Reader zur EKD-Synode 2000

Die Beziehungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zu den orthodoxen Kirchen

Reinhard Thöle

Präses Manfred Koch, der armenische Patriarch Mesrob II und der Erzbischof der Armenisch-Apostolischen Orthodoxen Kirche in Deutschland Karekin Bekdijan,

In der Reformation war das ökumenische Bewusstsein vorhanden, dass die Erneuerung der Kirche auch im Rückgriff auf das Glaubenszeugnis der Kirchenväter und in der Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen des Ostens zu finden sei. Die Aussagen der Kirchenväter galten als theologische Autorität bei der Abfassung der Bekenntnisschriften. Erste Kontakte zwischen Reformation und Orthodoxie wurden schon im 16. Jahrhundert durch einen Briefwechsel zwischen den Tübinger Theologen Martin Crusius und Jakob Andreae mit dem Patriarchen von Konstantinopel Jeremias II. geknüpft, wurden aber abgebrochen. Beide Kirchen entwickelten sich großenteils in politisch und kulturell getrennten Gebieten und vermochten es nicht, sich gegenseitig ein sachgerechtes Bild voneinander zu vermitteln.

Gegenwärtig sucht das veränderte Europa nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Machtbereiches und vor der Herausforderung durch die Globalisierung nach einer gemeinsamen Identität. Dieses geschieht im Spannungsfeld der Interessen politischer und wirtschaftlicher Bündnisse, die komplizierte ethnische und konfessionelle Identitäten berücksichtigen müssen. Den Kirchen kommt dabei die Aufgabe zu, das christliche Erbe für Europa auszulegen und unverlierbar zu machen. Eine gemeinsame Zukunft Europas ist ohne den Beitrag der orthodox geprägten Länder und Kulturen unvorstellbar. Das Zusammenleben verschiedener Kirchenfamilien in gemeinsamen Regionen und Staaten fordert alle Kirchen zu einem guten und vorbildlichen Miteinander im Rahmen der Religionsfreiheit auf.

In den letzten Jahrzehnten ist Deutschland zur Heimat von bis zu 1,5 Millionen orthodoxen Christen geworden. Sie kamen als Flüchtlinge vor dem Kommunismus, im Rahmen der Anwerbung ausländischer Gastarbeiter, als Asylsuchende aus den islamisch geprägten Staaten des Vorderen Orients und nach dem Zerbrechen des Eisernen Vorhangs zu uns. Sie brachten ihre liturgischen, sprachlichen und heimatlichen Traditionen mit nach Deutschland, aber auch die Sorgen und Probleme ihrer Kirchen aus ihren Herkunftsländern. Da sie sich zuerst ihrer Herkunft entsprechend zu mehr als 15 verschiedenen Kirchen zusammengeschlossen haben und mit der Sorge um ihren Gemeindeaufbau in einer Diasporasituation stark gefordert sind, ist die Stimme der Orthodoxie noch nicht so stark vernehmbar, wie es ihrem eigentlichen Gewicht als drittgrößte Konfession in Deutschland zukommen würde. Seit der Gründung einer Gemeinsamen Kommission 1994 befinden sich die orthodoxen Kirchen in einem Einigungsprozess untereinander auf dem Weg zu einer Orthodoxen Kirche in Deutschland. Sie arbeiten in den verschiedenen Zusammenschlüssen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mit und sind auf den Kirchentagen und bei kirchlichen Großereignissen präsent. Fast alle Oberhäupter ihrer Kirchen kamen inzwischen zu offiziellen Besuchen nach Deutschland, die die Gemeinschaft mit der EKD und mit der katholischen Kirche vertieft haben.

Die EKD kann den Aufgaben der Begegnung mit den orthodoxen Kirchen aufgrund einer Reihe von vertrauensvollen, in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs gewachsenen und in den schweren Zeiten des Kommunismus bewährten verlässlichen Dialogen gerecht werden. Das Festhalten der EKD an den verschiedenen Dialogzweigen zahlte sich besonders aus in der im Vorfeld der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) von Harare 1998 aufbrechenden Krise zwischen einigen orthodoxen Kirchen und dem ÖRK. Bischof Dr. Rolf Koppe wurde zum Co-Moderator der Sonderkommission eingesetzt, die die aufgetretenen Schwierigkeiten in Grundsatzfragen lösen soll.

Der Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche ("Arnoldshainer Gespräche") begann nach vorbereitenden Besuchen offiziell im Jahr 1959 mit der Begegnung in Arnoldshain. Neben der Aufgabe der theologischen Gespräche sollten die politischen Erblasten der Weltkriege im Verhältnis beider Völker mit bewältigt werden. Dieser Anfang war ein beispielhafter Schritt zur Versöhnung zwischen den Kirchen und kann auch als Anfang der grundsätzlichen Öffnung der russischen Kirche zum ökumenischen Prozess angesehen werden. Der ehemalige Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR begann 1974 eine eigene Dialogreihe ("Sagorsker Gespräche"), bei der die gemeinsame Situation der Kirchen in einer sozialistischen Umwelt immer mitbedacht wurde. Nach der Einigung Deutschlands wurden beide Dialogzweige vereinigt und 1992 in Bad Urach fortgesetzt ("Bad Uracher Gespräche"). Bei seinem Deutschlandbesuch sprach Patriarch Aleksij II. von Moskau und ganz Russland 1995 im Berliner Dom, in Erinnerung an die Stuttgarter Erklärung von 1945, eine Vergebungsbitte im Namen seiner Gläubigen für das infolge des Kommunismus den Deutschen zugefügte Leid aus.

Die Gespräche zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der EKD begannen 1969 als "Dialog der Liebe und der Einheit" (so Patriarch Dimitrios I.). Diese "Konstantinopel Gespräche" konnten verstanden werden als eine Wiederaufnahme der Kontakte der Reformatoren aus dem 16. Jahrhundert. Auch in diesem Dialog wurden die für Griechenland schmerzhaften Ereignisse des Zweiten Weltkrieges nicht ausgeklammert. Das Entstehen einer großen griechisch-orthodoxen Metropolie in Deutschland setzte einen weiteren Akzent.

 Eine besondere theologische Nähe kam dann besonders zum Tragen, wenn das Glaubenszeugnis der Kirchen in ihren hymnischen Überlieferungen ausgelotet wurde. Der Deutschlandbesuch des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von 1993 unterstrich die Wichtigkeit der kirchlichen Begegnungen, die im Geiste der Agape-Gemeinschaft stattfinden.

Die Begegnungen mit der Rumänischen Orthodoxen Kirche, die 1979 in Goslar begannen ("Goslarer Gespräche"), zeigten als akademischer Lehrdialog in ihren Ergebnissen eine so vorher nicht vermutete Nähe in den theologischen Grundfragen zwischen beiden Kirchen an. In einer gemeinsamen Auswertung des Dialoges 1998 zeigten sich die Kommissionen davon überzeugt, dass dieser Dialog einen für die beteiligten Kirchen nicht mehr aufkündbaren verpflichtenden Charakter hat und beide Kirchen sich bereits in einer Zeugnis- und Dienstgemeinschaft in ihren Ländern und in Bezug auf die Kirchen untereinander befinden.

Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR nahm im Jahr 1978 die "Herrnhuter Gespräche" mit der Bulgarischen Orthodoxen Kirche auf. Die DDR hatte bedeutende wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu Bulgarien aufgebaut, allerdings durften sich die bulgarischen Christen kirchlich in der DDR nicht organisieren. Zugleich sollte auch gegenüber der orthodoxen Kirche in ihrer schwierigen Lage unter dem Kommunismus in Bulgarien ein stärkendes Zeichen gesetzt werden. Nach der Einigung Deutschlands wurden die "Herrnhuter Gespräche" von der EKD fortgeführt. Allerdings kam es nach der politischen Wende innerhalb der Bulgarischen Orthodoxen Kirche zu einer Kirchenspaltung, deren Folgen auch die Fortsetzung des Dialoges verzögerte. Traditionell ist aber bei allen Vertretern der bulgarischen Kirche das Interesse groß, den Dialog fortzusetzen, zumal es in ihr eine deutschfreundliche und für evangelische Kirchlichkeit aufgeschlossene Tradition seit mehreren Generationen gegeben hat.

Diese vier Dialoge mit orthodoxen Patriarchaten haben nicht nur den Charakter von Lehrgesprächen, sondern immer auch von kirchlichen Begegnungen. Sie berücksichtigen die Situation der Kirchen und Gemeinden vor Ort und beziehen sie mit ein. Die Kommissionen nehmen an den Gottesdiensten der Ortsgemeinden teil. Bei den "Goslarer Gesprächen" waren von Beginn an Vertreter der lutherischen Kirche der siebenbürgisch-sächsischen Herkunft und der reformierten Kirche ungarischer Herkunft beteiligt. Nach der Gründung einer eigenen rumänischen Metropolie für Deutschland beteiligten sich seit 1993 Theologen dieser Metropolie an den Gesprächen. Metropolit Serafim übernahm die Leitung der rumänischen Delegation. Bei den "Arnoldshainer Gesprächen" beteiligten sich Vertreter der Evangelischen Lutherischen Kirche in Russland oder der Gemeinden auf dem Gebiet Weißrusslands sowie Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland. Die "Konstantinopel Gespräche" werden von den griechisch- orthodoxen Theologen Deutschlands und ihrem Metropoliten Augoustinos als Vorsitzendem mit getragen, und bei den Begegnungen in Griechenland sind Vertreter der deutschen Auslandsgemeinden mit einbezogen.

Die EKD vermittelt die Ergebnisse der Dialoge den verschiedenen Ebenen ihres kirchlichen Lebens. Der Orthodoxiereferent im EKD-Kirchenamt koordiniert die aktuelle Beziehungsarbeit, organisiert und dokumentiert die Dialoge und begleitet die Arbeitsgruppen. Der "Facharbeitskreis" reflektiert die evangelisch-orthodoxen Gespräche auf der akademisch-theologischen Ebene. Der "Multiplikatorenkreis" verknüpft die Dialoge, die Gemeindebegegnungen und die Partnerschaftsarbeit. Das "Junge Forum" führt eigene Begegnungen von jungen Theologen und Theologinnen im Umfeld ihrer Ausbildung oder ihrer Dienstbereiche ohne den Druck eines offiziellen Charakters durch. In einigen Landeskirchen haben sich eigene Arbeitskreise zur Beschäftigung mit orthodoxer Theologie und Frömmigkeit gebildet. Besonders die Akademien in Tutzing, Hofgeismar und Bad Boll nehmen sich immer wieder Themen der evangelisch-orthodoxen Beziehungen an. An den Evang.-Theol. Fakultäten in Berlin, Halle, Erlangen, Göttingen, Marburg und Münster bestehen Lehrstühle mit besonderer Ausrichtung auf Geschichte und Theologie der orthodoxen Kirchen. Das Referat für Ostkirchenkunde am Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes in Bensheim arbeitet als Bindeglied zwischen den Dialogen und Gremien der EKD, dient der Fortbildung in den Landeskirchen und der Information für Pfarrämter und Gemeinden und arbeitet auch über die nichtkanonischen orthodoxen Kirchen und die katholischen Ostkirchen.

Es besteht für Deutschland ein regelmäßig stattfindendes Kontaktgespräch zwischen den Vertretern der Bistümer der kanonischen Orthodoxen Kirche in Deutschland und der EKD. Da zunehmend pastorale Fragen im Miteinander der Kirchen in Deutschland wichtig werden, wurde 1999 eine kleine Arbeitsgruppe eingesetzt mit dem Auftrag, einen einvernehmlichen Umgang der Kirchen in der Frage der konfessionsverschiedenen Ehe zu erreichen.

Nach mehreren von der Universität Heidelberg getragenen evangelisch/orientalisch-orthodoxen Begegnungen begannen 1991 im Kloster Wennigsen auch offizielle Konsultationen der EKD mit den Vertretern der fünf orientalisch-orthodoxen Kirchen in Deutschland. Dort konnte auch eine gemeinsame Übereinstimmung in den Fragen der Christologie formuliert werden, nachdem im "Second Agreed Statement" von 1990 kirchentrennende Unterschiede zwischen den orthodoxen Kirchen der byzantinischen und der orientalischen Tradition aufgehoben werden konnten.

Das Diakonische Werk der EKD (DW) übernahm in Bezug auf die orthodoxen Kirchen zwei besondere Verantwortungsbereiche. In der Zeit der so genannten Gastarbeiterbewegung wurde die Betreuung der Arbeitnehmer aus orthodox geprägten Ländern zuerst einmal vom DW wahrgenommen. Seit 1978 geschieht diese Arbeit in vertraglich geregelter Partnerschaft mit der Griechisch-orthodoxen Metropolie in Deutschland. Das DW begleitet und verwaltet auch Stipendienprogramme, mit denen etwa 50 Studierende der Theologie und anderer kirchlicher Arbeitsfelder in Deutschland leben und arbeiten und ihre Erfahrungen nach Rückkehr in ihre Heimatkirchen fruchtbar werden lassen. Das "Studienkolleg für orthodoxe Stipendiaten der EKD" in Erlangen mit einer eigenen orthodoxen Hauskapelle ist dabei Zentrum dieses Konzeptes, das neben der akademischen und beruflichen Ausbildung auch das Kennenlernen der evangelischen Landeskirchen in Deutschland und ihres Lebens zum Ziel hat und pfarramtlich begleitet wird.

Auf der Ebene von Landeskirchen und Gemeinden sind viele Verbindungen gewachsen. So unterhält die Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck eine offizielle Partnerschaft zur Rum-orthodoxen Kirche von Antiochien. Die Ev.-Luth. Kirche in Bayern ist eine Partnerschaft zu einer Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche eingegangen. In der Ev. Landeskirche in Württemberg haben mehrere Kirchenkreise Partnerschaften mit verschiedenen orthodoxen Bistümern in deren Heimatländern geschlossen. Auch aus Städtepartnerschaften erwuchsen kirchliche Beziehungen, so z. B. Hamburg - St. Petersburg. Der Reaktorunfall von Tschernobyl/Ukraine führte zu Hilfsaktionen und vor allem zur Bereitschaft, Kinder aus belasteten Gebieten in den Ferien nach Deutschland einzuladen.

Zwischen der EKD und dem 1969 gegründeten Bistum für Mittel- und Westeuropa der Serbischen Orthodoxen Kirche, das seit 1978 sein Diözesanzentrum in Hildesheim-Himmelsthür hat, bestehen vertrauensvolle Beziehungen. Sie erlaubten der EKD, ihre Besorgnis wegen der gelegentlich zu beobachtenden kirchlichen Verstärkung nationalistischer Tendenzen im Konflikt um das ehemalige Jugoslawien zum Ausdruck zu bringen. Gegenwärtig beteiligt sie sich in Zusammenarbeit mit der Konferenz Europäischer Kirchen an Hilfsmaßnahmen im Kosovo.

Evangelische und orthodoxe Kirchen stehen trotz unterschiedlicher Traditionen und Selbstverständnisse gegenwärtig in Europa vor denselben Herausforderungen in Gesellschaft, Politik und Kultur. Die vom Polnischen Ökumenischen Rat und der EKD getragenen Versöhnungskonsultationen, die 1997 in Graz und 1998 in Warschau stattfanden, haben die Kirchen in der Ukraine, in Belarus, Polen und Deutschland zusammengeführt und geholfen, Spannungen abzubauen.

In Deutschland ist die Orthodoxie zur drittgrößten Konfession geworden und zu ökumenischem Miteinander und zum gemeinsamen christlichen Zeugnis bereit. Die theologischen Übereinstimmungen und Unterschiede im Leben und in der Lehre zwischen den Kirchen sind nicht so einfach festzustellen und zu bewerten wie in den evangelisch-katholischen Beziehungen. Ergebnisse lassen sich nicht so eindeutig fixieren wie es der evangelischen Mentalität entspricht. Nicht alles, was theologisch schon gemeinsam festgestellt ist, kann sofort kirchliche und kirchenpolitische Konsequenzen haben. Andererseits sind Lernprozesse, tiefe Begegnung und Gemeinschaft möglich, ohne bereits letztgültige Festlegungen erreicht zu haben. Andere Sensibilitäten erfordern viel gegenseitige Rücksichtnahme auf die unterschiedlichen Identitäten und ein verstärktes gegenseitiges Kennenlernen auf allen Ebenen der Kirchen, damit nicht aus Unkenntnis ungewollte gegenseitige Missverständnisse und Verletzungen erfolgen.

Die evangelisch-orthodoxe Begegnung ist für die EKD nicht weniger notwendig als die Begegnung mit katholischen, anglikanischen und anderen Kirchen. Wenn östliche und westliche Theologien und Spiritualitäten sich begegnen und durchdringen, erhält der christliche Glaube eine neue Kraft.

Der Autor, Professor Reinhard Thöle, ist wissenschaftlicher Referent für Ostkirchenkunde im Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes in Bensheim und Lehrbeauftragter in Heidelberg.



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