation mit der örtlichen Volkshochschule statt unter dem Titel "In Deutschland angekommen - Grundwissen zur Strafbarkeit in Deutschland" und wurde nun erstmals im Rahmen der Interkulturellen Woche angeboten. Dass diese Veranstaltung ein Erfolg war, spiegelte sich auch in dem großen Interesse wider: an dem ausgeschriebenen Termin nahmen drei Gruppen mit je 20 bis 25 Personen teil.
Bernd Kirsch, Sachbearbeiter für Prävention im Polizeirevier Bernburg, erläuterte dem Publikum zunächst die Situation der Polizei im Landkreis und wie sich Kriminalitäts- und Verkehrsunfallraten im Landkreis entwickelt haben. Er gab Hinweise darauf, wie man beispielsweise Einbrüchen, Ta-schendiebstählen etc. vorbeugen kann und auch die Frage, wie sich Straffälligkeit vermeiden lässt, war wichtiger Bestandteil dieser Veranstaltung. Der anschließende Rundgang durch die Fachabtei-lungen wurde von den Teilnehmern intensiv genutzt, um Fragen zu stellen und ihre Anliegen an die Polizei vorzubringen. Sowohl die Mitarbeiter der Polizei als auch die Teilnehmenden finden die Veranstaltungen immer wieder sehr lohnend, nicht zuletzt unter dem Motto "Miteinander Zusam-menleben gestalten".
Infos: Bernd Kirsch, Polizeirevier Bernburg, Sachbearbeiter Prävention,
eMail bernd.kirsch@de.pol.lsa-net.de
Miteinander Hand in Hand - Interkulturelle Woche 2006 in Bad Säckingen
"Miteinander Zusammenleben gestalten - Es liegt in deiner Hand" so lautete das Motto der Inter-kulturellen Woche in Bad Säckingen. Als symbolisches Zeichen, dass die Menschen, egal woher sie kommen, einander eigentlich sehr ähnlich sind, durften Kinder mit Fingerfarben Handabdrücke auf große Leinwände machen. Der Aha-Effekt kam beim Publikum sehr gut an. Denn bei dem Kunstwerk aus vielen bunten Kinderhänden war nicht mehr sichtbar, ob ein türkisches, italieni-sches, ghanaisches, vietnamesisches oder deutsches Kind sein Zeichen hinterlassen hat.
Interreligiöser Stadtführer - Wege durch Konstanz
Gemeinsam mit ihrem Religionslehrer erkundeten Elftklässler des Konstanzer Ellenrieder-Gymnasiums im vergangenen Schuljahr die Religionen ihrer Stadt. Sie lernten nicht nur aus dem Schulbuch, sondern auch bei Besuchen in den Gemeinden und in Gesprächen mit Gästen. Ihre Erfahrungen haben die Schüler in einem "interreligiösen Stadtführer" zusammengefasst.
"Das ging unter die Haut und nicht nur in den Kopf" fasst Religionslehrer Peter Hipp seine Eindrü-cke zusammen. Nicht nur Judentum, Islam und Buddhismus waren den Schülern fremd, sondern auch ein katholischer Ostergottesdienst kam manch einem wie eine Reise ins Unbekannte vor.
Das Wissen über Religionen sei von "elementarer Bedeutung" für das Zusammenleben von Men-schen aus verschiedenen Kulturkreisen, heißt es im Vorwort des Stadtführers. Der Stadtführer informiert ausführlich über die Grundlagen der Religionen, über die Entwicklungen der Gemeinden in der Stadt und die persönlichen Eindrücke der Schüler bei ihren Besuchen. Er richtet sich an Schüler, religiös Interessierte, aber auch Touristen, die Einblick in die religiöse Vielfalt der Stadt gewinnen wollen.
Infos: Peter Hipp, Ellenrieder-Gymnasium, Braunneggerstraße 29, 78462 Konstanz
Wanderausstellung "Du bist wertvoll!"
Die Ausstellung zeigt Fotos von Zuwanderinnen und Zuwanderern aus der Stadt Cottbus und dem Landkreis Spree-Neiße und gewährt dem Betrachter Einblicke in einen Ausschnitt ihrer Lebens-welt. Die Portraits der Männer und Frauen, Jungen und Alten mit Wurzeln in verschiedensten Län-dern sind im Kontext von Arbeit, Wohnen und Kultur entstanden. Sie lassen Schicksale, Träume und Wünsche erahnen und machen neugierig auf die Menschen, die sich hinter diesen Bildern verbergen. Die Ausstellung kann ausgeliehen werden beim Migrationsfachdienst Cottbus/Spree-Neiße. Denkbar ist jedoch auch, eine eigene Ausstellung als Projekt in anderen Städten in ähnli-cher Weise selbst zu erstellen.
Infos: Migrationsfachdienst Cottbus/Spree-Neiße Feldstraße 24, 03044 Cottbus,
Telefon / Fax 0355 / 4 88 99 88
5. Positionen der Kirchen zu aktuellen Fragen: Thema Bleiberecht
EKD-Ratsvorsitzender Huber hält Bleiberechtsregelung für unzureichend
"Innenministerkonferenz hat Forderung der Kirchen nach humanitärem Bleiberecht nicht berücksichtigt" (Berlin, 20. November 2006)
Die von den Innenministern und -senatoren in der vergangenen Woche beschlossene Bleibe-rechtsregelung ist aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unzureichend. "Zwar gibt es für einen kleinen Personenkreis ein sofortiges Bleiberecht, aber nur ein Bruchteil der Betrof-fenen wird von dieser Regelung profitieren", kritisierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, am Montag in Berlin. Eine Aufenthaltsgenehmigung würden ausschließlich Ge-duldete erhalten, die zum jetzigen Zeitpunkt in einem dauerhaften Beschäftigungsverhältnis stün-den. "Einen Arbeitsplatz konnten bisher aber nur wenige von ihnen finden, denn nach geltender Rechtslage dürfen sie eine Arbeit nur dann aufnehmen, wenn sich kein Deutscher oder zu bevor-zugender Ausländer - beispielsweise ein Bürger eines EU-Mitgliedstaates - dafür interessiert", sag-te Huber. Er kündigte an, dass sich die EKD dafür einsetzen werde, dass ein humanitäres Bleibe-recht auf Bundesebene gefunden werde.
Hinter den Erwartungen der evangelischen Kirche bleibe auch der Beschluss für arbeitslose Ge-duldete zurück. Zwar werde ihr Duldungsstatus bis zum 30. September 2007 verlängert, damit sie sich in diesem Zeitraum um Arbeit bemühen könnten. Bei Fortgeltung der Vorrangregelung seien die Erfolgsaussichten für die Betroffenen allerdings nicht besser als vor Verabschiedung der Blei-berechtsregelung. Besonders wies Huber auf die Lage von Geduldeten hin, die in strukturschwa-chen Gegenden leben und diese aufgrund der Residenzpflicht nicht verlassen dürfen.
"Wir begrüßen es ausdrücklich, dass irakische Staatsangehörige nicht pauschal von einer Bleibe-rechtsregelung ausgeschlossen werden sollen", betonte Bischof Huber. Insgesamt seien die An-forderungen an die Betroffenen allerdings zu hoch, und die Gründe, Menschen von der Regelung auszuschließen, "deutlich zu restriktiv". Damit sei die Forderung der Kirchen nach einem humanitä-ren Bleiberecht nicht erfüllt. Es sei beispielsweise unzumutbar, dass alte, kranke und pflegebedürf-tige Menschen nur dann in Deutschland bleiben dürften, wenn sie ihren Lebensunterhalt ein-schließlich ihrer Pflege ohne Unterstützung durch die öffentliche Hand bestreiten können. "Das ist weder gerecht noch human", sagte Huber. Auch Familien insgesamt wegen Straffälligkeit nur eines Familienmitglieds das Bleiberecht zu verweigern, sei kritikwürdig. Hier hatten die Kirchen gefordert, das Kindeswohl vorrangig zu berücksichtigen. Ein weiteres Manko des Beschlusses ist nach An-sicht des Ratsvorsitzenden die Tatsache, dass keine Ausnahmeregelung für junge Erwachsene vorgesehen ist, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland eingereist sind.
In den kommenden Wochen wird die große Koalition im Bundestag eine gesetzliche Bleiberechts-regelung formulieren. Huber kündigte an, dass die evangelische Kirche diesen Prozess aufmerk-sam begleiten werde. Er warnte erneut nachdrücklich davor, eine humanitäre Bleiberechtsregelung als Verhandlungsmasse zu missbrauchen und im Gegenzug Verschärfungen im Aufenthaltsgesetz - etwa beim Familiennachzug und bei Regelungen zum Leistungsbezug für Geduldete - durchzu-setzen.
Weihbischof Josef Voß: Bleiberecht - Beschluss der Innenminister "enttäuschend"
(Münster, 12. Dezember 2006)
Als "enttäuschend" hat Weihbischof Josef Voß den Beschluss der Innenminister der Länder zum Bleiberecht für langjährig geduldete Flüchtlinge bewertet. Die humanitären Aspekte seien "insge-samt nur unzureichend berücksichtigt". Der Beschluss bleibe weit hinter den "berechtigten Erwar-tungen" der Kirchen zurück, kritisiert Weihbischof Josef Voß aus Münster, der Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz ist. Die jetzt getroffene Reglung greife ein seit Jahren drängendes Problem "endlich" auf, sie könne aber nur ein erster Schritt sein: "Ent-scheidende Probleme bleiben offen", meinte Voß, nach einer Mitteilung der Bischöflichen Presse-stelle vom Dienstag, 12.12.06.
"Nicht nachvollziehbar"
Weihbischof Voß kritisiert insbesondere die direkte Kopplung des Bleiberechtes an ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis. Dies werde der Realität nicht gerecht: "Die Bedingung können nicht einmal alle deutschen Bürger erfüllen." Die von den Innenministern gesetzte Frist für den Nach-weis eines Arbeitsplatzes bis September 2007 sei unrealistisch und zu kurz bemessen. Einen Wi-derspruch sieht Voß darin, dass in der Zuwanderungspolitik einerseits vom "Kampf um die besten Köpfe" gesprochen werde, aber andererseits langjährig Geduldete abgeschoben würden, die nachweislich ihre Bereitschaft zur Integration gezeigt hätten und deren Kinder in der Schule zum Teil beste Abschlüsse vorweisen könnten. "Das ist nicht mehr nachvollziehbar und nicht vermittel-bar", erklärte der Weihbischof. Unrealistisch sei auch, dass behinderte oder kranke Menschen ih-ren Lebensunterhalt dauerhaft und vollständig allein bestreiten könnten. Hier müssten angemes-sene Ausnahmeregelungen gefunden werden.
Gerechte Lösungen
Der "Migrationsbischof" der Bischofskonferenz erkennt an, dass der Innenministerbeschluss der Situation ausländischer Staatsangehöriger Rechnung trägt, die ein oder mehrere minderjährige Kinder haben, welche Kindergarten oder Schule besuchen und seit sechs Jahren in Deutschland leben. Mit diesen Grenzen müsse aber flexibel umgegangen werden, fordert Voß. Zu starre Gren-zen bei der erforderlichen Aufenthaltsdauer verhinderten
gerechte Lösungen. Es könne nicht angehen, dass es sich in einem demokratischen, sozialen Rechtsstaat nachteilig auswirke, wenn Betroffenen in ihrem Asylverfahren die vorgesehenen Rechtsmittel ausschöpfen. Die zentrale Sorge der Kirche, die "nicht zur Disposition steht", gelte dem Schutz von Ehe und Familie. Familien bräuchten eine Lebensperspektive. Deswegen dürften nicht ganze Familien vom Bleiberecht ausgeschlossen werden, wenn ein einzelnes Familienmit-glied wegen Straffälligkeit nicht in den Genuss der Regelung komme.
Nicht nur Nützlichkeitserwägungen
Voß warnt davor, Entscheidungen nur nach Nützlichkeitserwägungen zu treffen, so dass die Be-troffenen aus dem Blick gerieten. Gerade bei Menschen, die lange in Deutschland lebten, deren Kinder hier geboren seien und aufwüchsen, die sich in diesem Land integrieren wollten und hier ihre Heimat hätten, müsse man fragen: "Darf man ihnen eine Abschiebung in eine völlig unsichere Zukunft zumuten?" Erfahrungen aus den Gemeinden vor Ort zeigten, dass "die Abschiebepraxis bei langjährig Geduldeten eine Grenze erreicht, die menschlich nicht mehr zumutbar ist", kritisiert Voß, der Regionalbischof für die Region Coesfeld-Recklinghausen ist. Wer sich auf das christliche Menschenbild berufe, dürfe die Frage nicht ausklammern, was denn dem Menschen zugemutet werden könne: "Das Gesetz ist für den Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz."
6. Impressum
Ökumenischer Vorbereitungsausschuss, Postfach 16 06 46, 60069 Frankfurt am Main,
Telefon 069 / 23 06 05, fax 069 / 23 06 50, eMail info@interkulturellewoche.de, www.interkulturellewoche.de
Redaktion: Jutta Janzen
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Gefördert durch: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg und durch der Kirchenamt der EKD.

